Wer denkt, die Lebensmittel, die bei der Tafel ausgegeben werden, kommen ganz von allein zu den Bedürftigen, hat sich geschnitten. Eine ganze Maschinerie mit 14 Mitarbeitern setzt sich ab 6.30 Uhr in Bewegung, um rund 40 Staßfurter mit dem Nötigsten zu versorgen. Entscheidend dabei sind Günter Liebing und Eberhard Schäfer: Sie sind den ganzen Tag auf Achse, um die Lebensmittel für die Tafel einzusammeln.

Staßfurt l "Na, mal schauen, was uns der liebe Günter heute bringt", sagt Ilse Gohla, als sie auf die nächste Fuhre vom Staßfurter Tafelauto wartet. Der "liebe Günter" - das ist Günter Liebing, der schon lange bei der Tafel arbeitet und aktuell im Bundesfreiwilligendienst den Fahrdienst für die Einrichtung des Vereins für Integration, Beschäftigung und Soziales (IBS) aus Eisleben übernimmt. Neben dem "lieben Günter" sitzt Eberhard Schäfer als Beifahrer im Tafelauto, der über eine Maßnahme seit einem halben Jahr bei der Tafel ist. Gemeinsam sind die beiden den ganzen Tag lang auf Achse, um die Lebensmittel für die Bedürftigen einzusammeln.

Ab 8 Uhr sitzen sie im Auto - an manchen Tagen sogar schon ab 6.30 Uhr, wenn die Firma Rügenwalder der Tafel Wurst- und Fleischwaren spendiert. Schon beim ersten Stopp - der Edeka in Güsten - wird klar, was den beiden so gefällt an ihrer Arbeit: Gut gelaunt öffnet Edeka-Mitarbeiterin Elvira Baier den Hintereingang des Markts. "Na, wie läuft es?", fragt Günter Liebing. "Man kann nicht klagen", schäkert die Verkäuferin zurück. "Die Frauen von den Supermärkten sind immer sehr nett", sagt Günter Liebing, "da kommt man ins Gespräch, da hat man Abwechslung".

Elvira Baier hat bereits vor Eintreffen der Tafel-Männer alles in Kisten einsortiert. Es handelt sich nicht um verdorbene Lebensmittel, betont Günter Liebing. "Das Datum ist ja nur ein Mindesthaltbarkeitsdatum und heißt nicht, dass die Ware schlecht ist". Einige Märkte können die Ware für die Tafel schon gut sortieren, andere kommen nicht dazu. "Wir haben zu den Märkten von Anfang an gesagt: Macht euch keine Gedanken, wenn ihr keine Zeit habt zum Aussortieren, wir machen das in der Tafel", erklärt Günter Liebing.

Von Güsten aus geht es weiter zu Station Nummer 2: Bäcker Winkel in Neundorf gibt jeden Tag Brot, Brötchen und Kuchen. "Wir haben abends manchmal so viel übrig", erklärt Verkäuferin Eileen Sorgatz, "und dann gibt es Menschen, die können sich nicht mal ein Brot kaufen. Da helfen wir doch gern". Auch sie empfindet das morgendliche Treffen mit den Tafel-Männern als nette "Abwechslung".

Neben Bäcker Winkel gehört auch Bäcker Stelmecke und eine Tankstelle an manchen Tage zur Route der Tafelmänner. Auch die Tafelgärten von Löderburg, Hohenerxleben und Neundorf liefern frisches vom Beet. Noch ein Abstecher bei Lidl und das Kühlauto ist voll. An dem Tag, an dem die Volksstimme die Tour begleitet, gibt es ziemlich viele Lebensmittel für die Tafel. "Manchmal bekommen wir ganz wenig, dann wieder viel. Das ändert sich von Tag zu Tag", sagt Beifahrer Eberhard Schäfer. Die Tafel-Männer sind aber mit allem glücklich, was sie bekommen. "Wir können ja nichts verlangen", meint Eberhard Schäfer.

