"Es gab schon vor vielen Jahren liebe Naturfreunde. So kam es, dass sich Menschen Gedanken gemacht haben, den gefiederten Wasservögeln in unserer Region ein schönes Zuhause zu bieten. Es entstand zwischen Staßfurt und Hecklingen der Schwanenteich.

Mein Name ist Schwani.

In diesem Jahr habe ich das Glück gehabt, an diesem schönen Teich zur Welt zu kommen. Ich habe auch noch ein paar Geschwister. Auch habe ich noch Onkel und Tanten und deren Kinder sind auch meine Freunde. Wenn ich mich nicht irre, leben auch meine Großeltern noch. Jedenfalls sind wir einige an der Zahl. Meine Kindheit war sehr schön. Es leben noch andere Wasservögel dort.

Ab und zu sehe ich auch kleinere Fische, Frösche und allerhand Kleingetier. Meine Eltern sind sehr lieb, aber auch sehr streng mit unserer Erziehung. So lernten wir schon ganz früh richtig zu schwimmen, uns zu säubern und was so alles dazu gehört. Wie man sich gut ernährt, das haben sie uns auch beigebracht. Das klappte schon sehr schnell, denn wir haben immer großen Appetit. Manchmal wurden wir auch mal in die Schranken gewiesen, wenn wir etwas zu aufmüpfig waren. Ich kam dann in die Flegeljahre und wollte mal ausbrechen. Geschlafen wurde im hohen Schilf oder auf der kleinen grünen Insel, die sich mitten im Teich befindet. Dort war man gut geschützt und wir haben uns dort auch oft versteckt. Eines Nachts, meine Eltern schliefen noch, hörte ich in den frühen Morgenstunden aus der Ferne Pferdegewieher, ein Hund bellte, ein Esel rief immer "ia, ia, ia", ein Zicklein meckerte und zum Schluss krähte ein Hahn aus voller Kehle sein "Kikeriki".

Ich war hellwach und dachte, da gibt es doch noch etwas anderes als unseren Schwanenteich. Woher kommt das Geschrei von den Tieren? Da kam mir der Gedanke "du musst erkunden, wo die Geräusche in der Umgebung sind". Meine Neugier war riesengroß. Zu diesem späten Herbst kamen noch ein paar sehr schöne Sonnentage. Nach unserem gemeinsamen Frühstück machte ich mich heimlich auf den Weg meines Abenteuers. Die Sonne strahlte wie im Hochsommer. Plötzlich jedoch bewölkte sich der Himmel, es regnete sehr sehr viel und ein mächtiger Sturm zog durch das Land. Äste flogen durch die Gegend, wirbelten alles durcheinander und haben mich auf meinem Weg Richtung Tierstimmen völlig überrascht.

Mir wurde übel und schwindlig und dann weiß ich nichts mehr. Es war mir ganz schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir kam, wusste ich nicht was geschehen war. Ich saß total erschöpft und kurz vor dem Ortseingansschild der Stadt unmittelbar am Straßenrand. So langsam kam ich wieder zur Besinnung. An mir rauschten mit vollem Tempo Autos, Motorräder, Busse und Traktoren vorbei. Das hat mich natürlich wahnsinnig interessiert. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Sogar ein Wagen mit zwei Pferden fuhr an mir vorbei. Das war ein tolles Abenteuer für mich. Ich war sehr neugierig und lugte mit meinem langen Hals über die Straßenkante, um noch mehr zu sehen. Da bemerkte ich aber sehr schnell wie gefährlich das war. Beinahe wäre ich einen Kopf kürzer gewesen. Das war ein Treiben. Mein Kopf ging immer hin und her. Ich habe dann aufgehört, die vielen Fahrzeuge zu zählen. Nun musste ich erst einmal eine Pause machen und mich von den vielen Eindrücken, die ich erlebt habe, zu erholen. Nach einer gewissen Zeit bemerkte ich, dass hinter mir jemand mit dem Fahrrad stand und mich betrachtete. Dann hörte ich eine Stimme.

Sie muss mich wohl gemeint haben, als sie sagte: "He, du Kleiner, was machst du denn hier? Du gehörst doch nicht hierhin? Was mache ich denn nun mit dir?" Es war eine ältere Frau und die Erste, die mich wahrgenommen hat. Danach ging sie fort. Kurz darauf hörte ich, wie die Frau an einer Haustür klingelte. Ein junger Nachbar öffnete die Tür. "Ja, was ist?", fragte er.

