75 Jahre ist es her, dass auch in Havelberg jüdische Mitbürger in der sogenannten Reichskristall- oder Pogromnacht aus ihren Häusern getrieben und verfolgt worden. So wie seit 25 Jahren wurde auch am Sonnabend an der Gedenktafel für die jüdische Gemeinde ein Kranz befestigt und der Opfer gedacht.

Havelberg l In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland jüdische Synagogen und Gebetshäuser. Jüdische Mitbürger wurden aus ihren Wohnungen getrieben, ihre Geschäfte zerstört, Schaufenster zertrümmert. Die Reichskristallnacht war der Beginn einer systematischen Verfolgung, Inhaftierung und späteren Ermordung jüdischer Mitbürger in Deutschland. Daran erinnerte Havelbergs Bürgermeister Bernd Poloski am Sonnabend anlässlich der Gedenkveranstaltung vor dem Haus am Markt, in dem sich einst die Synagoge befand. Seinen kleinen Streifzug durch die Geschichte jener Zeit beendete er mit dem Satz: "Der Novemberpogrom vom 9. und 10. November 1938 kann zweifellos als der offenkundige Beginn des Völkermordes an Europas Juden angesehen werden."

Jüdische Gemeinde erstmals 1334 erwähnt

Ein Stück eines der schlimmsten Kapitel deutscher Geschichte wurde auch in Havelberg mitgeschrieben, wie Zeitungs- und Augenzeugenberichte aus jener Nacht bezeugen. Antje Reichel vom Prignitz-Museum hatte sie in den vergangenen Jahren zusammengetragen. Am Sonnabend lasen Gerda Schürmann, Elisabeth Richter und Simone Dülfer daraus vor.

In Havelberg lebten im November 1938 noch zehn jüdische Bürger. Zudem befanden sich etwa 20 junge Leute nahe der Stadt im Hachschara-Lager, in dem sie sich auf ihre Auswanderung nach Palästina vorbereiteten. Die frühere Synagoge am Markt gab es da schon nicht mehr. Nach dem Stadtbrand 1870 war der Synagogenraum auf dem Hinterhof am Markt 9 zwar wieder aufgebaut worden, doch wurde die jüdische Gemeinde, deren schriftliche Ersterwähnung aus dem Jahr 1334 stammt, mit Wilsnack zusammengelegt und die Synagoge in Havelberg wenige Jahre später geschlossen.

Am Nachmittag des 9. November 1938 hatten sich viele Menschen vor dem Rathaus versammelt, die sich später, aufgehetzt durch Nazi-Führer und ausgestattet mit Plakaten, mit judenfeindlichen Liedern und Sprechchören zu einem Zug durch die Stadt aufmachten. Dabei kam es in der Fischer- und in der Sandauer Straße zu Ausschreitungen. "Der Demonstrationszug zog grölend vom Markt. Bei einem alten Juden, der Glaser war, und bei einem anderen älteren jüdischen Ehepaar in der Fischerstraße wurde Halt kommandiert. Der SA-Führer und seine Kumpane, darunter ein Offizier der Wehrmacht in Zivil, stürzten auf das Haus los, hoben die Fensterläden aus, zertrümmerten die Fensterscheiben, zerbrachen die Fensterkreuze, zerrissen die Gardinen, drangen in das Haus ein und warfen Bücher und Betten auf die Straße", hat Rudolf Bentz als damals 17-Jähriger seine Erinnerungen später aufgeschrieben.

"Die Geschichte darf sich nicht wiederholen"

Die jüdischen Jugendlichen waren unter "Polizeischutz" genommen worden, was bedeutete, dass sie spätabends in einem Viehwagen zum Rathaus transportiert worden sind. In den Erinnerungen der Augenzeugin Annette Eick ist zu lesen: "Das Gut wurde nachts von Nazis überfallen und alle Jugendlichen gewaltsam ins Polizeigefängnis verschleppt. Etwas Schreckliches passierte, nachdem wir abtransportiert worden waren. Die Frau unseres Leiters war auf der Farm geblieben und stand vor der Entbindung. Das Kind blieb im Bauch, sie hat furchtbar gelitten und ist daran gestorben. Im Gefängnis fanden wir nach ungefähr zwei oder drei Tagen heraus, dass die Frau des Polizisten mit Absicht die Tür offen gelassen hatte. Wir rannten weg, wir entkamen." Die junge Frau fand in den Trümmern des Lagers ihren Passport und bekam kurze Zeit später ihre Ausreiseerlaubnis nach England.

Der Bürgermeister befestigte am Sonnabend gemeinsam mit Dieter Härtwig vom Ordnungsamt einen Kranz an der Gedenktafel am Haus der früheren Synagoge, nachdem er die Bedeutung des Gedenkens hervorgehoben hatte: "Wir wollen bewusst auch in unserer Stadt für alle ein Zeichen der Erinnerung und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unseres Volkes setzen. Denn die Geschichte darf sich nicht wiederholen! Nie wieder Rassenhetze! Nie wieder Rassenwahn!" Mit Zitaten aus der Bibel in deutsch und hebräisch erinnerten Pfarrer Frank Städler und Rainer Richter an gemeinsame Wurzeln des christlichen und des jüdischen Glaubens. Judith Tetzlaff begleitete die Gedenkfeier auf der Querflöte. Als sie zum Schluss "Shalom" spielte, stimmten etliche der Teilnehmer gesanglich ein.