Da macht ihr kein anderes Gasthaus in Stendal Konkurrenz: Die Speisewirtschaft Klöppel in der Hallstraße ist in dritter Generation in der Hand ein und derselben Familie. In diesem Jahr blicken die Klöppels auf 75 Jahre eigene Gastronomie zurück.

Stendal l Das muss das Erfolgsgeheimnis der Gaststätte Klöppel sein: "Das Essen schmeckt bei uns heute wahrscheinlich noch genauso wie bei Opa Paul vor 75 Jahren", sagt Iris Jeberien. Denn sie und ihr Bruder Uwe Klöppel, beide heute Inhaber und Küchenchefs der gestandenen Speisewirtschaft in der Hallstraße, haben das Kochen von ihrem Vater Frank Klöppel gelernt, und dieser wiederum von seinem Vater.

Der hieß Paul, wurde 1913 geboren, hatte in der Gastronomie gelernt und immer mit Leidenschaft gekocht. 1936 eröffnete Paul Klöppel mit seiner Ehefrau Friedel, Jahrgang 1910, in der Uchtstraße in Stendal die Gaststätte "Zum Damhirsch" - und legte damit den Grundstein für das bis heute erfolgreich tätige Familienunternehmen. "Ob Nazi- oder Sozizeit, die Wende oder jetzt die freie Marktwirtschaft", überblickt Iris Jeberien die 75-jährige Familiengeschichte, "wir haben bisher alles gut überstanden."

Das konnten ihre Großeltern Paul und Friedel Klöppel kaum vorhersehen, aber zumindest hoffen, als sie sich 1938 in das uralte Fachwerkhaus von Arthur Dörlitz in der Hallstraße 19 einmieteten und hier ihr Gasthaus "Stadt Eger" eröffneten. Die erste Speisekarte von damals existiert noch: Ragout fin für 90 Pfennig, Rinderbraten mit Kartoffeln für 1,25 Mark, Bauernfrühstück für 1 Mark. Das teuerste Gericht war eine Reminiszenz an den Namen der Gaststätte: Für ein Egerländer Schnitzel musste der Gast 2,50 Mark auf den Tisch legen. Iris Jeberien vermutet, dass dies eine Art Hamburger Schnitzel, also mit Ei oben drauf, war. Welche Beziehung ihr Großvater, der aus Thale stammte, zum Egerland gehabt haben mag, weiß sie allerdings nicht.

Apropos Schnitzel: Ob Wiener, Hamburger, Holsteiner oder eben Egerländer - die verschiedenen Varianten dieser panierten und kross gebratenen, zart-dünnen Scheibe Fleisch gehören neben der Kohlroulade damals wie heute zu den Rennern der Klöppelschen Küche.

Paul Klöppel starb 1963 mit nur 50 Jahren. Bis 1977 führte seine Witwe Friedel die Gaststätte weiter. Irgendwann hatte sie dem Druck des sozialistischen Staates nachgeben und einen Kommissionshandelsvertrag mit der damaligen HO (Handelsorganisation) eingehen müssen. So übernahmen ihr jüngster Sohn Frank und Ehefrau Karin Klöppel die florierende Gaststätte im Jahr 1977. Doch Frank Klöppel gab sich mit dem Status quo nicht zufrieden. Tochter Iris Jeberien: "Er hat hart gekämpft und es schließlich durchgeboxt." 1986, noch mitten in der DDR, wurde Klöppel wieder privat. Im Jahr 2000 verabschiedeten sich die Eltern von Iris und ihren zwei Brüdern Uwe und Lutz in den Ruhestand, den sie noch heute genießen.

Damit begann das bisher jüngste Kapitel der Familiengeschichte. Uwe und Iris übernahmen die Traditionsgaststätte und führen sie bis heute im Sinne ihrer Eltern und Großeltern weiter. Kfz-Meister Lutz Klöppel betreibt seit zwei Jahren eine Autowerkstatt auf dem Hof. Nach wie vor gehören Arbeiter und Büroangestellte, Berufstätige jeder Art, viele aus den umliegenden Geschäften, zu den Stammgästen. In gewissem Maße, je nachdem, wie es die kleine Küche in der Hallstraße verkraftet, wird auch außer Haus geliefert. Einrichtung und Mobiliar, für manchen DDR-Nostalgie pur und damit Geschmackssache, soll auch in Zukunft nach Möglichkeit so belassen werden.

Wahrscheinlich gehört auch dies - neben der guten Hausmannskost à la Opa Paul - zum Erfolgsrezept von Klöppel. So ist das Haus auch über die schwierige Durststrecke in der Wendezeit gekommen, als keiner sein neues Westgeld in die Gaststätte tragen wollte und Iris Jeberien, seit 30 Jahren im Familiengeschäft, an den Wochenenden in den Waldfrieden jobben gehen musste. Der Waldfrieden, zumindest in seiner damaligen Form, hat nicht überlebt; Klöppel schon.

Und die Zukunft sieht nicht schlecht aus. Nicht gleich heute und morgen, aber irgendwann schon wird Iris\' Tochter Katrin das Traditionshaus übernehmen. Heute als Krankenschwester tätig, hat sie dies Mutter und Onkel fest versprochen.

 

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