Renate und Lothar Seidel pflegen auf dem Gnadauer Friedhof das Grab eines Oberstleutnants der Wehrmacht, der am 14. April 1945 in Schönebeck fiel. Sein couragiertes Auftreten verhinderte vermutlich die Zerstörung von Gnadau.

Gnadau l Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass das 329. US-Infanterie-Regiment Gnadau einnimmt. Etappenziel ist die Elbe - dann soll es weiter bis Berlin gehen. Lockheed-Lightning-Jäger schießen im Tiefflug über die Felder, machen Jagd auf alles, was sich bewegt. "Die waren ja so raffiniert, haben Motore abgestellt und kamen geräuschlos im Gleitflug an", erinnert sich ein Zeitzeuge aus Wespen, dessen Eltern in Gnadau wohnten.

Von Westen rückt die amerikanische Infanterie mit Panzern und Geschützen an. Den Vormarsch versucht man im stillen Gnadau mit aberwitzigen Straßensperren aufzuhalten. Die wenigen stationierten Wehrmachtssoldaten wissen, dass diese Barrieren den Feind keine zehn Minuten behindern.

In dieser Situation entschließt sich Oberstleutnant Wilhelm Ringelband, den Ort aufzugeben. Der 53-Jährige weiß, wo es Widerstand gibt, entsteht ein heftiger Angriffsdruck. Und diesen würden die Amerikaner rigoros einsetzen, auf dem Weg nach Berlin.

Unter Ringelbands Befehl stehen Flak-Stellungen und eine Scheinwerfer-Abteilung. Bei günstigen atmosphärischen Verhältnissen beträgt die Leuchtweite der Riesenlichter etwa 15000 Meter. Ausgerüstet sind die 150-Zentimeter-Flakscheinwerfer mit Hochleistungslampen und Glas-Parabolspiegeln, die Spannung liefert ein mobiler Generator. Werden feindliche Bomber nachts erfasst, sind sie ein gutes Ziel für die deutsche Flak. Die Gnadauer Flugzeugabwehr holt einige Maschinen vom Himmel. Flugzeuge zerschellten bei Barby, Döben, und dem Vorwerk Zeitz.

"Ich kann mich noch gut an die imposanten Lichtkegel erinnern", sagt der 82-jährige Lothar Seidel. "Wir Jungvolk sind oft zu Ringelbands Befehlstand gegangen, der sich am heutigen ¿Waldhaus\' befand." Die halbwüchsigen Jungen sind nicht nur von der Militärtechnik beeindruckt. Dort bekommen sie auch die begehrte Wehrmachtsschokolade.

"Der Oberstleutnant Ringelband war ein ganz sympathischer Mann, den wir alle mochten", berichtet Lothar Seidel. Mit seinen 53 Jahren sei er kein fanatischer Heißsporn gewesen, der den Krieg noch gewinnen wollte.

"Ich glaube, er hatte großen Anteil daran, dass Gnadau nicht zerstört wurde."

"Ich glaube, er hatte großen Anteil daran, dass Gnadau nicht zerstört wurde, weil die Wehrmacht abzog", schätzt der 82-Jährige ein. Denn in diesem Fall wäre kein Stein auf dem anderen geblieben. Laut Lothar Seidel setzte Ringelband nach Schönebeck um, wo er mit weiteren zwei Kameraden am 14. April 1945 an der Elbe ums Leben kam.

Wilhelm Ringelband hatte während der Stationierung regelmäßig die Gottesdienste der Herrnhutergemeine besucht. "Der war überzeugter Christ", betont Lothar Seidel, in dessen Elternhaus Ringelbands Adjutant wohnte. Wie er sagt, hätte der Offizier einen bemerkenswerten Wunsch geäußert: Wenn ich falle, möchte ich in Gnadau beigesetzt werden. Doch dazu kam es in den Kriegswirren nicht gleich.

Ringelband und seine Kameraden wurden auf dem Schönebecker Ostfriedhof begraben. Erst nach Kriegsende exhumierte man seine Leiche - der Offizier fand in Gnadau seine letzte Ruhestätte. Stark gemacht hatte sich dafür die Kirchengemeinde.

Weil die Angehörigen tief im Westen lebten, habe es "irgendwann" Bestrebungen gegeben, die Grabstelle einzuebnen. "Das haben wir verhindert", berichten Lothar und dessen Ehefrau Renate Seidel. Sie pflegen seit Jahren Wilhelm Ringelbands letzte Ruhestätte. Zuvor war es Bäckersfrau Ida "Itchen" Ulbricht, die zu ihrer Tochter in die USA auswanderte.

Welch ideologisch gespanntes Verhältnis zwischen der nationalsozialistischen Ortsführung und der Herrnhutergemeine herrschte, beleuchtet eine andere Erinnerung Lothar Seidels.

Wenn im Kirchsaal Gottesdienst war, wurde dem Jungvolk befohlen, lautstark trommelnd vor der Kirche hin und her zu marschieren. Was eine klare Provokation und Missachtung darstellte. Und noch eine Erinnerung ist erwähnenswert. Die gesamte Besatzung eines bei Döben abgeschossenen US-Bombers kam ums Leben und sei auf dem Gnadauer Friedhof begraben worden. Das sei wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner geschehen, die ihre Kameraden sehr bald exhumierten.

Nach Philosophie der Amerikaner durften die Gefallenen nicht in Feindesland ruhen.

Das Wrack lag noch lange an den Gräben hinter dem Teich.

Bilder