Stendal. l "Ja, sie hat mir erzählt, dass ihr Ziehvater zwei Jahre lang was mit ihr gemacht hat", sagte gestern vor Gericht der Freund eines heute 15-jährigen Mädchens aus. Wie berichtet, muss sich ein 44-jähriger Mann aus einem Ortsteil von Tangermünde, seinerzeit Lebenspartner der Mutter, seit der Vorwoche wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs vor der Jugendschutzkammer am Landgericht Stendal verantworten. Von Herbst 2009 bis Juni dieses Jahres soll es zu 16 sexuellen Übergriffen auf das Mädchen gekommen sein.

Was denn der Angeklagte genau mit dem Mädchen gemacht haben solle, wollte der Vorsitzende Richter Ulrich Galler von ihrem Freund wissen. Nur sehr zögerlich antwortete der 18-Jährige: "Oralsex, eincremen und massieren und so was." Mit einem Dildo (Sexspielzeug) sei sie von ihrem Stiefvater entjungfert worden. Und auch "richtigen Sex" hätte es gegeben, habe sie ihm erzählt.

Das hatte das Mädchen auch als Zeugin vor Gericht ausgesagt und damit nach Einschätzung von Staatsanwältin Rosemarie Fährmann die Anklage in vollem Umfang bestätigt. Zu ihrer Mutter, die sich wohl kaum um erzieherische Dinge kümmerte, hatte das Mädchen offensichtlich keinen guten Draht. Bis 2008 im thüringischen Saalfeld wohnend, verließ die Mutter den leiblichen Vater ihrer Tochter und suchte in der Altmark beim Angeklagten ihr neues Glück. Dieser, selbst geschiedener Vater mehrerer Kinder, unternahm nach Auskunft des Opfers und auch mehrerer Zeugen sehr viel mit dem Mädchen. Der 44-Jährige übernahm quasi die Vaterrolle und wurde ihre Bezugsperson, während die Mutter wohl sehr viel Zeit vor dem heimischen Computer verbrachte, was sie als Zeugin auch einräumte.

"Er kümmerte sich mehr um die Tochter als die eigene Mutter", bescheinigte ein Dorfbewohner. Die Mutter habe sich hingegen immer mehr "abgekapselt". Das Mädchen bezeichnete er als gutgläubig und leicht beeinflussbar. Er sei lange Zeit sehr arglos gewesen, so der 38-jährige Zeuge. Doch seit er von den Vorwürfen gegen seinen einstigen guten Bekannten wisse, sehe er einige Dinge in anderem Lichte.

Ein junger Mann, bei dem das fast fünf Monate von zu Hause ausgerissene Mädchen einige Zeit in Magdeburg untergekommen war, sagte als Zeuge aus, dass er zufällig eine SMS des Angeklagten auf dem Handy des Mädchens gelesen habe. Im Text sei von einer "Schaumparty" die Rede gewesen. Und ob sie diese nicht vermissen würde.

Fünf Zeugen sollten gestern aussagen. Davon blieb einer unentschuldigt dem Prozess fern. Zur Fortsetzung am 21. Dezember soll er von der Polizei vorgeführt werden und zudem 150 Euro Ordnungsgeld zahlen. Vier weitere Zeugen sollen noch gehört werden, die allesamt zum Umfeld von Opfer und Angeklagtem gehören. Außerdem soll Psychologin Dorothea Pierwoß ihr Gutachten zur Glaubwürdigkeit des Mädchens erstatten. Doch zuvor soll an diesem Freitag die aus Zeitgründen abgebrochene Befragung des Opfers fortgesetzt werden.