Das 100-jährige Bestehen des Amtsgerichts in Schönebeck wurde in diesem Jahr gefeiert. Dabei sammelten Mitarbeiter und Gäste Geld für einen guten Zweck: eine Familie aus dem vom Tornado verwüsteten Peißen (Stadt Bernburg) wurde mit Weihnachtsgeschenken überrascht.

Peißen l Die Augen von Lara, Steven Nils und Leon Niklas strahlen. Die drei Kinder der Familie Gläser aus dem Bernburger Ortsteil Peißen packen wenige Tage vor dem Weihnachtsfest schon große Geschenke aus. Bettwäsche und Sprechfunkgeräte gibt es für den fünfjährigen Steven Nils. Lara bekommt eine neue Puppenfreundin. Die Zehnjährige hat sich das gewünscht. Und Leon Niklas ist schon ganz im Spiel mit Auto und Co. versunken. Im Wohnzimmer der Gläsers, Mutter Annika und Vater Peter gehören noch dazu, ist es heimelig und warm. Lichter brennen am festlich geschmückten Baum. Lediglich die einfach verglasten Fenster scheinen nicht so ganz in das Bild des hergerichteten Wohnzimmers zu passen

Doch nur ein Stockwerk über der Stube sieht es ganz anders aus. Das auf dem Boden verlegte Laminat ist aufgequollen und wölbt sich, teilweise kommen die Tapeten von den feuchten Wänden, die Zimmerdecken sind abgesackt. Ein Bild der Verwüstung. Wie fast alle Einwohner des 1200-Seelen-Dorfes wurden die Gläsers am 11. September vom Tornado heimgesucht. Der Sturm deckte fast das komplette Dach ab, der Hagel ließ Ziegel und Fenster zerbersten, sinnflutartiger Regen spülte Dreck und Schlamm durch das Haus.

"Aus Richtung Könnern sah ich eine dunkelgrüne Wand."

Peter Gläser, Familienvater

Annika und Peter Gläser erinnern sich genau an den Katastrophentag. Der 11. September ist auch ihr Hochzeitstag. "Wir haben mit Freunden im Garten gesessen und am Nachmittag ein bisschen gefeiert", sagt Annika Gläser. Plötzlich sei der sonnige Nachmittagshimmel von dunklen Wolken überschattet worden. Vater Peter ging in das erst seit wenigen Tagen hergerichtete Obergeschoss des Wohnhauses, in das die Familie im August eingezogen war. Er wollte die Fenster schließen. "Aus Richtung Könnern sah ich eine dunkelgrüne Wand", erinnert sich der Mann. "Ein Unwetter dachte ich", wenige später begannen Sturm und Regen. Peter und Annika Gläser schnappten ihre Kinder und ließen sie zunächst auf der Treppe warten. Die Eltern hatten geistesgegenwärtig die richtige Entscheidung getroffen, denn wenige Minuten später gaben die Fenster dem Tornado nach. "Die Scherben lagen überall verteilt, sie wurden bis in die Betten geschleudert. Unsere Kinder hätten sich schlimm verletzen können", sagt die Mutter. Sie will gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn eines der drei Kleinen sich im Bett verkrochen hätte. Die Gläsers bildeten eine Kette, versuchten zusammen außerhalb des Hauses Unterschlupf zu finden. Längst hatte der Wind das Wasser aus dem riesigen Teich hinter dem Haus aufgewirbelt und durch das Untergeschoss gespült. Peter Gläser: "Die Fische lagen hinterher alle auf dem Grund des Gewässers." Regen und Hagel taten ihr übriges, die Kinder schrieen, die Eltern reagieren wie automatisch. "So etwas haben wir noch nie erlebt", sagen die Gläsers.

Nach dem Sturm finden sie einen Moment, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die gesamte obere Etage ist verwüstet. Die Möbel sind unbrauchbar, nur die Küche konnte gerettet werden. "Die Schrankwand ist kaputt, wir müssen sie weiter nutzen, können uns eine neue kaufen, wenn wieder Geld da ist", sagt Annika Gläser, die wie ihr Mann auf Hartz IV angewiesen ist.

Der Sturm hat den Gläsers nicht nur fast ihr gesamtes Hab und Gut genommen. Er hat auch etwas von der Unbeschwertheit von Lara, Steven Nils und Leon Niklas mit sich gerissen. "Wir selbst haben bis heute noch nicht alles verarbeitet", gibt die Mutter etwas von ihrem Seelenleben preis. "Die Kinder haben noch immer Albträume, trauen sich kaum in das Bad, das sich nach wie vor in der zweiten Etage befindet."

Im Untergeschoss haben die Gläsers ihre Möbel in vier Zimmern zusammengeschoben. Wo einst Abstellräume waren, ist jetzt eine kleine Küche sporadisch eingerichtet. Das Wohnzimmer ist gemütlich, zwei altersgerechte Kinderzimmer sollen den Kleinen das Gefühl von Normalität vermitteln. Hilfe habe es für die Leute unmittelbar nach dem Tornado nicht gegeben. "Keiner war da und hat geschaut, ob jemand verletzt ist", sagt Peter Gläser mit Verbitterung. Erst als Politiker sich tags darauf ein Bild über die Lage machten, waren auch THW und Co. da.

Die Gläsers haben ihr Schicksal in die Hand genommen. Mit Verwandten und Bekannten haben sie das Dach neu eingedeckt. Nach und nach soll die Wohnung im Haus, das über Mietkauf erworben wird, hergerichtet werden. "Zwei, drei Jahre wird das noch dauern", meint Annika Gläser.

"Wir sind froh, dass wir den Kindern eine kleine Freude machen können."

Sigrun Lehmann, Gerichtsdirektorin

Vom Schicksal der Familie erfuhren die Mitarbeiter des Amtsgerichts Schönebeck durch die Verwaltung des Ortes. Sie hatten sich nach der 100-Jahr-Feier der Justizbehörde erkundigt, wer Hilfe brauchte. Die Eltern verrieten, was die Kleinen sich wünschen würden. Denn beim Festakt und dem Tag der offenen Tür wurde zu Spenden aufgerufen, es gab einen Kuchenbasar. Von dem Geld kauften Sigrun Lehmann, Direktorin des Amtsgerichts Schönebeck, und Geschäftsleiterin Karin Göricke Geschenke und überreichten sie jetzt der Familie, die in diesem Jahr keinen Pfennig für Weihnachtsgeschenke mehr übrig hat. "Wir sind froh, dass wir den Kindern eine kleine Freude machen können und so die Idee der Jubiläumsfeier zum Tragen kommt", sagt Sigrun Lehmann.

Peter und Annika Gläser sind dankbar für die Zuwendung, die die Familie erfährt. "Trotz allem ist uns wichtig, dass die Kinder weiter so normal wie möglich aufwachsen, und die Erinnerungen an den Tornado bald vergessen sind." Vielleicht wird das Weihnachtsfest mit den Geschenken aus Schönebeck so auch auf seine ganz eigene Art und Weise zu einem unvergesslichen Moment für Steven Nils, Leon Niklas und Lara.