Nach dem Erdbeben in Japan gab es in Havelberg eine große Spendenbereitschaft für die Opfer. Der Havelberger Sebastian Maslow, der in Sendai lebt, rief gemeinsam mit dem Rotary Club und der Volksstimme zu Spenden auf. Jetzt wurden die Gelder übergeben.

Sendai/Havelberg l Auch nach mehr als neun Monaten sind die Folgen der historischen Dreifachkatastrophe von Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze im Nordosten Japans allgegenwärtig. Mehr als 15000 Menschen sind in den betroffenen Gebieten der Tohoku-Region der Katastrophe vom 11. März zum Opfer gefallen. Mehr als 3600 Menschen werden noch vermisst. Die Ereignisse haben sich tief ins Gedächtnis der Menschen gebrannt und nur langsam kehrt der Alltag zurück. Viele der von der Katastrophe Betroffenen müssen den Jahreswechsel in einer der mehr als 50000 notdürftig errichteten Containerwohnungen verbringen. Insgesamt mussten mehr als 330000 Menschen wegen der Katastrophe fliehen.

Weite Teile der Region gleichen heute abgeräumten Trümmerfeldern, wie viele Japaner sie nur von Bildern aus den letzten Monaten der Kriegszeit kennen - die Brandwüsten Hiroshimas, Nagasakis oder Tokios haben sich seither ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Nicht anders zeigt sich das Bild in der Hafenstadt Kesennuma. Mit knapp 70000 Einwohnern gehört die Stadt im Norden der Präfektur Miyagi zu einer der am schwersten vom Tsunami betroffenen Gebiete. Mehr als 1000 Menschen haben ihr Leben in den Fluten des mehr als zehn Meter hohen Tsunamis verloren.

Das Schicksal der Menschen in Miyagi hat viele Menschen in Deutschland betroffen gemacht. Die Bilder der schwarzen Wassermassen, die brennenden Ölteppiche und dann der GAU im Atommeiler Fukushima 1 haben die Ereignisse auch im fernen Europa spürbar werden lassen. Während die Unsicherheit ob der Folgen von Radioaktivität die Tagesberichterstattung geprägt haben, sollten in Japan die Anstrengungen beginnen, die bisher größte Katastrophe in der Nachkriegsgeschichte des Landes zu bewältigen.

Den Menschen in der Region Hoffnung auf eine neue Zukunft zu geben, stellt eine schwere Aufgabe dar, deren Bewältigung auch heute kaum absehbar ist. Umso mehr wurde die unmittelbare Hilfsbereitschaft der vielen Menschen in Deutschland und insbesondere der Bürger und Bürgerinnen in meiner deutschen Heimat mit großer Dankbarkeit und Freude empfangen.

"Die Fluten haben die gesamte Einrichtung zerstört."

Ihre großzügige und unmittelbare Hilfsbereitschaft hat nicht nur mir persönlich in den schweren Tagen und Wochen nach der Katastrophe Mut und Hoffnung gespendet, sondern auch den Menschen hier vor Ort. Mit tiefer Dankbarkeit freue ich mich, Ihnen nun mitteilen zu können, dass ich die Spendengelder, die im Laufe der neun Monate auf 14680 Euro (1,467 Millionen Yen) angewachsen sind, am Mittwoch dieser Woche gemeinsam mit Michie Onodera, Sekretärin im Wahlkreisbüro des Parlamentsabgeordneten Itsunori Onodera, an zwei soziale Einrichtungen in Kesennuma übergeben habe.

Jeweils 733609 Yen gingen an den Ashinome Kindergarten sowie das Nakatsuumikai Pflegeheim für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. In einem persönlichen Gespräch haben mir die Leiter beider Einrichtungen die schrecklichen Ereignisse jener Tage geschildert. Ineko Ishikawa, Direktorin der Kindertagesstätte, zeigte mir Bilder der Verwüstung. Die Fluten haben die gesamte Einrichtung vollständig zerstört. Mitarbeiterinnen erklärten mir, wie sie die Kinder in Sicherheit brachten und dabei selbst beinahe mit dem Leben bezahlen mussten. Festgeklammert habe sie sich mit beiden Händen an einer Deckenbefestigung, um nicht von der Welle davongerissen zu werden, berichtete Ineko Ishikawa mit Blick auf eine ihrer Erzieherinnen.

