Der Weg zum Turmzimmer der Alten Lateinschule an der Katharinenkirche ist nicht ganz einfach. Über eine Wendeltreppe geht es zunächst hinauf bis zum Dachboden der ehemaligen Bildungsstätte. Im Dachgeschoss befindet sich dann eine weitere alte Treppe, die schließlich zum Turmstübchen führt - vermutlich einer der spannendsten Räume in Salzwedel.

Das Schulgebäude selbst entstand nach Angaben der Stadt zwischen 1570 und 1573 durch den Umbau eines Vorgängerhauses. Zu dieser Zeit entstand auch das Zimmer, das alten Überlieferungen zufolge so anschauliche Namen wie "Sommergesäß" oder "Gelehrtenstübchen" trug. Die ursprüngliche Bemalung der hölzernen Decke und einige lateinische Inschriften sind noch heute erhalten. Doch noch interessanter sind die unzähligen "Kritzeleien" zahlreicher Nutzer vom Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts.

"In höchster Not geschrieben."

Die Zeichnungen und Inschriften stammen von Dachdeckern, Schornsteinfegern, Schülern und Angehörigen von Küster- oder Pfarrersfamilien. "Welch ideale Pennäler Bude. Da wird man fast lyrisch angehaucht", schrieb ein Unbekannter beispielsweise am 4. Mai 1937 an die Wand. Direkt darunter, es ist aber nicht eindeutig erkennbar, ob der Text zum Eintrag vom Mai 1937 gehört oder nachträglich eingefügt wurde, steht: "In höchster Not geschrieben. Meine Hose hat ein Loch. Wer hilft?"

Manche Besucher des Turmzimmers haben sogar Bilder in die Wände geritzt. Über der Inschrift "Helmut Schulz ich liebe dich 1938" hat ein unbekannter Zeichner die Köpfe zweier Menschen im Gemäuer verewigt. Über einem steht der Name "Erika". Ob es sich dabei um das Mädchen handelt, das 1938 in Helmut Schulz verliebt war? Das verraten die Zeichnungen nicht. Klar ist aber, dass der Zeichner oder die Zeichnerin sehr geschickt beim Gestalten war.

"Die Zeit ist hier stehengeblieben."

Heute findet kein Unterricht mehr im Turmzimmer statt. Stattdessen arbeitet Salzwedels Kirchenmusikdirektor Matthias Böhlert in der Alten Lateinschule und der Chor der Kantorei probt regelmäßig in dem Gebäude. Wenn Böhlert das Turmzimmer betritt, ist er aber auch heute noch immer wieder aufs Neue von den in der Wand verewigten Spuren einstiger Generationen fasziniert: "Schön, dass hier die Zeit stehengeblieben ist", sagt er.

Bei einem Besuch ist aber nicht nur das Turmstübchen selbst faszinierend. Auch der Ausblick von dort aus auf Salzwedel ist nicht von schlechten Eltern. Alle hohen Türme der Hansestadt sind von diesem Standpunkt aus zu sehen. Ein Blick, der den Aufstieg definitiv lohnt.

   

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