Über eine Satzung zur Verleihung des Ehrenbürgerrechts für Oschersleben will heute Abend der Stadtrat entscheiden. Nach fünf bisher bekannten Ehrenbürgern aus dem frühen 20. Jahrhundert könnte Kurt Masur den Titel dann als Sechster verliehen bekommen.

Oschersleben l Seit mindestens zwanzig Jahren habe die Stadt Oschersleben niemandem mehr das Ehrenbürgerrecht verliehen, wie Stadtarchivar und Kulturabteilungsleiter Mathias Schulte sagt. Denn zumindest seit der Wende existiere keine gültige Satzung mehr zur öffentlichen Anerkennung besonderer Bürger der Bodestadt.

In seiner heutigen Sitzung um 17 Uhr im Rathaus will der Oschersleber Stadtrat hinsichtlich einer neuen Satzung über die Ehrung verdienter Persönlichkeiten entscheiden. Zur öffentlichen Anerkennung langjähriger Verdienste beziehungsweise besonderer Einzelleistungen will die Stadt künftig folgende Ehrungen vornehmen können: Verleihung des Ehrenbürgerrechts, von Ehrenbezeichnungen sowie die Eintragung in das Goldene Buch der Stadt. Den Entwurf dazu hatte der Oschersleber Kultur- und Sozialausschuss im Februar auf den Weg gebracht, der Hauptausschuss stimmte Mitte März zu.

Ein erster Ehrenbrief-Anwärter wäre der Dirigent Kurt Masur, der einige Jahre seiner Jugend in Oschersleben verbracht hat. Nach ihm soll auch die Kreismusikschule in Oschersleben benannt. "Es muss früher aber schon eine Satzung gegeben haben", ist sich Mathias Schulte sicher, "denn es gibt einige Ehrenbürgerbriefe."

Julius Grosse war Oscherslebens erster Ehrenbürger

Fünf Menschen hat der Kulturabteilungsleiter in den Akten des Stadtarchivs finden können, denen Oscherslebens Verwaltung schon in der Vergangenheit das Ehrenbürger- recht verliehen hat. Anlässlich seines 70. Geburtstages bekam der Bankier, Fabrik- und Rittergutsbesitzer Julius Grosse am 17. März 1912 das Ehrenbürgerrecht für seine Verdienste in Oschersleben verliehen. Als nächstes wurde das Ehrenbürgerrecht Wilhelm Hohnemann "in Würdigung seines selbstlosen,...,langjährigen Wirkens für die Wohlfahrt" zuteil, wie der damalige Magistrat am 18. Februar 1913 in Hohnemanns Ehrenbrief schreibt. Dieser Brief ist heute im Oschersleber Museum ausgestellt.

Im selben Jahr ist auch Karl Schwanecke zum Ehrenbürger der Stadt Oschersleben ernannt worden. Ebenfalls im Museum zu sehen ist der 1917 unterzeichnete Ehrenbrief von Wilhelm Arnold "Bill" Drews. "Er war damals Minister des Inneren und ehemals Landrat", erklärt Mathias Schulte.

Aus der Nazi-Zeit sind keine Ehrenbürger bekannt

Der letzte Ehrenbürger, der dem Stadtarchivar bekannt ist, war Fabrikbesitzer Hermann Behrens. Zum 75-jährigen Bestehen seiner Firma hat der Unternehmer im Juli 1925 seinen Ehrenbrief erhalten. "Familie Behrens hat viel für die Stadt getan, sowohl als Stadtverordneter, in der Wohlfahrtspflege, Schulverwaltung und als Sponsor für den Wiesenpark und Veranstaltungen", wie im Museum zu lesen ist.

"Das sind alle, die bis jetzt aktenkundig sind", sagt Mathias Schulte. Aus der Nazi-Zeit sei niemand dabei, die Akte führe bis 1944 "keinen, der politisch fragwürdig wäre", auf, sagt Schulte. Aus der Zeit vor der Wiedervereinigung "gibt es wahrscheinlich keine Unterlagen mehr. Das muss ja Gründe gehabt haben", spekuliert der Stadtarchivar.

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