Liebe Leser, wer soll es werden – "Unser Held von nebenan 2010"? Zehn Kandidaten stehen zur Wahl. Wir werden Ihnen Sonnabend für Sonnabend die Nominierten ausführlich vorstellen. Stimmen Sie mit ab, wer Ihr "Held von nebenan" ist (siehe untenstehender Coupon). Heute: Jürgen Förster.

Salzwedel. Zum Gespräch mit der Volksstimme hat sich Jürgen Förster nicht in Schale geworfen. "Anzug und Schlips würden auch gar nicht zu mir passen." In Arbeitssachen öffnet der 72-Jährige seinem Gast die Tür zum Haus Radestraße 1. Hier wirbelt er derzeit fast jeden Tag mehrere Stunden. Wa-rum? Das wird bei einem Rundgang durch das Jugendstil- Gebäude deutlich. Überall hat der Zahn der Zeit genagt. Der Verein Kulturnische, dessen Vorsitzender Jürgen Förster ist, hat das Haus jüngst gekauft und will es in den nächsten Jahren behutsam restaurieren. Rund 60 Denkmäler im Zentrum Salzwedels seien vom Abriss bedroht, schätzt er ein und findet das "richtig schlimm". Auch deshalb hat sich der Denkmalschützer von Honoratioren der Stadt überzeugen lassen, "dass meine Arbeit hier noch nicht beendet ist". Denn zwischenzeitlich wollte der Rentner die Brocken hinschmeißen, nachdem er als 2. Vorsitzender den Arbeitskreis Salzwedeler Altstadt verlassen hatte.

1938 in Leipzig geboren, wuchs Jürgen Förster mit drei Geschwistern am Rande des Erzgebirges auf. Seine Mutter war Philologin, der Vater Theologe. In Thüringen legte er seine mittlere Reife ab, ehe er in den Westen ging und an der Abendschule sein Abitur nachholte. Er lernte Tischler und Vermessungstechniker, studierte in Kiel Hoch- und Tiefbau, war viele Jahre als Bauleiter tätig. Nicht nur von Berufs wegen kam Jürgen Förster mit dem Denkmalschutz in Berührung. An der Ostsee kaufte er sich ein 100 Jahre altes Gründerzeithaus und restaurierte es von Grund auf. Arbeitsbedingt zog er nach Lüneburg um. Er wurde Mitglied im Arbeitskreis Lüneburger Altstadt (ALA), wohnte dem 1. Vorsitzenden Curt Pomp – "meinem Ziehvater" – gegenüber. Seine Leidenschaft war endgültig geweckt und sie blieb.

Auch als er vor 14 Jahren nach Salzwedel umzog, um seinen zwei Kindern näher zu sein. "Ich habe auf der Karte einen Zirkel gezogen. Danach kamen nur Salzwedel und Dömitz als Wohnsitz für mich in Frage. Als ich Salzwedel zum ersten Mal geseheh habe, wusste ich, hier will ich leben". Ein Entschluss, den er bis heute nicht bereut habe. "Hier will ich auch meinen Lebensabend beschließen", steht für ihn fest.

Geboren ist Jürgen Förster im Sternzeichen Waage. Doch von der ihr nachgesagten Diplomatie hält er nicht viel. "Ich komme lieber gleich zur Sache. Jetzt bin ich auch in einem Alter, in dem ich nicht mehr zu viel Zeit verlieren kann", sagt er schmunzelnd. Er vergleiche sich gern mit einem Lachs, der mit großer Zielstrebigkeit alle Hindernisse auf seiner Wanderschaft überwinde und ab und zu auch seine Ruhepausen einlege.

"Man möchte so viel und erreicht so wenig. Oft fühlt man sich machtlos und steht allein da", bedauert der 72-Jährige, dass der Denkmalschutz "heutzutage leider nicht viel zählt." So sei es unverständlich, dass die Arbeitsagentur keine jungen Helfer für gemeinnützige Restaurierungsprojekte wie jetzt am Hauses Radestraße 1 zur Verfügung stellt. Dabei würden die vielen kleinen Handwerkerhäuschen genauso zum "Gesamtkunstwerk Stadt" gehören wie ein großer Dom. Und darum gelte es, dieses Kulturgut für folgende Generationen zu erhalten. Denn: "Geschichte lässt sich nur am Original ablesen." Für Salzwedel sieht er zwei Vorbilder, sowohl in Sachen Architektur wie in punkto Sauberkeit: Lüneburg und Freiburg im Breisgau.

Das wird Jürgen Förster selbst wohl nicht mehr erleben. Das Haus Radestraße 1 sei für ihn eine "gewaltige Herausforderung und mein letztes Projekt für die nächsten neun bis zwölf Jahre."