Musik machen und dabei authentisch sein - das ist der Anspruch der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie. Die Musiker haben dafür bereits längst den Konzertsaal verlassen, suchen außergewöhnliche Spielorte oder das Spiel mit den Generationen. Projekte mit Kindern und Jugendlichen zeugen davon. Und die Erwachsenen lieben die Vielfalt "ihres" Orchesters.

Schönebeck. l Es braucht etwas Zeit, bis Ruhe eingekehrt ist im Tolberg-Saal des Bad Salzelmener Kurparks. Auf dem Podium sitzen die Musikerinnen und Musiker der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie. Am Pult Generalmusikdirektor Christian Simonis. Er hebt an, der erste Satz von Felix Mendelssohn Bartholdys Reformationssinfonie. Die rund 200 Zuhörer sitzen gespannt auf ihren Plätzen, lassen Klänge und Harmonien auf sich wirken.

Es braucht etwas Zeit, bis die aufgeregte Schar Kinder ruhig wird. Viel zu spannend ist es, dass heute ein Orchester in die Schule gekommen ist. Christian Simonis sitzt mitten zwischen Mädchen und Jungen der Hecklinger Grundschule und redet vom Singen. Die Orchestermusiker haben die Instrumente ausgepackt, die Kleinen können schauen und probieren. Später stellen sich die Klanggruppen des Ensembles in der Turnhalle der Schule einzeln bei einem Kurzkonzert vor.

"Aus kleinen Impulsen entstehen große. Wir wollen Nachhaltigkeit erreichen, weil wir die Menschen direkt erreichen können."

Auch das ist Mitteldeutsche Kammerphilharmonie. "Wir wollen, dass die Musik bei den Menschen ist. Das ist unser Selbstverständnis als Orchester in einer Region, in die wir eingebettet sind", sagt Christian Simonis, der seit Juli 2005 Chef des Schönebecker Klangkörpers ist. Schon lange hat sich das Ensemble einen Namen über die Stadtgrenzen hinaus gemacht, tritt deutschlandweit auf. Spätestens aber seit der Fusion zum Salzlandkreis ist es musikalischer Botschafter, verbindet die neuen politischen Strukturen ganz sinnreich und sinnvoll - über die Musik. So gelingt das, was mancherorts aufgrund lokalen Eigensinns noch auf der Strecke bleibt: ein Wir-Gefühl. Christian Simonis und seine Musiker bringen nicht nur wunderbare Musik in den Salzlandkreis, sie arbeiten auch mit 30 verschiedenen Laienchören zusammen. 18 Singegruppen sind allein in diesem Jahr beim eigenen Festival "Klänge im Raum" aufgetreten, mehr als 800 Mitwirkende gab es insgesamt. Genauso oft werden Notenpulte in Schulen und Kindertagesstätten aufgebaut. Die Kammerphilharmonie hat eigene Programme entwickelt, um Kindern und Jugendlichen klassische Musik und die Instrumentale Klangvielfalt nahe zu bringen - spielerisch und altersgerecht. Nicht zuletzt gibt es regelmäßige Konzerte mit den Schülern der Kreismusikschule Béla Bartók in etablierten Reihen. "Aus kleinen Impulsen entstehen große", bringt der Dirigent auf den Punkt, was hinter der Umtriebigkeit des Orchesters steckt. "Wir wollen Nachhaltigkeit erreichen, weil wir die Menschen direkt erreichen können." Für jeden Beteiligten, so der Generalmusikdirektor, würden diese Begegnungen Anregungen und Entwicklungen mit sich bringen, die Erfahrungen von Wertschätzung und echtem gegenseitigen Interesse. Für Christian Simonis sind diese Eindrücke wertvoller als Besucherstatistiken oder Bilanzen.

