Noch werden die Antragsunterlagen für den Bau der geplanten Hähnchenmastanlage bei Hanum im Landesverwaltungsamt geprüft. Doch die Gegner machen schon im Vorfeld weiter mobil. Am Montagabend informierten sie in Jübar über die Gefahren einer solchen Anlage für Mensch, Tier und Umwelt.

Jübar/Hanum l Wenn die geplante Hähnchenmastanlage für 80000 Tiere, die ein ortsansässiges Landwirts-Ehepaar nördlich von Hanum errichten will, erst in Betrieb ist, dann werden die negativen Auswirkungen nicht nur auf Hanum beschränkt bleiben. Davon sind die Mitglieder der Ortsgruppe Hanum/Jübar des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) überzeugt. Für Montagabend hatten sie deshalb zu einem Infoabend nach Jübar eingeladen, um auch dort die Einwohner über die Gefahren durch industrielle Massentierhaltung zu unterrichten. "Die Hauptwindrichtung ist West beziehungsweise Südwest, damit sind zum Beispiel auch Jübar und Lüdelsen vom Feinstaub der Anlage betroffen, der mehrere Kilometer weit in der Luft unterwegs ist", erläuterte der Hanumer Martin Freitag. Das Problem: Der Feinstaub, der eine solche Anlage meist ungefiltert verlässt, enthält sogenannte multiresistente Keime. Werden diese auf den Menschen übertragen, setzen sie sich im Körper fest und können dafür sorgen, dass bei späteren Infektionen Antibiotika nicht mehr anschlagen.

Tierarzt Nis Clason aus Havelberg erläuterte, wie so ein Mastvorgang abläuft. Demnach werden die 80000 Hähnchen, die zunächst ein Gewicht von knapp 50 Gramm aufweisen, binnen 30bis 35 Tagen auf 1,5 Kilogramm gemästet. "Das Sättigungsgefühl und die Bewegungsfreudigkeit wurden ihnen abgezüchtet, so dass sie nur am Fressen sind", erklärte er. Auf einen Quadratmeter würden bis zu 25 Tiere gepfercht, die fünf- bis sechsmal mit Antibiotika behandelt werden. "Die Rückstände finden sich dann im Fleisch, die essen Sie mit und wundern sich dann vielleicht irgendwann, dass Ihnen im Krankenhaus mit Antibiotika nicht mehr geholfen werden kann", meinte der Havelberger.

Die industrielle Hähnchenmast sei zudem Tierquälerei. Clason sprach davon, dass nur jedes fünfte Tier mit intakten Gelenken zur Schlachtung gelangt. Außerdem würden je Mastdurchgang etwa zehn Prozent aller Tiere die Schlachtreife gar nicht erreichen und verenden. "Da braucht die Anlage ein großes Kadaverhaus", so der Tierarzt. Während der 35 Tage Mastzeit erfolge keine Erneuerung der Streu in den Ställen. "Die Tiere liegen zum Schluss nur noch auf ihrem eigenen Kot in ammoniakgeschwängerter Luft", berichtete Clason.

Michael Hettwer, Vorsitzender der Bürgerinitiative Munzel, die in der Nähe von Barsinghausen gegen eine Hähnchenmastanlage kämpft, sprach von "subventionierter Tierquälerei, die ethisch und moralisch nicht zu verantworten ist und Mensch und Umwelt schädigt". Durch den Bau des neuen Großschlachthofes in Wietze bei Celle wachse der Bedarf an immer neuen Mastanlagen, die zunehmend im östlichen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt entstehen. "Denn wenn Wietze nicht ausgelastet ist, muss der Betreiber die sechs Millionen Euro Subventionen zurückzahlen", erklärte Hettwer.

Der Barsinghausener riet der Gemeinde Jübar, den 600 Meter langen unbefestigten Feldweg, der zum geplanten Bauplatz bei Hanum führt, nicht für die Nutzung durch den Anlagenbetreiber freizugeben. "Wenn es keine Zuwegung gibt, kann die Anlage nicht genehmigt werden", meinte er. Über die Verbindung und auch durch die Orte der Umgebung würden im Jahr bis zu 300 Vierzigtonner rollen, wenn die Anlage erst steht. "Die Schäden an den Straßen zahlt dann am Ende der Steuerzahler, der schon die ganzen Nachteile durch die Anlage hat", so Hettwer.

Holger Thiel von der Bürgerinitiative "Keine Hähnchenmast Dambeck" appellierte an die Hanumer, mit den Investoren zu sprechen und sie darauf hinzuweisen, dass die Ställe nur Nachteile bringen und eine Fehlinvestition sind. Zudem solle der Gemeinderat davon überzeugt werden, das gemeindliche Einvernehmen zum Bau zu versagen.

Auf diese Möglichkeit des Widerstands ging auch Oliver Wendenkampf, Landesgeschäftsführer des BUND, ein. Seiner Ansicht nach ist es für das Landesverwaltungsamt als Genehmigungsbehörde zunehmend eine relevante Größe, ob solche Anlagen in der Gemeinde erwünscht sind oder nicht. Die Gemeinde könne gute Gründe für das Versagen des Einvernehmens vorbringen. "Ich bin auch bereit, zu weiteren Erläuterungen noch einmal in den Gemeinderat zu kommen", bot Wendenkampf an.

Auf die Auswirkungen solcher Anlagen auf die Natur wies Oskar Kölsch vom Otterzentrum Hankensbüttel hin. Demnach befinde sich der Bauplatz unmittelbar am Grünen Band und am Naturschutzgebiet Ohreaue, einem Bereich von allerhöchster Wertigkeit. In den nächsten Jahren seien dort Maßnahmen zum Schutz von Fischotter und Biber, die beide schadstoffarme Gewässer benötigen, ebenso geplant wie Angebote für sanften Tourismus. "So sollen ein Aussichtsturm gebaut, ein Radweg ausgewiesen und Geocashing-Routen angelegt werden", berichtete Kölsch. Eine agrarindustrielle Anlage in unmittelbarer Nähe mit all ihren negativen Folgen passe da gar nicht ins Bild.

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