Auf den Tag genau vor zehn Jahren tingelte der letzte Personenzug über die Bahnstrecke von Eilsleben nach Blumenberg. Der Seehäuser Andreas Gödecke beleuchtet aus diesem Anlass die Geschichte und das Ende der "Zuckerbahn":

Bis zu ihrer Einstellung am 28. September 2002 hatte die Bahnlinie eine wichtige Bedeutung für die Region. Ausschlaggebend für den Bau war die um die 1870er Jahre immer mehr expandierende Zuckerindustrie in der Börde. Die Zuckerfabriken Rabbethge Giesecke OHG Klein Wanzleben sowie Gödecke Wilke in Seehausen benötigten dringend einen Bahnanschluss, da mit den Pferde- und Ochsenfuhrwerken die enorm gestiegenen Transportaufgaben nicht mehr zu bewältigen waren.

Nun rächte sich die anfängliche Ablehnung der sogenannten "Rübenbarone" gegenüber der Eisenbahn, auch weil man sah, welchen wirtschaftlichen Aufschwung Ortschaften wie zum Beispiel Hadmersleben oder Oschersleben nahmen, die durch das moderne Verkehrsmittel bereits Anbindung an Magdeburg erhalten hatten. Doch die in privater Hand stehenden Bahnstrecken zwischen Magdeburg und Braunschweig bzw. Halberstadt wollten keine weiteren Bahnstrecken in der Börde bauen.

Wirtschaftlicher Aufschwung durch die neue Linie

Erst mit der Übernahme dieser Bahnen durch die Preußische Staatsbahn Anfang 1880 wurde der Weg frei für den Bau der Strecke zwischen Blumenberg und Eilsleben. In Anbetracht des erwarteten hohen Güteraufkommens während der Rübenkampagne wurden die Arbeiten mit Hochdruck vorangetrieben, und am 5. Oktober 1882 wurde der 10,3 Kilometer lange Abschnitt Blumenberg - Klein Wanzleben sowie am 15. Oktober das 7,7 Kilometer lange Teilstück Eilsleben - Seehausen für den Verkehr freigegeben. Im August 1883 erfolgte dann der Lückenschluss zwischen Seehausen und Klein Wanzleben, und am 1. September des gleichen Jahres befuhr auch der erste Personenzug die bisher nur dem Güterverkehr dienende Gesamtstrecke.

Mit der Erschließung durch die Bahn erlebte die Region des Altkreises Wanzleben einen spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung. Hauptgüter waren Kohle, Kalk, Rüben und Düngemittel. Aber auch Industrie wie die Maschinenfabrik Welger oder die Ziegelei in Seehausen siedelte sich an. Die Zuckerfabrik Rabbethge Gie- secke entwickelte sich um 1900 - zusammen mit dem angeschlossenen Saatzuchtbetrieb - mit bis zu 2000 Beschäftigten zum größten Arbeitgeber in der Börde. Allein in der Kampagne 1909/10 wurden 74000 Tonnen Rüben verarbeitet. Das wäre logistisch ohne die Bahn nicht machbar gewesen.

Der Berufsverkehr und die im Güterverkehr zu erbringenden Leistungen waren bis zur politischen Wende in der DDR enorm. Noch heute erinnert man sich an die vollbesetzten, liebevoll "Ferkeltaxi" genannten Triebwagen. Sie lösten die lokbespannten Züge im Personenverkehr Ende der 1970er Jahre ab und schaukelten morgens und abends die Berufspendler und Schüler durch die Börde. Es gab da sogar durchgehende Verbindungen bis Schönebeck.

Heute kaum zu glauben, dass oft zweimal täglich bis zu 40 Wagen lange Nahgüterzüge zwischen Eilsleben und Blumenberg ihre Wagen in langen Rangieraufenthalten auf die zahlreichen Anschlüsse der Produktions- und Handelsbetriebe im Umland verteilten. Und nicht zu vergessen natürlich der Zuckerrübenverkehr, dem die Strecke letztendlich ja auch ihren Spitznamen "Zuckerbahn" verdankt. Ende der 80er Jahre waren täglich zwei Rübenpendel unterwegs.

Einsame Lokführer nach der Wende

Mit der politischen Wende 1990 brach der Güterverkehr auf der "Zuckerbahn" zusammen. Die neue Mobilität sowie die Schließung vieler Betriebe entlang der Strecke führten zum stetigen Rückgang der Fahrgastzahlen. Oft waren Lokführer und Zugbegleiter die einzigen Fahrgäste ihrer Triebwagen.

Aber auch die immer stärkere Verlagerung des Güterverkehrs von der Schiene auf die Straße und auch der schlechte Allgemeinzustand der Strecke, welche teilweise nur noch mit 10 km/h befahren werden durfte, führten letztlich zur Einstellung des Fahrbetriebs auf der Gesamtstrecke.

Das Teilstück zwischen Eilsleben und Klein Wanzleben wurde 2007 rückgebaut. Die Bahnhofsgebäude wurden vernagelt (Blumenberg, Klein Wanzleben und Eilsleben), abgerissen (Seehausen) oder aber - wie in Wanzleben mit dem Begegnungszentrum - einer neuen Nutzung übergeben. Der ehemalige Haltepunkt Remkersleben wird bewohnt, und dort ist sogar noch die Schrankenanlage erhalten.

Verlagerung vom Gleis auf die Straße

Lediglich auf dem im Zuge der Errichtung des neuen Bio-Ethanolwerkes Klein Wanzleben sanierten Streckenabschnitt zwischen Klein Wanzleben und Blumenberg, auf dem am 5. Oktober 1882 vor genau 130 Jahren alles begann, rollen heute noch Kesselwagenzüge und wird eine Gasabfüllstation bei Wanzleben mit Wagen bedient.

Die neue "Zuckerbahn" im Bördekreis aber heißt derzeit vor allem B 246a - und die Anwohner der anliegenden Orte werden sich wehmütig an die Zeit zurückerinnern, als nicht jede Zuckerrübe einzeln auf den durch die Ortschaften donnernden Lkw ihr Ziel erreichte.

Derweil holt sich die Natur so langsam das Gebiet links und rechts des alten Bahndammes zurück. Aber wer weiß, vielleicht erwacht dieser ja irgendwann mal in Form eines schönen "Börderadwanderweges" zwischen Eilsleben und Klein Wanzleben aus seinem Dornröschenschlaf ...

Abschließend noch eine Empfehlung an jene, die noch mehr über die "Zuckerbahn" und die Eisenbahn in der Magdeburger Börde erfahren möchten: Ihnen sei das gleichnamige Buch von Dirk Endisch ans Herz gelegt.

Bilder