Wenn der Weihnachtsmann heute Abend an Ihre Tür klopft, halten Sie ihn nicht zu lange auf! Denn er hat viel zu tun. In Schönhausen warten nicht nur die Kinder auf ein Geschenk, sondern auch "Bissi", das kleine Schlossgespenst im alten Gutshaus.

Schönhausen l "Fast geschafft!" Einen Augenblick Verschnaufpause gönnt sich der Weihnachtsmann an diesem Heiligabend. Er setzt sich auf seinen Schlitten, unter den seine Wichtel dieses Jahr wieder mal Rollen bauen mussten. Manchmal gehen eben auch Weihnachtsmannwünsche nicht in Erfüllung - nächstes Jahr klappt es dann bestimmt mit einer weißen Weihnacht...

Nur noch ein kleines Geschenk, in goldenem Papier verpackt mit großer roter Schleife, liegt im Sack. "Das ist für Bissi", beginnen die Augen des Weihnachtsmannes zu leuchten. Schon ein paar Jahre hat er das kleine Schlossgespenst im alten Bismarckschen Gutshaus II nicht mehr gesehen, weil einer seiner Helfer die Geschenke in Schönhausen verteilte.

Was Bissi wohl so macht in dem großen alten Haus? Ob er sich so allein fürchtet? Früher war das anders. Da war immer etwas los. Ganz früher, als die Bismarck-Familie hier ihr Museum und andere herrschaftliche Räume eingerichtet hatte, fühlte sich das kleine Schlossgespenst zwischen all dem alten Krempel so richtig wohl. Aber es war auch so laaangweilig. Bis aus dem Gut eine Schule wurde. Ha! Da begann der Tag frühmorgens, wenn die Klingel schellte und die Kinder in die Schule strömten, schon ganz spaßig. Und Bissi trieb so manchen Schabernack, am liebsten mit den Lehrern. Mal versteckte er den weißen Kittel von Robert Klosz, mal ließ er im Chemieunterricht von Gisela Ahrends die Reagenzgläser beim Experiment überschäumen, dann funkte er im Russischkabinett dazwischen, wenn Drägers gerade Vokabelkontrolle machten. Und wenn bei Jochen Lasch ein falscher Ton aus dem Klavier kam, hatte auch Bissi seine Finger im Spiel. Doch dieses Vergnügen war vorbei, als die Schule schloss. Plötzlich stand das kleine Schlossgespenst ganz allein da! Nur hin und wieder verirrte sich jemand in das alte Gemäuer. Und dann waren es meist Strolche, die nichts Gutes im Sinn führten. Wie die Jugendlichen, die die Feuermelder in allen Klassenräumen versprühten. Fast wäre Bissi dabei entdeckt worden, weil seine Spuren im weißen Staub zu erkennen waren.

Der Weihnachtsmann rappelt sich auf, schnappt Schlitten und Sack und stapft los durch die Bismarckstraße. Knarrend öffnet er die alte Holztür. "Bissi! Wo bist du? Der Weihnachtsmann ist da!" Nichts rührt sich. Der Bärtige öffnet alle Türen, aber nirgends kann er das Gespenst entdecken. "Ist hier niemand, der ein Geschenk haben will?" fragt er beim Betreten des einst schönsten Raumes mit stuckverzierten Decken. Hier muss es doch irgendwo sein, das kleine flinke frohgelaunte Schlossgespenst! "Suchst du mich?" kommt eine leise, verängstigte Stimme aus der Ecke. Da kauert das kleine Schlossgespenst. "Bissi! Ich bin\'s, der Weihnachtsmann, kennst du mich nicht mehr?" Da stürmt der Kleine auf den guten Alten zu, fällt ihm um den Hals und endlich huscht ein kleines Lächeln über sein Gesicht. "Was ist denn bloß aus meinem fröhlichen Schlossgespenst geworden?" fragt der Weihnachtsmann besorgt. "Na sieh dich doch hier mal um! Das ist gar kein gemütliches Zuhause mehr. Die Bauarbeiter haben das Dach abgedeckt, überall wird gehämmert und gebohrt. Krach und Staub und keiner hat Zeit. Die wundern sich nicht mal, wenn der Nagel schief ins Holz geht. Was wird nur aus meinem Zuhause? Wird es abgerissen wie der Neubau nebenan? Weihnachtsmann, wo soll ich dann hin?"

Der gute Alte lässt sich auf seinen Schlitten nieder, nimmt Bissi auf den Schoß und tröstet ihn. "Keine Sorge! Alles wird gut." Er öffnet den Sack und holt das letzte Geschenk heraus. Bissi kann es kaum erwarten. Er zerrt an der roten Schleife und reißt das goldene Papier ab. "Eine Glaskugel?" fragt er verwundert. Eine Eisenbahn wollte er doch haben, oder ein Rennauto, oder so ein neumodisches Ding, das man ans Ohr hält, um mit einem anderen zu sprechen. Dann könnte er mal hören, wie es seinem Bruder Baldur im übriggebliebenen Teil des Bismarckschlosses so geht.

"Das ist eine ganz besondere Kugel", verrät der Weihnachtsmann. "Mit ihr kann man in die Zukunft schauen." Bissis Augen werden ganz groß. "Können wir das mal ausprobieren?" Der Weihnachtsmann zieht seine Handschuhe aus und reibt an der Kugel. Funkelnde Sterne erhellen den Raum und die ersten verschwommenen Bilder werden klar und deutlich: Es ist Sommer. Unter der alten Schulhof-Linde, die so merkwürdig klein aussieht, tummeln sich die Menschen. Etliche davon kennt Bissi von früher aus der Schule. Alfons und Bernd beispielsweise. Sie sehen heute so elegant aus, tragen Anzug und Krawatte. Dann wird es ganz feierlich. Mit einer großen Schere schneiden Bernd und Alfons ein Band durch, alle jubeln. Und wie sieht denn das alte Gutshaus aus? So wie früher, als Bissi hier eingezogen ist! Nur drinnen die Zimmer sind so hell und modern, kein alter Krempel. Ordnungsamt, Bauamt, Meldeamt... steht an den Türschildern. Und was ist das da für ein Kasten neben der Treppe? Der bringt die Besucher hoch bis unters Dach. Da gibt es jetzt einen riesigen Raum mit Bühne. Bissi traut seinen Augen nicht! Der Weihnachtsmann streicht noch einmal über die Kugel. Da spielen die Preußen Handball. In einer riesigen Turnhalle, wo sogar Zuschauer auf Bänken sitzen können. Und was ist das da neben der Halle? Ein Park mit Bänken und Pavillon, Kinder spielen Ball auf der Wiese.

Dann verblassen die Bilder und die gläserne Kugel ist wieder durchsichtig. Zufrieden schaut der Weihnachtsmann in Bissis verträumtes Gesicht. Er kann noch gar nicht glauben, dass bald wieder Menschen tagtäglich in "seinem" Haus ein und aus gehen. Was er da wieder alles anstellen kann! Keine Langeweile mehr! Bissi tanzt durch den Raum, dreht sich, schlägt Purzelbaum. "Weihnachtsmann, das ist das allerschönste Geschenk!"