Seit 1930 gibt es in Stendal das Goldene Buch der Stadt. Der Oberbürgermeister entscheidet, wer sich darin verewigen darf. Klaus Schmotz erfüllte der Volksstimme den Wunsch, einmal in dem dicken Wälzer zu blättern.

Stendal l Es ist Bilderbuch, Geschichtsband, Anekdotensammlung und historisches Dokument in einem: das Goldene Buch der Stadt Stendal. Der schwere Wälzer mit seinen goldgeränderten Seiten wird - wie auch sein Pendant, das Ehrenbuch der Stadt - nur selten aus dem Schrank und den Schutzschubern genommen. Manchmal dreimal im Jahr, manche Jahre gar nicht. Oberbürgermeister Klaus Schmotz ist der Hüter dieses Schatzes. Und er entscheidet, wer sich darin verewigen darf.

Ehrenbuch, Goldenes Buch - was ist der Unterschied? "Eigentlich gibt es keinen und auch keine Regeln", sagt Klaus Schmotz, in dessen Büro beide Bücher aufbewahrt werden. Aber wenn man doch einen machen will, dann den: "Wer sich um die Stadt verdient gemacht hat, kommt ins Ehrenbuch. Hervorragende Gäste der Stadt tragen sich ins Goldene Buch ein." Aber so ganz klar getrennt wird das nicht immer.

Wer im Goldenen Buch der Stadt Stendal blättert, begibt sich auf eine interessante Zeitreise und erfährt durch die Gestaltung ebenso viel Interessantes über den jeweiligen Zeitgeschmack. Jeder Eintrag ist ein Spiegel der jeweiligen Epoche. So beginnt das Goldene Buch mit dem Eintrag eines Hauptmann a.D. Hermann Roehl am 22. Oktober 1930 und endet nach aktuellem Stand mit der Unterschrift des dänischen Botschafters Per Poulsen-Hansen am 3. Dezember 2011.

Zwischen beiden Einträgen ein Defilee an weiteren Botschaftern, ausländischen Gästen, Sportdelegationen, Politikern - darunter Minister, Kanzler und Bundespräsidenten - Schriftstellern und Wissenschaftlern. "Die Eintragung ist immer ein offizieller Akt und passiert nicht einfach im stillen Kämmerlein", klärt Schmotz auf. Manchmal verlässt das Goldene Buch sogar das Rathaus; dann nämlich, wenn der Anlass der Eintragung anderswo stattfindet, auf einer großen Sportlerehrung zum Beispiel oder anderen Veranstaltungen. Und stets ist es ein besonderer Moment. Klaus Schmotz: "Das merkt man dann sehr, dass die Leute ergriffen sind. Diese Bücher werden uns schließlich auch überleben." Abgelehnt hat bislang jedenfalls noch keiner.

Waren die Seiten einst durch die Theatermaler aufwändig gestaltet, kommen sie seit Längerem eher nüchtern daher. Keine colorierten Zeichnungen, keine Verzierungen - der Text steht für sich, höchstens dekoriert durch einen Hauch von Schmuckelement wie ein Wappen oder eine Flagge. Manch Unterzeichner setzt spontan ein paar persönliche Worte zum fertigen Text dazu.

Dafür, dass diese Worte stets hübsch kalligraphiert sind, sorgt seit einigen Jahren Thilo Stolzenhain. "Er bekommt das Buch dann zu sich ins Stadtarchiv und schreibt die Texte in dunkelgrauer Tinte", erklärt Schmotz.

So akkurat und sauber das Buch auch gestaltet ist - einen Fleck hat es doch. Am 19. Juni 1987 verewigte sich Otto Häuser - literarischer Vater des Ottokar Domma - im Goldenen Buch, und seinen Eintrag ziert ein prächtiger, blau leuchtender Klecks. Absicht! Ob er ihn selbst auf die Seite gemalt hat oder den Seitengestaltern diese Illustration einfiel, ist jedoch nicht überliefert.

   

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