Gestern noch im Wald und morgen schon im Weihnachtsbaumständer - frischer geht\'s nicht. Alljährlich lassen sich die Stendaler von Revierförster Ingo Matthias zum Weihnachtsbaumschlagen einladen. Am Sonnabend waren es rund 200.

Stendal l Der Stendaler Stadtforst ist ein ruhiges Revier. Ein paar Jogger, die ihr Fitnessprogramm mit dem Tanken frischer Waldluft verbinden, das war\'s dann auch schon - in der Regel. Der vergangene Sonnabend bildete die Ausnahme. Morgendliche Läufer-Idylle? Fehlanzeige. Autos im Gegenverkehr, Ziel "Lichtleitung". Unter der Überland-Trasse wachsen Kiefern und Blaufichten, die Revierförster Ingo Matthias am Tag vor dem vierten Advent zu potenziellen Weihnachtsbäumen erklärt und zum Selberschlagen freigegeben hat.

"Weihnachten ohne Baum, das geht gar nicht"

Förster Matthias ist lange genug im Geschäft - im 21. Jahr lädt er kurz vor dem vierten Advent in einen der Weihnachtsbaumbestände des Reviers -, um auch an diesem Sonnabend eine halbe Stunde vor dem offiziellen 9 Uhr-Startschuss vor Ort zu sein.

Für seinen Christbaum - selbst gesucht, gefunden, abgesägt und garantiert erntefrisch - steht der traditionsbewusste Stendaler gern früh auf. So haben der Förster und seine Gehilfin an diesem Tag, Ines Duhm aus der Stendaler Stadtverwaltung, kurz nach Neun bereits etwa 15 "Na dann, frohe Weihnachten und danke noch mal" gehört und ebensoviele Scheine in der Geldbörse. Je Blaufichte wechseln zehn, je Kiefer fünf Euro den Besitzer.

Ingeborg und Günther Marquardt bezahlen diesen Preis gern, denn:"Weihnachten ohne Baum, das geht ja gar nicht", sagt die 76-Jährige, und: "Ich hab vor vier oder fünf Jahren mal einen vom Händler gekauft, der hat nach zwei Tagen schon genadelt. Das passiert mir nicht noch mal." So darf man sicher sein, dass die rüstige Stendalerin im kommenden Jahr ihren Baum ebenfalls erntefrisch vom Förster holen wird, dann auch wieder unterstützt von ihrem Enkel Stephan. Der chauffierte seine Großeltern in den Stadtforst und sägte sich eine zweite Fichte aus dem Unterholz.

"Spitze drauf, dann hat er genau die richtige Höhe"

Es wird Stephans erster eigener Weihnachtsbaum sein, der dann an Heiligabend in seiner ersten eigenen Wohnung steht.

Bereits einen Tag früher wird der Baum von Familie Ausdorf geschmückt. Clara, neun Jahre, und ihre vierjährige Schwester Greta werden ihn herausputzen. Vati Thomas darf helfen. Mutti Juliane wird lediglich die Weihnachts-CD einlegen, die jene kugelglänzende Putzstunde in jedem Jahr musikalisch untermalt, und anschließend staunen, wie toll der Weihnachtsbaum wieder geworden ist. Dieses Mal ist es eine Fichte, geschätzte 2,20 Meter hoch und - wie sollte es anders sein - von den beiden Mädchen ausgesucht. "Spitze drauf, dann hat er genau die richtige Höhe fürs Wohnzimmer", schätzt Juliane, während Thomas Ausdorf das Prachtstück auf den Hänger lädt. In ähnlichen Transportmitteln, im Kofferraum verstaut oder auf das Autodach geschnürt, rollen an diesem Sonnabendvormittag etwa 120 Fichten und Kiefern, je nach Geschmack und geplantem Standort zwischen einem halben und zweieinhalb Meter groß, aus dem Stendaler Stadtforst. Dann kehrt wieder Ruhe ein im Revier von Förster Ingo Matthias - bis zum nächsten Samstag vor dem vierten Advent.