Über Bildungsperspektiven im ländlichen Raum haben Mittwochabend Bürger, Bürgermeister und Landtagsabgeordnete in Domersleben diskutiert. Im Mittelpunkt standen dabei die drohenden Schulschließungen. In einem waren sich alle einig: Weder an der Bildung noch an Lehrerstellen sollte gespart werden.

Domersleben l Das Problem des Ausdünnens von Schulstandorten durch die Vorgabe der Landesregierung wird in vielen Gemeinden derzeit stark kritisiert und heiß diskutiert. Diese sieht vor, die "Zwerg-Schulen" mit weniger als 60 Schülern ab 2014 zu schließen.

Auch die Stadt Wanzleben - Börde ist davon betroffen. Die Stadträte stehen vor schwierigen Entscheidungen. So ist erst jüngst der Hauptausschuss dem Antrag der Bürgermeisterin Petra Hort (Die Linke), an allen fünf Grundschulen festhalten zu wollen, einstimmig gefolgt.

"Die Grundschule gehört zur Seele eines Ortes"

Dieser Beschluss wird auch bei der Stadtratssitzung nächsten Donnerstag in Seehausen auf der Tagesordnung stehen. "Schließlich ist die Verordnung bis heute vom Land nicht veröffentlicht worden", argumentiert Petra Hort. "Mit dem Beschluss zum Erhalt unserer fünf Grundschulen wagen wir einen mutigen Vorstoß und üben zivilen Ungehorsam", hatte sie auf der Ausschusssitzung erklärt.

Um das Thema ging es auch Mittwochabend bei einem Gesprächsabend, zu dem der Kreisverband Börde von Bündnis 90/Die Grünen unter der Überschrift Bildungsperspektiven im ländlichen Raum eingeladen hatte.

Claudia Dalbert, Fraktionsvorsitzende vom Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, sagte, dass sie sich sicher sei, dass die von Verwaltungschefin Petra Hort kritisierte Verordnung der Landesregierung zur Schulnetzplanung in Kürze veröffentlicht werde. "Die Vorgaben liegen inhaltlich vor. Ich denke nicht, dass sich daran noch etwas ändern wird."

Die Schließung von kleinen Schulen sei eine reine Finanzdebatte. Die Qualität spiele dabei keine Rolle. "Ich bin auch der Meinung, dass eine Grundschule zur Seele eines Ortes gehört. Schließt man die Grundschule, schließt man auch den Ort", sagte die Landtagsabgeordnete. Das Aus für eine Schule hätte einen tiefgreifenden Eingriff in die vorhandenen soziokulturellen Strukturen zur Folge.

Claudia Dalbert: "Die zentrale Frage ist doch die, wie viel man mit der Schließung von Schulen sparen kann? Und wie viele Lehrer können durch diese Verordnung eingespart werden?"

Sie habe vom Ministerium erfahren, dass man mit der Verordnung 200 Lehrerstellen einspare. "Aber das kann niemals stimmen. Schließt man beispielsweise die Schule in Seehausen spart das Land 1,5 Lehrerstellen. In Hohendodeleben gerade mal nur 1,1 Lehrer."

In der Diskussion machte Bürgermeisterin Petra Hort ihrem Unmut über die Schulschließungsdebatte Luft und holte weit aus. "Das ganze Elend begann mit der Gebietsreform. Wir mussten uns die Frage stellen, wie wir das Haushaltsloch schließen können? Deshalb gab es den Vorschlag, ab 2016 zwei Schulstandorte aufzugeben. Wir als Stadt denken da an die Unterhaltung der großen Gebäude, das Land an die der Lehrer. Pro Schulgebäude könnten wir im Jahr rund 200000 Euro sparen. Das ist ein großer Brocken."

Kommunale Selbstverwaltung sei offensichtlich nur dann gewünscht, wenn es schwierig wird. "Ansonsten wird uns immer von allen Seiten nur dazwischen gequatscht. Und da passt dann nichts zueinander. Wir sind jetzt mal mutig und bleiben bei unserem Gedanken, an allen fünf Grundschulstandorten festhalten zu wollen. Wir kommen, was die Schülerzahlen betrifft, über das Jahr 2014. Erst ab 2018 beginnt unser Problem in Seehausen und Hohendodeleben." Claudia Dalbert erklärte dazu, dass sie davon ausgehe, dass das Ende "des Wanzleber Widerstandes" so aussehen wird, dass die betroffenen Schulen dann die nötigen Lehrerstunden nicht mehr zugewiesen bekommen.

"Doch das Schulgesetz schließt Schulverbände nicht aus. Die Frage ist dann die, ob sie mit den Ressourcenzuweisung bis 2016 zurechtkommen würden?"

Hohendodelebens Ortschef Werner Jander (CDU) brachte die Debatte auf die Finanzen zurück. "Wir sollten langfristig schauen, welche Standorte wir ausbauen und entwickeln wollen, um langfristig Steuergelder zu sparen. Den Beschluss, an allen Standorten in der Einheitsgemeinde festhalten zu wollen, finde ich nicht zielführend. Das bringt uns in der Schulproblematik keinen Schritt voran. Ich glaube nicht daran, dass wir alle erhalten können."

Zu Janders Steuergeldanmerkungen ergriff Nancy Szameitpreuß vom Domersleber Schulförderverein das Wort: "In Bildung sollte immer investiert werden. Wird die Schule im Ort geschlossen, zieht doch keiner mehr her. Auf der anderen Seite gibt das Land haufenweise Geld für eine Rückholaktion aus. Doch keiner kommt wieder. Wir nennen uns das Land der Frühaufsteher. Das sind wir, weil wir früh aufstehen müssen, um auswärts pünktlich auf Arbeit zu sein. Dementsprechend müssen wir auch unsere Kinder unterbringen. In Kinder zu investieren, kann keine Verschwendung von Steuergeldern sein!"

"Diese Verordnung reißt uns auseinander"

Ines Becker, Verbandsgemeindebürgermeisterin Westliche Börde, ist der Meinung, dass die ganze Entscheidungsdebatte viel zu früh geführt wird. "Schließlich haben wir alle erst eine Reform hinter uns. Wir haben in den letzten drei Jahre versucht zusammenzuwachsen. Jetzt reißt uns diese Verordnung auseinander. Warum haben wir nicht die Kraft dazu, durchzusetzen, dass die Verordnung zurückgenommen werden muss? Das wäre meine Bitte an die Landesabgeordneten."

SPD-Stadträtin und Landtagsabgeordnete Silke Schindler stimmt zu, dass die Verordnung viel zu früh kommt. "In der ,Fehlende-Schüler\'-Diskussion gucken wir in die Glaskugel. Natürlich ist es unumstritten, dass wir sinkende Geburtenzahlen haben. Dennoch kommt der Schritt der laut der Verordnung festgelegten Zahlenstufen viel zu früh." Sie sprach sich dafür aus, mit allen Schulvertretern über die Frage der Perspektive der Standorte weiter intensiv diskutieren zu wollen.

Hartmut Thiele, stellvertretender Ortschef in Domersleben (SPD), formulierte seinen Standpunkt kurz und knapp: "Wir müssen an den Standorten festhalten! Die Europäische Union gibt so viel Geld für die Entwicklung des ländlichen Raumes aus und wir machen die Schulen dicht? Das passt doch nicht zusammen."

Der Klein Wanzleber Olaf Wachsmuth, der die Runde moderiert hatte, zog ein eher nüchternes Resümee: "Hier ist ganz offensichtlich der politischer Gestaltungswille gefragt."

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