Der Klietzer Bürgermeister Jürgen Masch feiert heute seinen 70. Geburtstag. Auch wenn die Freude in Zeiten leerer Kassen oftmals getrübt ist, macht ihm die Arbeit Spaß. Und bis 2015 will er die Geschicke der Gemeinde auch noch sicher in der Hand halten.

Klietz l Manchmal gibt es Momente, in denen Jürgen Masch alles hinschmeißen könnte. "Aber die sind zum Glück nur kurz. Das Positive überwiegt." Auch nach 21 Jahren hat er Freude an der Arbeit als Bürgermeister. Leicht gemacht wird ihm das nicht. Abgesehen von Streitigkeiten im Gemeinderat, die auch vor Gericht ausgetragen werden, ist die Gemeinde Klietz pleite, befindet sich seit vergangenem Jahr in Haushaltskonsolidierung. Damit gehört die Seegemeinde zu gegenwärtig 177 von insgesamt 219 Kommunen im Land Sachsen-Anhalt, die die Haushaltsausgaben nicht mehr decken können. "Deshalb bin ich auch so enttäuscht von unserer Landesregierung. Sie muss sich doch langsam mal die Frage stellen, warum es immer mehr Kommunen gibt, die pleite sind. Doch nicht, weil wir schlecht wirtschaften und das Geld zum Fenster rausschmeißen! Das Land baut seine Schulden zu Lasten der Kommunen ab. Die höheren Steuereinnahmen, von denen immer geredet wird, kommen bei uns doch gar nicht an. Stattdessen erhalten wir immer weniger Zuweisungen und müssen höhere Umlagen an Kreis und Verbandsgemeinde zahlen. Wir sollen Personalkosten sparen und Leute entlassen, aber das Land stellt ein - das ist ungerecht!"

Das, was die Gemeinde in den 21 Jahren seit der Wende geschaffen hat, macht Jürgen Masch stolz: "Es ist schon eine ganze Reihe, was wir vorweisen können, und was das Leben hier lebenswert macht". Sämtliche Straßen und Gehwege sind ausgebaut, Kindergarten und Schule gehören zu den modernsten im Elbe-Havel-Land, die Klietzer Feuerwehr hat ein ordentliches Gerätehaus, es gibt zahlreiche Geschäfte, ein reges Vereinsleben, eine funktionstüchtige Mühle, ein Schullandheim, einen Wanderweg um den See... "Vieles ist schon selbstverständlich geworden und man kann es gar nicht mehr schätzen. Man muss sich immer vor Augen halten, dass andere Gemeinden schlechter dastehen."

Allerdings gibt es auch Sorgenkinder: Als erstes nennt Jürgen Masch die Turnhalle. Der zweite Teil der Sanitäranlagen ist zu modernisieren, außerdem möchte die Gemeinde die Halle auch vergrößern, damit Zuschauer bei Judo- und Fußballturnieren Platz auf einer Tribüne haben. Das aber gehört zu freiwilligen Aufgaben, für die momentan kein Geld vorhanden ist. Auch das leerstehende Ärztehaus, das sich für Betreutes Wohnen eignet, bereitet Kopfzerbrechen, weil sich bisher kein Investor gefunden hat. Die Straßen durch die Seesiedlung sind auch nicht im besten Zustand. "Und seit Jahren wollen wir etwas am Scharlibber Gerätehaus machen. Es ist viel zu klein, die Fahrzeuge passen nicht rein. Und dann ist da noch unser See, der immer mehr verlandet, vom Kleinen Klietzer See ist kaum noch etwas zu sehen, hier besteht dringender Handlungsbedarf, damit die Verlandung gestoppt wird."

Glücklich ist Jürgen Masch, dass Klietz als Bundeswehrstandort erhalten bleibt. "Der Truppenübungsplatz ist ein Segen für uns. Nicht nur, dass viele Menschen hier ihren sicheren Arbeitsplatz haben, sondern durch zivilmilitärische Maßnahmen wurden auch viele Straßen erneuert, was wir uns finanziell hätten gar nicht leisten können. Mit allen fünf Kommandanten bin ich sehr gut ausgekommen, und das Verhältnis zwischen Gemeinde und Bundeswehr ist bestens und besteht aus gegenseitigem Geben und Nehmen."

Vor allem Oberstleutnant Siegmar Witzleben, der gleich Anfang der 90er Jahre seinen Dienst in Klietz versah, war Jürgen Masch eine Stütze. "Ich hatte von Verwaltung ja kaum Ahnung, für uns war alles neu. Wir haben so manchen Abend zusammengesessen ,und ich habe wertvolle Tipps bekommen."

Wie die meisten Bürgermeister hatte auch Jürgen Masch mit Verwaltung nichts am Hut. Nach der Schule hatte er eine Ausbildung zum Traktoristen gemacht, arbeitete in der Scharlibber Agrargenossenschaft, in den 70-er Jahren wurde er erst Komplexleiter und dann Brigadier. Im April 1990 gehörte er zur Klietzer Wählergemeinschaft, die bei den Wahlen die stärkste Fraktion darstellte. Aus ihrer Mitte wurde der Bürgermeister bestimmt, "weil ich schon immer mit Menschen zu tun hatte, meinte man, dass ich die Aufgabe wohl meistern könnte. So bin ich zu meinem Bürgermeisteramt gekommen." Schnell gewann Jürgen Masch das Vertrauen der Klietzer. Bei den in den folgenden Jahren stattfindenden Wahlen bekam er trotz einiger Gegenkandidaten die meisten Stimmen. Zwischenzeitlich war er hauptamtlich Bürgermeister, dann wieder ehrenamtlich, weil er im Sandauer Bauamt der Verwaltungsgemeinschaft eingestellt wurde. Hier arbeitete er bis zum Rentenalter. Gern denkt er an den Sommer 2002 zurück, als die Klietzer beim Kampf gegen das Hochwasser großen Zusammenhalt bewiesen haben.

Auch heute vergeht kaum ein Tag, an dem nichts für die Gemeinde zu tun ist. Morgens um 6 Uhr klingelt der Wecker, die letzte Sitzung ist an manchem Abend erst kurz vor Mitternacht zu Ende. Jürgen Masch versäumt kaum eine Gelegenheit, Landespolitikern seine Meinung zu sagen, auch wenn er deshalb als unbequem abgestempelt wird. Zweimal im Jahr gönnt er sich mit seiner Partnerin Urlaub, um neue Kraft zu tanken. Denn die Differenzen im Gemeinderat haben schon für schlaflose Nächte gesorgt. "Aber ich weiß, dass die Mehrheit hinter mir steht und es ehrlich mit mir meint." Er will bis zum Ende der Wahlperiode 2015 alles tun, um die Gemeinde weiter voranzubringen. Seine nächste Aufgabe für das kommende Jahr ist der Bau des Radweges nach Neuermark. "Und in die Häuser und Wohnungen, die leer stehen, sollen wieder neue Leute ziehen. Ich hoffe, dass durch die Verlängerung der A 14 die positiven Impulse bis zu uns reichen und wir wirtschaftlich davon profitieren. Und ich fordere von der Landesregierung, dass sie uns Kommunen nicht verhungern lässt und uns mit Finanzen ausstattet, die uns zumindest ein wenig Spielraum lassen, damit wir auch investieren können."

Heute empfängt der Bürgermeister seine Geburtstagstagsgäste, gefeiert wird mit Verwandten und Freunden am Sonnabend. Statt Blumen und Geschenken wünscht sich Jürgen Masch eine Spende für das Schullandheim.