Heute vor 20 Jahren wurde die Barbyer Herzog-Heinrich-Bügerschützengilde reorganisiert. Wertvollstes Zeitzeugnis ist die 300 Jahre alte silberne Schützenkette, die im Tresor der Kreissparkasse aufbewahrt wird.

Barby l Es ist ein einzigartiges Stück Barbyer Geschichte: Die von Herzog Heinrich gestiftete Silberkette wiegt rund drei Kilogramm. Nicht nur das Edelmetall macht sie so wertvoll. Es sind die Medaillen der "Könige", die je nach Gusto Zeitgeschehen eingravieren ließen. Politische und bewegende Ereignisse sind auf der Rückseite in Reimform festgehalten.

"Erhellt ward unsere Stadt durch Gasglühlicht, zum ersten Mal in diesem Jahr, wo ich Schützenkönig war".

Durch A. Fritze erfahren wir: "Nie war so\'n hoher Wasserstand, als man mich Schützenkönig nannt". Es war das Katastrophenhochwasser 1845, als die Deiche brachen. Im Revolutionsjahr 1848 ließ J. Heinrich Ruthe eingravieren: "Gott schütze unser deutsches Land, vor Aufruhr in den Bürgerstand ..."

Carl Wirth gibt sich 1866 patriotisch-sarkastisch: "Als Preussen Oestreich schlug nicht wenig, ward ich in Barby Schützenkönig". L. Kirchhoff 1890 ziemlich holperig aber stolz: "Im Jahr, als wir den Kaiser in Barby froh empfingen, that mir zu Ehr u. Freude der Königsschuss gelingen". Wilhelm II. war zur Hasenjagd gekommen.

Friedrich Schmelzer beeindruckte 1902 eine technische Neuerung: "Erhellt ward unsere Stadt durch Gasglühlicht, zum ersten Mal in diesem Jahr, wo ich Schützenkönig war". Richard Schönemann lag 1912 etwas anderes auf der Seele: "Dieses Jahr war nicht geheuer, wegen Kriegs-, Wehr- und Vermögenssteuer".

Als Reorganisator der Gilde gilt Günter Zenker. Der 77-Jährige wird heute ein bisschen melancholisch, wenn er an die Anfänge denkt. "Ich werde nie vergessen, wie Franz Krüger die Schützenkette an mich übergab." Er war der Sohn des letzten Königs, bevor der Zweite Weltkrieg jegliche Vereinsarbeit zum Erliegen brachte. Mit einem Schwur hatte der damalige Vorstand nach dem letzten Schützenfest 1938 vereinbart, dass erst "in normalen Zeiten" die Söhne oder Enkel der Schützen die Tradition in allen Rechten und Eigentumsformen wieder aufnehmen und fortsetzen sollen.

Dieser Schwur wurde am 19. Dezember 1991 eingelöst. Im Jahre 1995 fanden dann nach 56 Jahren wieder Schützenfest und Königsschießen in Barby statt.

Bereits Ende der 50er Jahre hatte sich der junge Günter Zenker für Herzog Heinrichs Gilde und deren Nachkommen interessiert. "Da waren die Münder der Zeitzeugen versiegelt. Die hielten sich wirklich an den Schwur", erinnert er sich. Deutlich hat Zenker noch die Reaktion des Kaufmanns Gädicke vor dem geistigen Auge, der sagte: "Junge, darüber kann ich nicht sprechen." Mit der Wende veränderten sich die Dinge. Günter Zenker: "Gerhard Brabant kam zu mir und sagte: Du hast doch soviel geforscht - wollen wir die Gilde nicht reorganisieren?"

Am heutigen Tag vor 20 Jahren traf man sich in der Augustusgabe und machte Nägel mit Köpfen. Gerade mal die für eine Vereinsgründung notwendigen sieben Personen waren dabei. Vier Jahre später fand dann das erste Königsschießen statt.

In seiner Eigenschaft als Leiter des Kreismuseums organisierte Zenker das Nähen der blau-weißen Uniformen. Fachfrauen der Gesas ließen in Brumby ihre Maschinen surren. Damit war die Montur für alle Mitglieder erschwinglich geworden. "Für mich stand fest, dass wir nicht in den heute üblichen Jägeruniformen, sondern in denen von Herzog Heinrich gehen werden", so Zenker kategorisch.

Seine jahrzehntelange Forschungsarbeit trug damit endlich Früchte. Auch was das Reglement betrifft. Um zum Beispiel die historischen Wege und deren Schrittlängen nachzuvollziehen, marschierte Zenker in Meterschritten durch die Stadt. "Das habe ich aber bei Dunkelheit gemacht. Sonst hätten die Leute gedacht, ich bin nicht ganz richtig im Kopf", lächelt er.

 

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