In der Volksstimme-Serie "Hinter alten Inschriften" schauen wir hinter die Fassaden historischer Gewerbe in Stendal. Wir spüren die Menschen hinter diesen Schriftzügen auf und lassen sie ihre Geschichte erzählen. Heute Teil 5: Karosserie- und Wagenbau Wittstock.

Stendal l 1891: Hans Albers wird geboren, Deutsch-Ostafrika wird deutsche Kolonie, der Bau der Transibirischen Eisenbahn beginnt, zwischen Paris und London findet das erste Telefongespräch statt. Und in Stendal gründet Hermann Wittstock sein Unternehmen für Wagenbau.

120 Jahre sind seitdem vergangen. Hans Albers ist tot, deutsche Kolonien zum Glück Vergangenheit, die Transsib fährt und fährt und fährt, telefonieren gehört zum Alltag. Und das Unternehmen Wittstock gibt es immer noch in Stendal. Wenn Holger Wittstock, Urenkel des Firmengründers Hermann, auf die Familiengeschichte zurückblickt, erfüllt ihn das mit einem gewissen Stolz: "Wir haben alles überstanden: Wirtschaftskrise, zwei Weltkriege, Nazi-Diktatur, DDR, die Wende. Uns ging es wirtschaftlich nie schlecht, wir haben alles irgendwie gemeistert."

Drei Jahre nach Geschäftseröffnung in der Hallstraße - damals gegenüber des heutigen Volksstimme-Gebäudes - zog Hermann Wittstock, ausgebildeter Wagenbauer, ein paar Meter weiter zum noch immer aktuellen Standort. Zu seinen Dienstleistungen gehörten der Bau von Pferdefuhrwerken und Handkarren. Es wurden nur Einzelaufträge angenommen, die Holzräder beschlug ein befreundeter Schmied.

In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts übernahm dann Hermanns gleichnamiger Sohn den Betrieb und führte ihn bis 1954. Auch danach blieb alles in der Familie, Sohn Horst wurde Inhaber. Mit seinem Einstieg kam - neben dem Schild an der Fassade - das Geschäftsfeld des Karosseriebaus hinzu. Es wurde fortan mehr Stahl, Blech und Eisen eingesetzt; die Holzarbeiten verschwanden jedoch bis zur Wende nicht völlig.

1979 schließlich starb Horst Wittstock, seine Frau musste den Laden in den kommenden zwei Jahren führen. Dafür ist ihr Sohn Holger bis heute unendlich dankbar - genauso wie Fritz Rohrlack. Denn nachdem Holger Wittstock 1981 nach abgeschlossener Ausbildung zum Karosseriebaumeister in Magdeburg in den Betrieb einstieg, musste er 1983 zur NVA. Es drohte die Schließung des - auch darauf ist die Familie bis heute stolz - zu keiner Zeit verstaatlichten Unternehmens. Doch da sprang eben jener Fritz Rohrlack als Meister ein. "Er hat uns in dieser Zeit mit seinem nicht selbstverständlichen Engagement gerettet. Wir sind bis heute mit ihm freundschaftlich verbunden", so Holger Wittstock.

Runderneuerung nach der Wende 1989

Einschneidendes Erlebnis war dann natürlich die Wende. Der Betrieb - nun offiziell als Kfz-Werkstatt firmierend - erlebte eine komplette Umstellung. Eine Anfrage beim ADAC brachte die Möglichkeit, in dessen Auftrag den Pannendienst im gesamten Landkreis Stendal zu übernehmen. So fahren mittlerweile sieben Pannen- und Schleppfahrzeuge zu gestrandeten Autofahrern. 14 Mitarbeiter beschäftigt Wittstock, die "alles machen müssen. Wenn einer gerade an einem Auto herumschraubt, und es kommt ein Pannennotruf herein, geht dieser selbstverständlich vor."

Holger Wittstock ist sicher, dass einer seiner beiden Söhne in seine Fußstapfen tritt: "Die Absichtserklärung ist bereits unterschrieben."

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