Das Orchester will didaktisch wirken, sicherlich, das aber niemals abgehoben, sondern "unterhaltend und dienend". Die eigenen Reihen zeugen davon. "Klänge im Raum" ist der Titel eines Musikfestivals im neuen Salzlandkreis. Ungewöhnliche Orte werden als Spielstätte aufgesucht: Kirchen, Scheunen, Freiluftbühnen. Die Kammerphilharmonie musiziert mit Akteuren vor Ort. Das Konzertangebot reicht von Gustav Mahlers "Sinfonie der Tausend" bis zum Volksliedersingen. Vertrautes mit Neuem zu verbinden ist auch die Idee der Anrechtsreihen des Ensembles. Schließlich ist der Operettensommer zu nennen, der, seit 1997 jeweils im Juli auf dem Bierer Berg aufgeführt, zum echten Renner geworden ist.

Dass diese "bunte Vielfalt", wie sie Christian Simonis nennt, gelingen kann, hängt in erster Linie mit den Orchestermusikern zusammen. Die Musiker stünden Neuem oft aufgeschlossen gegenüber. Und trotz Skepsis lasse man sich doch auf ein Projekt ein und könne sich dafür begeistern. "Die Kollegen tragen alles mit und widmen sich allem mit der gleichen Ernsthaftigkeit", fasst der Dirigent die Einstellung seiner Musiker zusammen. So sei jede Veranstaltung - vom Sinfoniekonzert über das Musizieren mit Musikschülern bis hin zu einer Operettensommer-Aufführung auf dem Bierer Berg - von einer Sinnhaftigkeit beseelt, ohne dass die Konzerte bloßes Event seien. Denn von derlei kurzlebigem Aktionismus hält Christian Simonis nicht viel. "Kultur braucht Kontinuität." Die Basis müsse stimmen, dann habe alles auch seinen Mehrwert, ist Christian Simonis überzeugt und spricht über sein Kunstverständnis. Wenn man mit Ernst dem Publikum, den Musikschülern, den Kindern begegne, es verstehe, die Menschen zu erreichen, "ansprechend" zu sein, dann könne man Begeisterung auslösen. "Begeisterung weckt Interesse." Ganz nebenbei gesagt, neue Hörerkreise werden dadurch auch gewonnen.

Keine Spur von affektierter Exklusivität, die man der Kunstwelt gern unterstellt, sondern bodenständiges Agieren mit echtem Anspruch und Niveau. Diese Natürlichkeit bringt mit sich, dass viele Gastgeber die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie als ihr "Hausorchester" verstehen. Für den Dirigenten ist das ein schönes Kompliment. "Es zeigt die Verbundenheit, die unsere Intention ist." Einladungen und wachsende Besucherzahlen, eine eigens eingeführte zweite Anrechtsreiche "Heitere Muse" neben der "Klassik" mit regem Interesse oder eine neue Anrechtsreihe im Bernburger Carl-Maria-von-Weber-Theater sind mehr als äußere Bestätigung dieses Handels.

Die Kammerphilharmonie auf Erfolgskurs. Dabei bleibt die Orchesterfinanzierung ein Kampf - kommunale Unterstützung muss turnusmäßig eingefordert werden. Die öffentlichen Kassen sind leer, der Landkreis muss konsolidieren. So lange er jedoch Zuschüsse an die Orchester GmbH zahlt, engagiert sich auch das Land. Die Menschen stehen hinter ihrem Orchester, das zeigten Unterschriftensammlungen und Protestschreiben, wenn die Orchesterfinanzierung in den vergangenen Jahren auf der Kippe stand. Und die Orchesterarbeit glänzt mit hoher Effizienz bei sparsamem Einsatz der Mittel.

In Schönebeck ist man selbstbewusst, weil man weiß, was man erreicht hat und kann. Christian Simonis ist es deshalb ein Anliegen, die gewonnene Agilität zu bewahren. Nach Zukunftsplänen befragt, sagt der Dirigent: "Eine natürliche Lebendigkeit in der Kunst zu haben, ist schwieriger als das Plaudern über große Ideen." Sein Lächeln verrät, dass längst viele Ideen in den Köpfen der Mitteldeutschen Kammerphilharmoniker sprießen.

   

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