170 Kinder besuchten die Einrichtung an diesem Tag. Obwohl alle Kinder rechtzeitig gerettet werden konnten, musste man den Tod eines Kindes, das sich zum Zeitpunkt der Katastrophe auf dem Heimweg befand, beklagen. Heute sind die Kinder in einem weiter entfernten Kindergarten untergebracht, wo man mich auch am Mittwoch empfing. Vielen sei der Stress der vergangenen Monate noch anzumerken. Da kommt es nur gelegen, dass man sich für Februar auf ein alljährliches Konzert vorbereitet.

Zuvor wird die Kita im Januar in den neu errichteten Bau des Ashinome Kindergartens umziehen. Die Spenden aus Havelberg wird man nutzen, um die nötigsten Einrichtungsgegenstände von Lehrmaterial über Spielzeug bis hin zu Musikinstrumenten anzuschaffen. Für Februar haben mich die Kinder eingeladen, sie beim Konzert zu begleiten und mir ihr neues Zuhause anzusehen.

Auch das Nakatsuumikai Pflegeheim wurde vollständig zerstört, berichtet Heimleiter Hiroshi Yoshida. Es komme einem Wunder gleich, dass man alle 79 Patienten, viele von ihnen im Rollstuhl, retten konnte. Ohne Strom, Gas und medizinische Versorgung verweilte man zwei Tage in einer nahen Turnhalle, während die Reste des gefluteten Pflegeheims vom Ölfeuer zerstört wurden. Die Einrichtung wurde gerade mal sieben Jahre alt. Heute erinnert nur noch eine abgeräumte Fläche an das einstige Pflegeheim. Nur wenige Meter daneben, inmitten von Häusertrümmern, mahnt ein Containerschiff an die Wucht der Riesenwelle, die das tonnenschwere Ungetüm fast einen Kilometer landeinwärts trug. Derzeit suche man nach einem neuen Grundstück für den Neubau des Pflegeheims. Neun bis zehn Milliarden Yen sind für die Grundkosten erforderlich, da man vor allem medizinisches Gerät benötige. In zwei, spätestens drei Jahren soll der Bau abgeschlossen sein. Die Spendenhilfe bedeute eine große Verantwortung, den Neubau so schnell wie möglich voranzutreiben, so Hiroshi Yoshida. Er hofft, dass ich dann noch in Sendai sein werde, um mich von den Ergebnissen überzeugen zu können. Bis dahin werden seine Patienten in zwei Einrichtungen in Trägerschaft der gemeinnützigen Gesellschaft untergebracht.

Abschließend möchte ich mich an dieser Stelle persönlich für Ihre Unterstützung und Anteilnahme bedanken. Mit Stolz und Dankbarkeit haben Sie es mir ermöglicht, einen persönlichen Brückenschlag zwischen meinen zwei Heimaten zu schlagen, der nicht nur mich, sondern hoffentlich auch viele von Ihnen über die schrecklichen Ereignisse dieses Jahres hinaus an die Entwicklungen in Japan binden wird.

Ein Dank gilt auch den Organisatoren des Rotary Clubs in Havelberg sowie der Volksstimme Havelberg, ohne deren aufrichtige Unterstützung dieses Projekt in dieser Form nicht möglich gewesen wäre.

Mit Freude blicke ich bereits auf die folgenden Monate und die Möglichkeit, über die konkreten Ergebnisse Ihrer Anteilnahme berichten zu dürfen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen aus dem winterlichen Nordjapan besinnliche Festtage und einen guten Rutsch in das neue Jahr 2012 (dem Jahr des Drachen in Fernost).

   

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