239 Bewohner zählt gegenwärtig das Asylbewerberheim in Stendal. Jetzt arbeitet der Landkreis an einem Konzept, dem Gros die Möglichkeit einzuräumen, Wohnungen außerhalb der Gemeinschaftsunterkunft zu beziehen.

Stendal l Wie unterschiedlich doch der Blick aus zwei Perspektiven sein kann: Einen "positiven Eindruck" bescheinigte das Landesverwaltungsamt dem Stendaler Asylbewerberheim nach einer Überprüfung im Juli, berichtete Claudia Jung von der Ausländerbehörde des Landkreises am Mittwochabend im kreislichen Sozialausschuss. Ganz anders ist das Empfinden zweier junger Afghanen, die dort untergebracht sind. Sie fühlen sich nicht wohl. Dabei spielen offensichtlich die Lebensumstände der beiden 21-Jährigen, die vor drei Jahren nach Deutschland kamen und deren Asylverfahren noch läuft, eine Rolle.

Das Asylheim als Stigmatisierung

"Ich möchte die Möglichkeit einer Beschäftigung", sagte Amir Arshar, der ein unentgeltliches Praktikum in einem Stahlbaubetrieb absolvierte. Er wolle keine Sozialhilfe, fühle sich überflüssig. Drastischer drückte sich Hamid Sharafi aus. Im Heim habe er keine Möglichkeit, sich sinnvoll zu beschäftigen. Ihn bedrücke auch, dass er keine deutschen Freunde habe. Die Deutschen mieden ihn, weil er im Asylbewerberheim wohne. Das führe zu Depressionen. "Wenn ich manchmal ins Bett gehe, möchte ich morgens nicht mehr aufwachen", erzählte Sharafi.

Die Ausschussmitglieder zeigten sich teilweise empört. "Das Asylheim ist eine Stigmatisierung", schätzte Henning Richter-Mendau (CDU) ein. Für Wolfgang März (Landwirte für die Region) ist es ein "Unding", wie mit Menschen umgegangen wird. Für ihn sei es völlig neu gewesen, dass es Asylanten verwehrt werde, Deutsch zu lernen. Hintergrund: Asylbewerber, deren Anträge noch nicht endgültig beschieden sind, erhalten keine finanzielle Unterstützung für Ausbildungsmaßnahmen und Sprachkurse. Wie sollen sich da die Ausländer - wie es immer gefordert wird - integrieren, schüttelte März verständnislos den Kopf.

Zur Integration könnte beitragen, dass die Ausländer statt in der Gemeinschaftsauskunft dezentral in Wohnungen inmitten deutscher Nachbarn ein Zuhause finden. Darauf zielt ein Erlass des Innenministeriums ab. Dazu erarbeitet der Landkreis Stendal derzeit ein Konzept, das Jung skizzierte. Ein Grundsatz ist die "eigenverantwortliche und selbständige Nutzung durch die Bewohner".

Ein "Teufelskreis" bei der Wohnungssuche

Mit Unverständnis reagierten Räte auf die Aussage, Wohnungswahl, Klärung der Kostenübernahme und Abschluss des Mietvertrages seien Sache der Ausländer. Das sei realitätsfern, hieß es. Günter Rettig (Die Linke) sprach von einem "Teufelskreis". Für Menschen, die über geringe Sprachkenntnisse verfügen - auch weil sie sich keine Kurse leisten können -, werde es schwer, auf dem Wohnungsmarkt fündig zu werden. Auch Ausschussvorsitzende Helga Paschke (Die Linke) forderte, die Asylbewerber bei der Wohnungssuche nicht allein zu lassen. Sie zeigte sich "enttäuscht", dass der Landkreis die Spielräume nicht nutze, die der Erlass des Ministeriums biete. Das Konzept stelle sie nicht zufrieden, dem Bericht an den Ausschuss mangele es an Zahlen.

Sebastian Stoll gab zu bedenken, dass der Entwurf noch in Arbeit sei. Und er betonte: Der Entwurf solle ausgereift sein und nicht auf "Halbwissen" fußen.