Christian Dertinger müsste eigentlich Dertinger - Müller - Dertinger heißen. Der Sohn des ersten Außenministers der noch jungen DDR erlebte wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine Odyssee. Der Junge wurde hin und her gerissen und mit falschen Biografien belogen. Mehr als sieben Jahre lang lebte er in Schönebeck. Am kommenden Sonnabend, dem 1. Oktober, wird Christian Dertinger bei seiner Lesung im Salzlandmuseum seine Geschichte erzählen, die nur wenige kennen.

Schönebeck. 15. Januar 1953. Es ist ein Donnerstag, der das Leben der Familie Dertinger von einem auf den anderen Moment verändert. Es passiert das Schrecklichste, was Menschen passieren kann: Sie werden auseinanderissen, verschleppt, isoliert gehalten, verurteilt, belogen und mit einer neuen Biografie wieder in den real existierenden Sozialsmus entlassen.

Die Geschwister haben keinen Kontakt mehr, Mutter und Vater sind verschwunden. Es gibt plötzlich kein Halt, keine Liebe, das Leben scheint zerstört. Und es hätte so schön werden können. Denn es stimmt alles in der Familie Dertinger. Der achtjährige Christian hat eine unbeschwerte Kindheit. Geschwister, der Vater in höchster Position der DDR und eine Villa südlich von Berlin. Viel Ginster und Kiefernluft begleiten die Sinne von Christian Dertinger.

Bis zu jenem 15. Januar 1953. In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag lärmt es am Tor zum Grundstück der Eltern. "Die Hausklingel schrillte, es wurde gerufen, gelaufen, viele Stimmen waren zu hören, überall wurden die Türen aufgestoßen und Licht gemacht. Ich hatte Angst ...", erinnert sich der 1944 geborene Christian Dertinger.

Was er erlebt, schockiert ihn: Seine Eltern werden verhaftet. Der Vater Georg Dertinger ist zu dieser Zeit mit CDU-Parteibuch Außenminister der DDR. "Spionage und Verschwörung" lautet der haltlose Vorwurf.

"Überall wurden die Türen aufgestoßen und Licht gemacht. Ich hatte Angst "

15. Januar 1953. An diesem Tag wird das junge Leben von Christian Dertinger gebrochen. "Mir ist damals von den Staatsverantwortlichen apostrophiert worden, dass ich ein Kriegswaise bin", erzählt Christian Dertinger der Volksstimme. Angeblich sollen seine Eltern einen herrenlosen Kinderwagen mit ihm darin in den Wirren des Krieges nach einem Bombenangriff vor einem Berliner Haus entdeckt und mitgenommen haben.

Das Oberste Gericht der DDR verurteilt die Eltern: den Vater zu 15 Jahren und die Mutter zu acht Jahren Zuchthaus.

Die Großmutter verbringt 16 Monate in Untersuchungshaft. Selbst die Kinder werden nicht verschont: Der damals mit 15 Jahren älteste Bruder Rudolf erhält drei Jahre Zuchthaus nach Erwachsenenstrafrecht. Die 13-jährige Schwester Oktavia kommt ebenfalls in Haft.

"Schönebeck? Kenn ick nich", berlinert der kleine Christian im Sommer 1953, als ihm offenbart wird, dass er jetzt zu "Tante" Lieschen und "Onkel" Emil muss - seine neue SED-treue Pflegefamilie. Aus Dertinger wird Müller. Christian Müller.

Sein zweites Leben beginnt; die Erinnerungen an die wahren Eltern verblassen. Schönebeck ist die neue Heimat des Jungen, der hier einen Teil seiner Kindheit und die Jugend verbringt.

Die Elbe, das Grün, die Frohser Großfamilie - es ist eine schöne Zeit. "Ich hatte hier viele Erlebnisse", erinnert sich Christian Dertinger.

"Mir ist von den Staatsverantwortlichen apostrophiert worden, dass ich ein Kriegswaise bin"

Er geht in die Karl-Liebknecht-Schule. Seine Mitschüler wissen seine bewegte Geschichte nicht. Nur einem Mitschüler hat er damals erzählt, dass er früher mal anders hieß.

"So verlief mein Leben wie bei einem ganz normalen Kind, einem pupertierenden Knaben, später einem Teenager mit Liebesfreud und Liebesleid." Nach dem 14. Geburtstag benötigt Christian "Müller" einen Personalausweis; um den zu beantragen muss er eine Geburtsurkunde vorlegen. "Ich hatte aber keine", so Christian Dertinger.

Daran haben die "Geschichtenschreiber" der DDR nicht gedacht, als sie die Legende vom Waisenkind im Kinderwagen erfinden. Doch das Lügenkonstrukt darf nicht zusammenbrechen. Schon wenige Tage später kommt ein Brief aus Berlin mit der Geburtsurkunde und amtlichen Stempel: Christian Müller, geboren am 23. Juli 1944 in Berlin.

Dann kommt der 16. November 1960, Christian Dertinger ist inzwischen an der Erweiterten Oberschule. Ein Stasi-Mann teilt der Schönebecker Familie kühl und ohne Emotionen mit: "Deine Mutter ist wieder aus dem Gefängnis und verlangt dich zurück."

Christian Dertinger hat das Gefühl, dass ihm erneut der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

"Deine Mutter ist wieder aus dem Gefängnis und verlangt dich zurück"

Den Rest des Tages und den nächsten Tag erlebt er nicht mehr bewusst, erinnert er sich. Christian Dertinger hat einen totalen Filmriss. Jetzt plötzlich wieder eine Mutter? "Ich war wie gelähmt, mit dieser fremden Frau konnte ich nichts anfangen. Was ist denn bloß los, ist alles nur ein Traum?"

Großmutter und Mutter leben in Annaberg im Erzgebirge. Für Christian Dertinger, der anschließend wieder diesen Namen und eine neue Geburtsurkunde bekommt, gerät das Leben erneut aus den Fugen.

Auch deshalb, weil er 1961 eine Hiobsbotschaft aus Schönebeck bekommt: Tante Lieschen ist gestorben. "An Krebs, aber ich glaube, sie starb an gebrochenem Herzen", so Christian Dertinger zur Volksstimme. Wenig später nimmt sich Pflegevater Onkel Emil das Leben.

So endet der Schönebecker Abschnitt von Christian Dertinger - Müller - Dertinger. Erst mit der Wende kann er sein und das Schicksal seiner Geschwister erkunden, das am Donnerstag, dem 15. Januar 1953 begann.

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