Mit dem vollen Kühlauto, das jeden Tag rund 100 Kilometer fährt - jetzt mit der Umleitung durch die Bodebrücke sind es rund 30 Kilometer zusätzlich - geht es zurück zur Tafel. Mitarbeiter wie Sandy sind sofort zur Stelle. "Ich sortiere noch einmal aus. Die gute Ware kommt mit dem Aufzug nach oben, der Rest geht gleich in den Müll", sagt sie. Sandy, auch über eine Maßnahme bei der Tafel, gefällt die Arbeit hier. Vor allem die lockere Art im Kollegium scheint alle zu begeistern. Viele der Mitarbeiter sind "Wiederholungstäter". So ist auch Wilfried Herrmann seit sieben Jahre dabei. Er hat mal das Auto gefahren und sortiert jetzt das Obst und Gemüse mit Sandy ein.

Während die Ware im Aufzug nach oben in Richtung Ausgabe der Tafel befördert wird, haben die Tafel-Männer das Auto schon wieder leer geräumt. Brunhilde Kiel, Ilse Gohla und Petra Schulze sortieren die Lebensmittel in verschiedene Beutel ein, die ab Mittag an die Bedürftigen ausgegeben werden. Nun beginnen auch die Damen in der Küche, sich Gedanken zu machen. Die gelernten Köchinnen Kathrin Fritz und Ines Praschak machen jeden Tag das Frühstück, das die Bedürftigen in der Tafel einnehmen können, und bereiten 40 Mittagessen zu. "Wir wissen ja vorher nie, was wir bekommen und improvisieren jeden Tag", sagt Karthin Fritz. Bisher habe es aber immer ein ordentliches Mahl gegeben.

Währendessen sind die Tafel-Fahrer schon auf der zweiten Tour des Tages unterwegs: Zwei "rote" und ein "schwarzer" Netto und Kaufland sind an der Reihe. Am Nachmittag kommen manchmal noch weitere Fahrten hinzu: Die Staßfurter Tafel tauscht bei Bedarf mit Tafeln aus Quedlinburg, Calbe oder Halle. "Eine der Tafeln bekommt zum Beispiel 800 Pizzen, weil es dort einen Pizzahersteller in der Nähe gibt. Klar, dass wir dann untereinander tauschen", sagt Günter Liebing.

Daher ist Brunhilde Kiel, die in der Urlaubszeit gerade die Leitung für die Chefin Irene Hänsch übernimmt, den ganzen Tag am Telefon. "Wenn wir einen Anruf bekommen, müssen wir sofort reagieren", sagt sie. Auch wenn weitere Firmen anrufen und spontan noch etwas geben wollen, soll keiner auf die Abnehmer der kostenlosen Ware warten. "Sonst heißt es ja, die Tafel hat es nicht nötig und das wollen wir auf keinen Fall", meint Brunhilde Kiel.

Deshalb müssen Günter Liebing und Eberhard Schäfer von der ausgeschlafenen Sorte sein, wollen sie den Tafel-Job richtig machen. "Klar, ist es auch Stress, aber ich bin ja so froh, dass wir was kriegen", sagt Günter Liebing. Daher sind die beiden immer dankbar, wenn sie nachmittags noch quer durch Sachsen-Anhalt fahren - es ist ja für die Bedürftigen. Auch private Spenden gibt es. "Neulich hatten wir eine Dame, die hat Pflaumen aus ihrem Garten vorbei gebracht. Wenn Privatleute etwas geben, das finde ich richtig klasse", meint Günter Liebing.

Irene Hänsch und ihr Team können 40 Menschen pro Tag versorgen. Alle Tafel-Mitarbeiter machen ihre Arbeit gern. "Das Klima unter den Kollegen bei der Tafel ist super", sagt Günter Liebing. Außerdem gibt es ja jeden Morgen den netten Schnack mit den Damen von den Supermärkten und den Bäckereien ...

   

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