Osterburger Gymnasiasten recherchieren gegen das Vergessen. Sie wollen die Erinnerung an jüdische Einwohner der Biesestadt wachhalten, die in der Nazi-Zeit verfolgt, vertrieben, deportiert oder in den Tod getrieben wurden. Mit einem kleinen messingfarbenen Pflasterstein. Einem Stolperstein.

Osterburg l Innerhalb des Projektes "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" gingen Markgraf-Albrecht-Schüler auf Spurensuche in die Vergangenheit. Mit Helfern wie die Studentin Mathilde Nottrott von der Fachhochschule Stendal, Unterstützung aus der Polkauer "Schmiede" und Recherchequellen wie dem Bundesarchiv ermittelten die Gymnasiasten die Namen von jüdischen Osterburgern, die im Dritten Reich zu Opfern der Nazis wurden.

Am weitesten stießen die Gymnasiasten dabei ins Leben des Kaufmanns Moritz Less und seiner drei Töchter vor. "Die Schmiede hat uns die Erinnerungen von Erhard Heising zur Verfügung gestellt, der im Haus der Familie Less lebte", erzählt Jacqueline Näbsch. Danach rückte der im bürgerlichen Leben der Biesestadt etablierte Schuhhändler Moritz Less, 1934 noch als Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges geehrt, spätestens am 10. November 1938 im Zuge der sogenannten Reichskristallnacht direkt in den Fokus der Nazis. Ein SA-Mob aus Stendal schlug die beiden großen Schaufensterscheiben sowie die Glasscheibe der Eingangstür des Schuhgeschäftes ein. Die Familie selbst tasteten die SA-Männer noch nicht an, doch der Witwer erkannte offenbar die drohende Gefahr. "Die beiden ältesten Töchter emigrierten bald darauf nach England, Moritz Less und seine jüngste Tochter gingen nach Berlin und versteckten sich dort im Untergrund", gibt Willi Splettstößer gesammelte Erkenntnisse wieder. Und Jacqueline Näbsch fügt hinzu: "1944 ist die Tochter in Berlin auf offener Straße erkannt worden. Sie wurde nach Auschwitz deportiert, überlebte aber. Auch Moritz Less überstand die Nazi-Zeit." Im September 1945 hielten sich Vater und Tochter noch einmal für zwei Nächte in Osterburg auf. Weil die sowjetische Besatzungsmacht die Hoffnung auf eine Rückgabe ihres Eigentums zunichte gemacht haben soll, verließen sie die Stadt und siedelten in die USA über. Dort lebten damals schon die beiden anderen Töchter. Im Mai 1946 konnte sich die Familie in New York nach jahrelanger Trennung endlich wieder in die Arme schließen.

So viele Erkenntnisse wie zur Familie Less gibt es über andere Opfer nicht. Gesichert scheint aber, dass es schon in den 20er Jahren und damit vor Machtergreifung der Nazis nur vereinzeltes jüdisches Leben in Osterburg gab. 1926 sollen in der Stadt lediglich zwei jüdische Familien ansässig gewesen sein. Trotzdem stießen die Schüler bei ihren Recherchen noch auf die Namen Hermann Silbiger, Paula Klein und Johanna Haberfeld, die anscheinend von Osterburg aus deportiert wurden. Über ihr Schicksal ist allerdings fast nichts überliefert.

Bei ihrem Anliegen, die Erinnerung an das Schicksal jüdischer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus wachzuhalten, konzentrieren sich die jungen Altmärker deshalb vorerst auf Moritz Less. Die Gymnasiasten planen, vor dem früheren Wohn- und Geschäftshaus der Familie einen Stolperstein ebenerdig in das Pflaster einzulassen. Mit dieser Idee stoßen sie bei Ortsbürgermeister Klaus-Peter Gose auf Unterstützung, berichten die Schüler. Und auch Nico Schulz begrüßt die Initiative. Der Einheitsgemeinde-Bürgermeister kann sich sehr gut vorstellen, "dass Passanten an der Breiten Straße gegenüber der Jüdenstraße zukünftig gedanklich über ein dunkles Kapitel in unserer Stadtgeschichte stolpern, wenn sie diesen Stein erblicken und seine Inschrift lesen."

Wann der Stein bei dem Initiator und Künstler Gerhard Demnig (siehe Info-Kasten) in Auftrag gegeben werden kann, ist noch offen. Ein Ziel haben sich die Gymnasiasten aber gesetzt. "Im Laufe des kommenden Schuljahres soll der Stolperstein seinen Platz vor dem früheren Haus der Familie Less finden", sind sie sich einig.

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