Stendal l Die FDP ist im Wahlkampf ganz vorn. Jedenfalls wenn man am Sonnabend gegen 10 Uhr aus Richtung Sperlingsberg die Breite Straße entlanggeht. Michael Kühn ist frustriert. "Zwei Drittel der Menschen sagen, dass sie am Sonntag nicht zur Wahl gehen werden", macht er seinem Frust Luft. Dabei hat er neben Infomaterial auch einen ganz witzigen Werbeslogan parat: "Wählen Sie den Richtigen, wählen Sie mich, dann freut sich auch meine Frau, weil ich nicht so oft zu Hause bin." Doch um den Kühnschen Familienfrieden sind an diesem Vormittag offenbar nur wenige besorgt.

Astrid Bleißner hat ein anderes Problem. Der FDP-Kandidatin macht die Hitze zu schaffen. In der Tat brennt die Frühsommersonne unerbittlich auf die Fußgänger-Wahlkampfzone, Schatten ist nicht in Sicht. Das potenzielle Wahlvolk hat sie aber ganz anders erlebt als ihr Parteifreund. "Ich bin überrascht, wie aufgeschlossen die Menschen sind, man kommt gut mit ihnen ins Gespräch", sagt sie. Das hat auch Helga Zimmermann (Die Linke) so erlebt. "Es reden sehr viele, für einige ist auch Thema, dass die Bürgerbefragung zum Sperlingsberg den Briefwählern zunächst vorenthalten war", gibt sie Gespräche außerhalb des Linke-Terrains wieder, das erst ein Stück weiter nördlich seinen Platz gefunden hat.

Nächste Station sind die Piraten mit einem gut aufgelegten Olaf Lincke. Allerdings hat auch er Begegnungen mit Nichtwählern gemacht, "ungefähr ein Drittel will nicht zur Wahl gehen". Inhaltliche Gespräche drehen sich vor allem um den Internetanschluss. Da will sich seine Partei dafür einsetzen, dass auch die Ortsteile unkompliziert mitmachen können. Herbert Wollmann (SPD) ist ein wenig die Vorhut seiner Partei gleich ein paar Schritte weiter. "Es werden nur sehr wenige inhaltliche Gespräche geführt", hat er festgestellt, und etwa die Hälfte der Passanten hat sein Flyer-Angebot mit einem Kopfschütteln quittiert. Da glaubt er auch nicht, dass die neuen Ideen zum Wahlmodus, etwa Wahlen an mehreren Tagen stattfinden zu lassen, etwas daran ändern können. "Die Menschen müssen es wollen", ist seine Überzeugung.

Hanfi heißt die Symbolpflanze auf dem Werbetisch von Bündnis 90/Die Grünen. Als Souvenir gibt es Tütchen mit Samen. "Das sind aber nur Sonnenblumen", versichert Björn Eckhard Dahlke. Zu den originellen Souvenirs gehören am Stand der Bündnisgrünen auch Putztücher für Smartphones und ein Daumenkino, dessen Seiten sich als Filter für mehr oder weniger legale Zigaretten verwenden lassen. Um Inhalte ging es an dem Stand, aber auch um Verdrossenheit. Das Wort von der Politikermafia ist nicht nur an diesem Stand gefallen. Und verdrossen ist Dahlke darüber, dass sich CDU und vor allem die Alternative für Deutschland an diesem Tag nicht dem Wähler stellen. "Aber die AfD wird sich im Stadtrat meinen Fragen stellen müssen, falls ich gewählt werde", kündigt er an.

Linke und SPD stehen sich am Ende der Fußgängerzone gegenüber. Beide sind mit dem größten Kontingent an Wahlkämpfern aufgelaufen, für die Sozialdemokraten ist auch Oberbürgermeister-Kandidat Reiner Instenberg dabei. "Ich habe sehr interessierte Menschen getroffen, die den Wechsel wollen", sagt er und räumt gleichzeitig ein: "Die anderen kommen wohl auch nicht an den Stand". Regelrechte Aufbruchstimmung herrscht bei der Linken. "Es läuft sehr gut", sagt Manfred Meckel, und Gesine Seidel ist mit vielen ins Gespräch gekommen, die über ihre Probleme gesprochen haben.

Zu Begegnungen kommt es parteiübergreifend auch unter den Wahlkämpfern. Peter Zimmermann (Die Linke) schaut bei der FDP vorbei und sagt seiner ehemaligen Lehrerkollegin Bleißner, dass sie gut aussieht. Helga Zimmermann und Rita Antusch (SPD) erinnern sich an den Mitte der 1990er gegründeten Ratsfrauenverein. "Frauen sehen auf manche Probleme anders als Männer", sind sie sich einig. Irgendwann stellte der Verein seine Arbeit ein. "Aber er ist immer noch eingetragen", hält Antusch ein Wiederaufleben für möglich.

Zu den Begegnungen gehört auch, dass Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) mit seiner Ehefrau über die Breite Straße schlendert, hie und da am Stand ein Gespräch führt, manchmal nur kurz winkt.

So ganz egal ist der Wahlkampf den beiden Musikern, die an diesem Vormittag für den Hintergrund sorgen. "Wir würden gerne in einem Orchester oder einer Musikband mitspielen", steht auf einem Schild vor Alexander und Nico. Mit Saxophon und Gitarre erfreuen die beiden Letten parteiübergreifend. "Sonst sind wir an der Ostsee", sagt Alexander.

Kurz vor zwölf bauen die Parteien ihre Stände in der Mittagshitze ab. Das abkühlende Gewitter vom Nachmittag ist noch weit weg. Der Wahltag nicht.

 

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