Ob zu Fuß, hoch zu Ross oder auf dem Fahrrad: Wenn Wanderer die Wirlspitze bei Ziemendorf passieren, kommen sie an Jürgen Starck vom BUND nicht vorbei. Der Binder ist fast täglich am Grünen Band im Vierländereck Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern anzutreffen. Sein Anliegen: Die Ex-Grenze, den einstigen Todesstreifen anschaulich erlebbar machen. Anhand alter Fotos, Dokumente und mit Hilfe von Erzählungen errichtet er erkennbare Relikte aus der DDR-Zeit.

Ziemendorf. Sanddünen, Trockenrasen, Heide, Kiefernwald und der nachts schnurrende Ziegenmelker: An der Wirlspitze kurz hinter Ziemendorf, an der Landesgrenze zu Niedersachsen und der Kreisgrenze zu Stendal, ist aus dem einstigen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze ein naturnaher touristischer Erlebnisraum entstanden. Das ist den Aktivitäten des BUND und der Jeetze Landschaftssanierungs GmbH zu verdanken, die das Areal nachhaltig und zugleich vorsichtig umgestaltet haben.

"Ich errichte an der Wirlspitze alte Relikte"

Anteil daran hat ein drahtiger Mann mit Schmugglerhut und strahlenden Augen darunter, der nicht müde wird, den Menschen von der Grenze und dem Grünen Band zu erzählen. Er ist 60 Jahre alt, stammt aus dem Brandenburgischen und lebt seit 1999 in der Altmark: Jürgen Starck vom Haselnusshof aus Binde. Für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND engagiert er sich maßgeblich am Gründen Band. "Ich will die Ex-Grenze nördlich von Arendsee erlebbar und befahrbar machen", nennt er sein Hauptanliegen.

Deshalb sammelt er alte Fotos von damals, Dokumente über die Zeit des Eisernen Vorhangs und Erzählungen von Zeitzeugen. "Und anhand dessen errichte ich hier an der Wirlspitze Relikte wieder, die die Grenzanlagen erkennbar nacherlebbar machen", erzählt er.

Während er das sagt, hat er oben auf dem Sandhügel einen schwarz-rot-goldenen Pfahl erreicht: "Das ist die Grenzsäule Nummer 319", erzählt er den beiden Reiterinnen, die gerade ankommen. Und worauf die Säule stehe, sei der sogenannte Clukersberg an der Wirlspitze, ein Grenzsicherungspunkt. Darauf weise unterhalb der Binnendüne die Info-Tafel neben der Rasthütte hin. Darauf werden interessante Details über den von Eiszeit und Grenze geschaffenen kargen Lebensraum dargestellt. Darauf ist auch zu lesen von Silbergras und Heide, von Magerrasen mit Thymian und Sandnelke, von seltenen Schmetterlingen und dem Ziegenmelder, einer Nachtschwalbe, von Kreuzkröte und Ameisenlöwe.

Daran hängt aber eben auch ein weiteres Relikt der Vergangenheit: Reste von Minen, mit denen die Grenze bis vor 20 Jahren scharf gesichert war. Folgt man dem kundigen Führer weiter, gelangt man zum historischen Standort des Beobachtungsturms BT 11 und zu einem Mahnmal für den beim Fluchtversuch erschossenen Bernhard Simon.

Und auf dem Weg Richtung Wendland weist Jürgen Starck auf einen unscheinbaren Hügel zwischen zwei mächtigen Eichen. "Das ist ein mittelalterlicher Grenzhügel der Landwehr, der einmal auch die Grenze zwischen Hannoveraner Gegend und Preußen darstellte", sagt Jürgen Starck. Der Grenzverlauf habe auch Bedeutung für die Amtsbereiche Gartow und Arendsee gehabt. Ein Schild neben dem Hügel erklärt die Besonderheit.

"Nach Mauerbau wurde Sicherung aufgerüstet"

Heute sind die Wälder und Wege Richtung Gartow, Prezelle, Wirl, Kaper Moor und Schrampe-Schmarsau frei zugänglich. Die Region am Grünen Band ist für den Naturtourismus erlebbar, Natur-Kultur und Geschichte zwischen Elbe, Altmark und Wendland.

Das war vor gut 20 Jahren und davor nicht der Fall. Im Gegenteil. "Nach dem Bau der Mauer in Berlin am 13. August 1961 wurden auch hier die Vorschriften verschärft, die Grenzsicherung aufgerüstet", weiß Jürgen Starck durch seine Recherchen. Das dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Daran will er immer wieder auch in der idyllisch erscheinenden ruhigen Ex-Todeszone erinnern. Jürgen Starck ergänzt die Idylle mit Wegweisern, Pfählen und anderen Details, die das Erinnern erleichtern.

Denn durch den Mauerbau vor 50 Jahren hatte auch er familiäre Folgen zu erleiden. In Freyenstein in der Ostprignitz geboren, hatte er durch seinen aus Hamburg stammenden Vater Verwandte im "Westen". Die Großeltern durfte er nach dem 13. August 1961 nicht mehr besuchen. Zumal der Onkel, der Bruder seiner Mutter, 1953 in den Westen ging, weil er dem Druck der Deputatserfüllung als Landwirt mit eigenem Hof nicht mehr standhalten konnte. "Und mein Vater durfte dann nicht einmal zur Beerdigung seines Vaters fahren", erinnert sich Jürgen Starck.