Am Sonntag wird Professor Ulrich Nellessen 60 Jahre alt. Im Gespräch mit der Volksstimme ließ der Ärztliche Direktor des Johanniter-Krankenhauses die sechs Jahrzehnte Revue passieren. Und zog ein positives Resümee.

Stendal l Förster oder Arzt, das waren die Berufswünsche von Ulrich Nellessen, der am 6. Mai 1952 in Hamm geboren wurde. Seine ersten zehn Lebensjahre verbrachte er auf einem Bauernhof im westfälischen Oberense. Er liebte es, mit seinem Onkel auf die Jagd zu gehen, entdeckte schnell seine Begeisterung für die Natur. Und die blieb auch, als er 1962 mit seinen Eltern nach Hamburg zog.

"Wir wohnten in Langenhorn, Moorreye, fast neben Helmut Schmidt", erinnert sich Nellessen noch ganz genau. Der spätere Bundeskanzler war gut mit seinem Vater, einem erfolgreichen Journalisten, befreundet. Noch enger war die Verbindung zu den späteren Regierungssprechern Klaus Bölling und Kurt Becker. "Die gingen bei uns ein und aus, aber als Junge konnte ich noch gar nicht verstehen, was das bedeutete", sagt Nellessen.

"Auf allen Etagen waren Nobelpreisträger"

Kurz vor dem Abitur absolvierte er ein Praktikum an der Forstwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Ahrensberg. Mit nicht gerade überschäumender Euphorie. "Das war einfach dröge dort", erklärt er. Seine Eltern schubsten ihn ein wenig in Richtung Medizin. Und die studierte er dann auch, in Kiel. Am Anfang noch nicht mit sehr großer Begeisterung. Je weiter das Studium aber ging, desto mehr Lust bekam er auf die Medizin.

Er schrieb seine Doktorabeit über ein neues Herzmedikament, und stand mit 26 Jahren wieder einmal an einem Scheideweg. Nellessen verabschiedete sich für knapp zwei Jahre von der Medizin und schnupperte in die Biochemie. Zweieinhalb Jahre war er danach am Hamburger Marienkrankenhaus tätig. "Dann wurde in mir wieder die Karrierelust wach, und ich ging an die Uni Hannover", schildert er seinen weiteren Weg.

Der führte ihn nach verschiedenen Forschungsarbeiten an die Stanford Universität in Kalifornien. Sein Chef ließ ihm nach der Einladung aus den USA keine Wahl. "Widerworte hätten nicht genutzt, ich musste gehen", sagt Nellessen. So ging es mit seiner Ehefrau und den damals drei Kindern mit sechs Koffern im März 1987 an die Westküste Amerikas.

Dort war Professor Norman Shumway, ein Pionier der Herztransplantation tätig. Und er war nicht die einzige Koryphäe, mit der der Arzt aus Deutschland zu tun hatte. "Ich war mit 35 Jahren an einer der berühmtesten Universitäten, die eine eigene Landebahn für die Patienten aus dem Nahen Osten hat und wo auf allen Etagen Nobelpreisträger unterwegs sind", beschreibt er. Überwältigt von der Szenerie, bekam er leise Selbstzweifel. Doch nachdem er im Spätherbst seine erste Arbeit veröffentlicht hatte, die ein weltweites Echo auslöste, waren diese verflogen. Er unternahm Vortragsreisen durch die USA, genoss die Inspiration der Nobelpreisträger und war kurz davor einen Zehn-Jahres-Vertrag zu bekommen.

Doch nach zweieinhalb Jahren entschied sich Familie Nellessen zur Rückkehr nach Deutschland. Angebote hatte er von zahlreichen Universitäten. Er nahm eine Stelle als Oberarzt an der Uni Kiel an. "Dort hatten sich meine Frau und ich während ihres Lehramtsstudiums kennen gelernt, dorthin gab es eine Beziehung", erläutert er die Wahl. Nach seiner Habilitatation wechselte er als Professor an die Uni Würzburg und hätte dort bis zum Ruhestand bleiben können. Doch es kam anders.

"Ich bin jetzt in der Altmark zu Hause"

Das erste Angebot aus Stendal lehnte er ab. Er war Anfang der 90er auf dem Weg in die Stadt auf einem Feldweg bei Gardelegen steckengeblieben, ein schlechtes Zeichen. Ein dreiviertel Jahr später bekam er wieder einen Anruf Diesmal übernachtete er in Arneburg. "Ich sah auf die Elbe und war von der Natur begeistert", war sein zweiter Eindruck von der Altmark der bessere. Ein wenig Angst bekam die Familie zwar vor dem bedeutenden Schritt, doch seit 1995 lebt sie in der Region.

17 Jahre, nirgends hat Nellessen länger gearbeitet. "Ich bin jetzt hier zu Hause", sagt er. Und hat gar keine großen Wünsche zu seinem Ehrentag, sondern nur eine Menge Dankbarkeit. Dankbar ist er seinen Eltern, seiner Frau Sigrid, mit der er seit mehr als 30 Jahren verheiratet ist, seinen drei Töchtern und seinem Sohn. Er dankt auch seinen Chefs, Kollegen und Nachbarn. Und lässt sich doch noch zwei Wünsche einfallen. "Mit den Ärzten muss es besser werden", hofft er auf engagiertere Mediziner als viele der jetzigen Generation. "Und mit dem Fußball", liegt dem Präsidenten von Lok-Stendal die 0:7-Pokalschlappe noch schwer im Magen.