Eigentlich sollte am Sonnabend das Strandfest in Kamern stattfinden. Stattdessen rief die Gemeinde alle Einwohner zum Arbeitseinsatz auf: Sandsackwälle mussten zurückgebaut und der Jugendtreff ausgeräumt werden.

Kamern l Es war schon ein recht widersprüchliches Bild: Während die Kamernschen am alten Deich am Sportplatz hemdsärmlig die Sandsäcke ausschütteten, liefen oben Feuerwehrmänner in gelben Schutzanzügen herum und räumten die Schläuche weg. Nach amtlicher Lesart waren wohl die Sandsäcke von der Flut nicht kontaminiert, dafür aber die Schläuche. Denn letztere wurden noch vor Ort mit einem besonderen Reinigungsmittel und bei 70 Grad Hitze dekontaminiert und entkeimt. Dies erledigte der Dekontaminationszug des kreislichen Feuerwehr-ABC-Fachdienstes, informierte auf Nachfrage Nils Wilhelm vom Landkreis. Angerückt waren vier Fahrzeuge aus dem Bereich Tangerhütte.

Der Schutz der Aktiven war übrigens auch nötig wegen des Eichenprozessionsspinners, der jetzt neben der Flut den Kamernschen zusetzt. Zwar mahnte ein Schild, diesen Bereich deswegen zu meiden, doch die Sandsäcke wurden dennoch unter den Gespinsten geleert. Ohne Schutzanzüge.

Der Arbeitseinsatz am Tag des Strandfestes, das ersatzlos gestrichen wurde, fand an mehreren Stellen im Dorf statt. Über 100 Freiwillige waren dem Aufruf von Bürgermeister Klaus Beck gefolgt. Als Schwerpunkte wurden zum Beräumen festgelegt: Der Sandsackwall an der alten Schulküche, der alte Deich am Sportplatz und jener am Weg zum See. Auf dem Gelände der Agrargenossenschaft und am Sandberg wurden tausende Säcke entleert.

Doch wurde teils auch der alte Deich um den Ortskern mit Sand verstärkt. Der Wall war errichtet worden, nachdem Kamern 1845 erneut von einem Deichbruch betroffen gewesen war. Das Unglück geschah damals bei Lübars, und zwar am 4. April. In Kamern leistete der lange vernachlässigte Wall erstmals gute Dienste.

Der Sandberg als Materialspender wurde in der Not - als der Nachschub ausblieb - und mit Zustimmung des Landbesitzers wieder reaktiviert. Denn früher war hier ebenfalls Sand gewonnen worden. In Vorbereitung auf die Flut konnten so die Sandsäcke rasch befüllt werden. Beim Arbeitseinsatz wurde der Berg nun wieder aufgefüllt - wohl mit noch mehr Sand als ihm vor drei Wochen entnommen worden war.

Brennende Erde im Klub versinkt in den Fluten

Damit die Sandsäcke rasch entleert werden konnten, verteilte Kathrin Gierke Cuttermesser. Diese werden sonst von der Jungen Gemeinde zum Basteln genutzt. Die Frauen sorgten fürs Mittagessen, wie es schon während der Flut geschah, von ihnen kam auch der Kuchen zur Kaffeezeit. Örtliche Firmen halfen mit Technik, stellten beispielsweise Radlader und Lkw.

Eine weitere Baustelle in Kamern war der Jugendtreff am See. In den Räumen hatte das Wasser 40 Zentimeter hoch gestanden. Überflutet wurde dabei auch das Wandbild, welches eine brennende Erde darstellt. Weil es eine Trockenbauwand war, musste sie komplett demontiert werden - und mit ihr das Bild. "Am Donnerstag hatte ich das erste Mal nach der Flut die Tür geöffnet, es war erschütternd", berichtete Klubbetreuerin Petra Güldenpfennig. "Alles, was nicht nass war, fing zu schimmeln an, sogar die Griffe der Tischtennisschläger und die Möbel auf dem Billardtisch."

Viele Jugendliche halfen seit Freitagnachmittag beim Ausräumen, ein großer Berg Sperrmüll sammelte sich auf der Rückseite des Klubs. Weitere Helfer seien nun gefragt, vor allem Handwerker, bat die Betreuerin um Unterstützung. Unter anderem muss der Putz ab. Zwei Helfer aus Baden-Württemberg waren beim Aufräumen mit dabei, weitere acht kamen aus der Nähe von Bonn. Die Truppe half gestern auch beim Beräumen des Gebäudes von den etwa 30000 Sandsäcken.

6000-Euro-Spende für Flutopfer in Kamern

Petra Güldenpfennig berichtete von weiteren Helfern in der Not: Christine Beyer und Gudrun Elster erklärten sich spontan bereit, das verschmutzte Geschirr zu säubern. Und die Postfrau brachte Bastelmaterial und Laubsäge. Weitere Hilfen sind angekündigt.

Über eine tolle Spende freute sich an dem Tage auch Arno Brandt vom Förderverein der Feuerwehr: Reinhard Doberenz, Vorstand der Johanniter-Unfallhilfe, hatte bei einem Geschäftspartner, dem Rettungswagenhersteller Ambulanz-Mobile in Schönebeck, nachgefragt und den Kontakt vermittelt. Inhaber Hans-Jürgen Schwarz, gebürtiger Seehäuser, sagte sofort zu und übergab dem Verein eine Spende in Höhe von 6000 Euro. "Meine Firma liegt 150 Meter vom Elbdeich entfernt, wir mussten um die 300 Kundenfahrzeuge evakuieren", berichtete er von der gewaltigen Flut. Fünf Tage lang stand die Produktion still. Das Geld sammelte er auch unter seinen Mitarbeitern sowie bei Zulieferern unter anderem aus Holland, Österreich und der Schweiz.

"Hier wurde an vielen Fronten gekämpft, etwa 50 Grundstücke sind betroffen", informierte Arno Brandt über die Flutfolgen im Ort. Eine Kommission aus Ratsmitgliedern, dem Bürgermeister und weiteren Bürgern soll entscheiden, wie die Spenden verteilt werden. Manche Hausbesitzer sind stärker betroffen, auch weil bei ihnen das Wasser lange stand und Schlamm angeschwemmt wurde. Das Geld könne man in Kamern gut gebrauchen.

Reinhard Doberenz ergänzte, dass die Johanniter in vier Landkreisen bei der Flut tätig waren. In der Region seien 13 seiner Angestellten von der Flut betroffen. Geplant sei zudem eine Spendenaktion für einen betroffenen Feuerwehrmann.

   

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