Hornhausen l Andrea Müller* ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie kann nachts nicht mehr schlafen, geht nur noch mit Pfefferspray und Elektroschocker unter dem Kopfkissen ins Bett. Seit sie die 26 Jahre währende Beziehung zu ihrem Lebenspartner, aus dem immerhin heute drei erwachsene Kinder hervorgegangen sind, beendet hat, wird sie von ihrem Ex bedroht. "Ich habe Angst, dass er ihr tatsächlich etwas Schlimmes antut. Ich fürchte um ihr Leben", sagt die Freundin des Stalking-Opfers, die in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt.

Seit der Trennung habe die Freundin immer wieder miterlebt, wie Andrea Müller von ihrem Ex auf vielfache Weise terrorisiert wird. So sei er der Frau absichtlich ins Auto gefahren, habe einen Unfall verursacht, obwohl sein eigener Sohn mit im Auto saß. Und er soll seiner Tochter das Auto gestohlen haben, die nun, inzwischen selbst Mutter, zusehen muss, wie sie täglich zur Arbeit kommt und vorher ihre Tochter in die Kita bringt.

In der Nacht vom 23. zum 24. April 2015 hat der Mann die Terrassenfensterscheiben im einst gemeinsam bewohnten Haus mit einer Axt zerschlagen. Dabei verletzte er sich. "Die Polizei hatte am Tatort Blutspuren genommen, im Krankenhaus hätte man diese mit meinem Ex vergleichen können. Doch warum ordnet die Staatsanwaltschaft so etwas nicht an?"

Andrea Müller hatte bislang eine Einliegerwohnung vermietet, doch die Mieter ziehen nun aus Angst aus, weil es immer wieder zu gewalttätigen Aktionen des Mannes kommt. Die Freundin erhielt am 27. April dieses Jahres um 6.10 Uhr einen Anruf: "Wer nicht hören will, muss fühlen, die Weiber mache ich platt." "Irgendwann liegt sie tot vor der Tür und dann haben wir dass, was wir sonst im Fernsehen hören oder in der Zeitung lesen auch in Hornhausen - ein Familiendrama. Das möchte ich verhindern", sagt die Freundin.

Beide Frauen fühlen sich im Stich gelassen. Muss tatsächlich erst etwas Schlimmes passieren?

Mehrfach Anzeige erstattet

Andrea Müller hat eigenen Aussagen zufolge etliche Anzeigen erstattet. Doch am 27. April wurde ihr von der Staatsanwaltschaft Magdeburg mitgeteilt, dass das Verfahren eingestellt worden ist, weil der Aufenthalt des Beschuldigten nicht zu ermitteln sei. Das nun eingestellte Verfahren bezieht sich auf Anzeigen, die zwischen dem 8. Juni und 31. Juli 2014 von Andrea Müller erstattet worden sind. "Die Vorladungen seitens der Polizei habe er ebenso stets ignoriert. Die Adresse des Mannes ist bekannt und nur weil sein Name nicht auf dem Klingelschild steht, ist ihm nicht habhaft zu werden?", wundert sich Andrea Müller.

"In der Tat wurden zahlreiche Anzeigen sowohl von der Betroffenen als auch von dem Lebenspartner erstattet. Allein 2014 wurden von April bis August zehn Straftaten zur Anzeige gebracht, in 2015 wurden bislang drei Anzeigen aufgenommen. Das Problem für die Polizei ist, wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt, können das die Geschädigten oftmals nicht nachvollziehen", teilt Polizei-Pressesprecher Joachim Albrecht dazu mit.

Die Kripo habe Hilfsangebote unterbreitet. "So wurde die Interventionsstelle in Magdeburg einbezogen", so Albrecht weiter. "Wir überreichen - wie im vorliegenden Fall auch - ein Informationsblatt für Opfer von Straftaten. Das Opfer entscheidet selbst, ob es diese Hilfe in Anspruch nehmen möchte."

Albrecht berichtet weiter, dass durch das Amtsgericht Oschersleben eine einstweilige Verfügung in der Sache erlassen wurde. Das heißt, ihr Ex dürfe sich ihr nicht nähern. "Wichtig ist bei allen leidvollen Erlebnissen, dass alle Straftaten und Verstöße gegen diese Auflagen angezeigt werden, damit gegebenenfalls gegenüber dem Beschuldigten Maßnahmen, in der Regel Zwangsgeld, geltend gemacht werden können", ist vom Pressesprecher weiter zu erfahren. Einige Verfahren würden derzeit noch laufen, der Beschuldigte soll hierzu noch vernommen werden.

Andrea Müller und ihre Freundin sehen darin nach der Mitteilung der Staatsanwaltschaft vom 27. April, dass das Verfahren eingestellt worden ist, weil der Beschuldigte nicht auffindbar sei, allerdings einen Widerspruch. Warum sollte sie ihn immer wieder anzeigen, wenn hinterher das Verfahren doch eingestellt wird?

Aktuell sei dem Beschuldigten eine Vorladung zugestellt und ein Termin für Anfang Mai mitgeteilt worden. Dieser wurde auf Wunsch nochmal um einige Tage verschoben, fand jedoch zwischenzeitlich statt. Es gibt eine ladungsfähige Adresse. Nach Abschluss der Vernehmungen entscheidet die Staatsanwaltschaft über weitere Maßnahmen, so der Polizei-Pressesprecher.

Über die Volksstimme wurde für Andrea Müller der Kontakt zum Weißen Ring vermittelt. In der Region Oschersleben unterstützt Doris Wilke ehrenamtlich gemeinsam mit Dieter Montag in Barleben Oper von Kriminalität. Der gemeinnützige Verein "Weisser Ring" hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, Straftaten zu verhüten.

"Im Fall von Andrea Müller konnte der Kontakt zu einem Opferanwalt vermittelt werden, der sich mit der schwierigen Materie des Stalkings auskennt", sagt die Fachfrau. Die ersten Gespräche mit dem Anwalt haben Andrea Müller wieder mehr Mut schöpfen lassen.

Doris Wilke weiß aus ihrer langjährigen Arbeit, dass die Geschichte von Andrea Müller längst kein Einzelfall ist. "Oft ist es ein langer Weg, bis den Opfern tatsächlich geholfen ist, bis sie selbst den Mut aufbringen, wieder optimistisch in die Zukunft zu blicken. Wir können oft nur vermitteln, Partner suchen, die helfen. Oftmals jedoch hilft schon allein das Zuhören", meint Doris Wilke.

Hilfe in Interventionsstelle Magdeburg

Hilfe können betroffene Personen auch in der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking in Magdeburg bekommen. Die Einrichtung der Landeshauptstadt betreut auch Opfer aus dem Landkreis Börde. Lissy Herrmann ist die zuständige Ansprechpartnerin. "Die Opfer melden sich bei uns oder wir werden von der Polizei benachrichtigt. Unser Hilfsangebot ist freiwillig und kostenlos", berichtet sie. Aus ihrer langjährige Tätigkeit weiß sie, dass jeder Fall einzigartig ist.

Im ersten Schritt werde eine Situations- und Gefährdungsanalyse erstellt. Nach dieser Analyse werde die notwendige Hilfe mit dem Opfer abgestimmt. "Wir verfügen über ein umfassendes Hilfesystem", erklärt Lissy Herrmann.

Der ehemalige Lebenspartner von Andrea Müller war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

(*Name von Redaktion geändert.)