Ein Rekonvaleszent aus dem Harz hat sich, um die Mitpatienten der Barbyer Reha-Klinik zu schonen, einen besonderen Übungsort für sein Musikinstrument ausgesucht. Er probt am Ufer der Elbe.

Barby l Wenn Stephan Menzel durch das Foyer der Reha-Klinik geht, fällt er auf. Tragen die meisten Rehabilitanten lockere Freizeitkleidung bis hin zum Jogginganzug, kommt der 54-Jährige im grünen Lodenmantel daher. Auch Hose und Schuhwerk sind von diesem Stil. Den Abschluss bildet ein fichtengrüner Hut, auf dessen Band ein kleiner silberner Hirsch stolziert. Diese Montur lässt keine Fragen offen: Stephan Menzel ist weder Fleischer, Autoschlosser noch Gerichtsvollzieher. Er ist leidenschaftlicher Jäger.

"Handy des Mittelalters"

Aber nicht nur. Seine Brötchen verdient er als Pferdewirt in Schierke. Fast täglich kutschiert er mit dem Kremser die Touristen zum Brocken, die es eher gemütlich mögen. Der Wagen wird von den beiden ausgeglichenen Kaltblütern Betty und Benno gezogen, deren Hingucker ein besonderes Festtagsgeschirr ist.

Den Touristen erzählt Stephan Menzel von der Natur, von Harzbesonderheiten und natürlich vom Wild. Manchmal, wenn die Leute so aussehen, als ob sie es hören wollen, greift er auch zum Jagdhorn. Dessen Klang wohl nirgends so schön schallt wie in wilder Gebirgslandschaft.

Bei seinem Aufenthalt in Barby hat er das "Handy des Mittelalters", wie er sein Horn nennt, dabei. Und er bläst es, um nicht aus der Übung zu kommen. Das funktioniert natürlich nicht in den Therapieräumen, schon gar nicht auf dem Zimmer. Also stiefelt Stephan Menzel zur nahe gelegenen Elbe. Ob dort verborgenes Wild unruhig wird, wenn es die Jagdsignale hört, lässt sich nicht beweisen. Eines ist aber sicher: Die Spaziergänger - meist sind es solche mit Hunden - spitzen ob des ungewöhnlichen Sounds die Ohren.

Wass\'n da los? Beginnt jetzt das Treiben?

Doch der Harzer will nur in der Übung bleiben. Er ist nämlich Mitglied der "Schierker Jagdhornfreunde". Eine Grünrock-Gemeinschaft, die in der Region einen Namen hat.

Wenn Stephan Menzel von der Jagd spricht, funkeln seine Augen über die Brille. Dann grollt er mit jenen Zeitgenossen, die Jägern vorwerfen, nur aus Lust am Töten den Finger krumm zu machen. Oder mit Hundehaltern, die ihre Vierbeiner frei im Wald herum laufen lassen. Egal ob Brut- und Setzzeit ist, oder nicht.

Doch zurück zu Stephan Menzels ungewöhnlichem Open-Air-Probenraum. Hier stößt er in ein Instrument, das schon im Mittelalter bedeutungsvoll für die Jagd war. Unsere Vorfahren verwendeten das Horn des Urrindes als überlebenswichtiges Signalgerät. Dort liegt der Ursprung. Heute noch verwendet man das Jagdhorn bei Gesellschaftsjagden zur Verständigung über weite Entfernungen. Wenn mal gerade kein Handy zur Hand ist.

Rund 50000 Jäger blasen in Europa das Jagdhorn, ein ventilloses Blechblasinstrument, mit welchem, bedingt durch seine Bauform, nur eine begrenzte Zahl von Tönen hervorgebracht werden kann. Stephan Menzel spricht von "sieben Naturtönen", die durch eine Veränderung der Lippenspannung erzeugt werden.

Mit der Zeit entwickelten sich Signale, die von allen Jägern verstanden werden müssen, um eine reibungslose Abwicklung der Jagd zu ermöglichen. So werden zu Beginn und am Ende der Lödderitzer Herbstdrückjagd diese Signale eingesetzt.

Eher zu hören, als zu sehen

Benannt wurde das gebräuchlichste Horn ab 1880 nach Hans Heinrich XI., Fürst von Pless, dem Oberstjägermeister unter den Kaisern Wilhelm I. und Wilhelm II. Eingang fand es in das Waidwerk über die Jäger- und Schützeneinheiten des deutschen Bundesheeres, die ein kreisförmiges Signalhorn zur Unterscheidung von der Infanterie mit ihrem Bügelhorn führten.

Die im Heer dienenden Förster und Berufsjäger nahmen es mit ins Zivilleben, ebenso wie manches militärische Signal, das zum Jagdsignal umgewidmet wurde.

Stephan Menzel ist bis Januar Patient in Barby. Vielleicht haben einige Spaziergänger das Glück, ihn an der Elbe zu treffen. Eines ist auf jeden Fall sicher: Man wird den Harzer Jäger eher hören als sehen, in seinem grünen Lodenmantel.