"Kannst du mir helfen?", sagte die Frau. "Ganz in der Nähe sitzt ein Schwan am Straßenrand, der gehört zum Schwanenteich und da soll er auch wieder hin. Wenn wir nicht helfen, dann fahren sie ihn tot." "Mensch, du machst dir vielleicht Sorgen, der kommt schon wieder dahin wo er hingehört." Ich hörte wie die Frau erbost sagte: "Wenn alle so denken, das wäre schlimm. Gut, dann nicht. Ich bin im Tierschutzverein um Tieren zu helfen." Traurig ging sie davon.

Nach einer ganzen Weile bemerkte ich, wie die Frau wieder in meine Nähe kam. Sie dachte, ich bin vielleicht verletzt. Das war aber nicht der Fall. Als sie sich mir näherte, stand ich auf und wollte fliehen. In diesem Moment waren gerade keine Fahrzeuge auf der Straße. Ich lief über den Radweg und wollte mich im gegenüberliegenden Gestrüpp in Sicherheit bringen. Dazu kam es aber nicht, denn plötzlich wurde es wieder dunkel um mich.

Eine kräftige Hand griff mich unter meine breiten Flügel und ich hatte keine Chance mich loszureißen. Unter einer braunen Wolldecke war ich nun gefangen. Mich zu wehren war zwecklos. Ich fauchte und zappelte ganz schön. Mein kleines Schwanenherz schlug mir bis zum Hals und ich hatte große Angst. "So, nun bringe ich dich zu deiner Familie", sagte sie. Es lagen nun fast zwei Kilometer vor uns. Ich war noch nicht ganz erwachsen, doch schon ganz schön schwer. Die Frau schnaufte ganz schön. Die nächstgelegene Bank kam ihr gerade recht. Dort machten wir erst einmal eine Pause. Sie rückte mich wieder in der Decke zurecht und dann ging es wieder weiter. Außer meines langen Halses war ich völlig eingehüllt. Die Leute, die an uns vorbei kamen, haben bestimmt gedacht, da geht der Hans im Glück mit der goldenen Gans. Manche haben sicher gedacht, die hat schon ihren lebendigen Weihnachtsbraten unter dem Arm. Es war ja bald Weihnachten. Im Stillen hoffte sie, dass irgend jemand mal anhielt und sie mitnimmt. Aber niemand hielt an. Alle wollten nur zum Einkaufscenter oder schnell nach Hause. Die nächsten zwei Bänke waren wieder für eine Pause gut. Inzwischen war es gegen 20 Uhr. Kurz vor unserem Ziel fuhr ein Pkw ganz langsam, blinkte rechts und hielt in unserer Höhe an. Wir sahen die roten Stopplichter und ein junger hübscher Mann stieg aus dem Auto. Es war ein Verwandter dieser Frau. Er fragte ganz interessiert. "Was macht ihr denn hier?" Er staunte nicht schlecht, als er die Situation sah, mit Staunen, dass die Frau mich unter ihren Armen hielt. "Das ist Schwani", sagte sie, "der Ausreißer und Abenteurer, den will ich wieder zu seinen Eltern bringen." Gemeinsam haben sie mich dann zum Teich gebracht und in das Schilf gesetzt und gesagt: "Das machst du aber nicht noch einmal." Die Frau sagte zu dem Mann: "Du warst eben mein rettender Engel." Er fuhr sie dann wieder nach Hause, denn sie war ganz schön erschöpft. Bis auf die schmutzigen Sachen und die zerrissene Strickjacke der Frau durch meine Gegenwehr war sie aber sehr glücklich, dass sie mir das Leben gerettet hat. Leider habe ich die vielen Tiere, die ich nachts gehört habe, nun doch nicht gesehen.

Zwei Tage später, wir schwammen auf dem Teich, sah ich die Frau wieder. Ich rief "Papa, Mama, da ist die Frau, die mich wieder zu euch gebracht hat." Papa Schwan kam ganz dicht an das Ufer und schnatterte der Frau zu: "Schön, dass unser Schwani wieder da ist. Was hätten wir nur ohne ihn zu Weihnachten gemacht?"