Oschersleben l Wenn auf dem Zeugenstand ein Richter sitzt, dann verspricht das eine spannende Verhandlung. Doch an diesem Mittwochabend ging es im Amtsgericht in Oschersleben nicht darum, ein Urteil zu fällen. Robert Glinski stellte hier sein Buch "Angeklagt" vor. "Ich war fünf Monate lang in Elternzeit und wollte etwas Produktives machen", so das Mitglied der Strafkammer für Schwurgerichtssachen in Magdeburg. Dabei heraus kam sein erstes literarisches Werk, das im Ullstein Verlag erschienen ist. "Ich habe einfach angefangen zu schreiben, und irgendwann interessierte sich ein Verlag dafür", beschrieb er den glücklichen Umstand.

Das Buch beinhaltet zehn Kurzgeschichten, in denen er Verhandlungen beschreibt. Der große Saal im Oschersleber Amtsgericht ist gut gefüllt, als Glinski ansetzt, die erste Begebenheit zu lesen. "Arsans Gemüseladen", so der Titel der Geschichte, handelt von einem 34-jährigen Iraner, der seine hochschwangere Frau im heimischen Schlafzimmer mit zwölf Messerstichen getötet hat.

Eine Entscheidung über schuldig und nicht schuldig

Glinski versteht es, begreifbar zu machen, warum der Täter nicht schuldfähig sein kann. Er zeichnet ein sensibles Bild des Gemüsehändlers, das er sich selbst aus psychologischen Gutachten, Zeugenbefragungen, Interviews mit Nahestehenden und Nachforschungen in der Vergangenheit des Täters zusammensetzen musste.

Schließlich muss Robert Glinski im Schwurgericht darüber entscheiden, ob jemand schuldig - das heißt bei schwerer Straftat lebenslänglich - oder unschuldig - was den Freispruch und keinerlei Strafe bedeutet - ist. Eine gewaltige Verantwortung lastet auf seinen Schultern. Er beschreibt, wie die Richter selbst Gutachter nach ihrer Glaubhaftigkeit beurteilen müssen.

Gebannt folgen die Zuhörer der komplexen Geschichte, die keine Details vermissen lässt und zeigt, dass Mord nicht gleich Mord ist. Sie verstehen das innere Erleben des Täters vor und während des Tatgeschehens. In einem Ton, der für jeden verständlich ist, schildert Glinski die verschiedenen Menschen, die ihm während eines Verfahrens begegnen, überraschende Wendungen und Probleme bei der Aufklärung.

Am Ende wird jedem klar, dass ein Mord auch eine Konsequenz sein kann, wenn bestimmte Faktoren in einer ungünstigen Konstellation eintreten. In zehn Jahren als Strafrichter hat Robert Glinski eine Menge erlebt. Dennoch merkte man dem smarten Rechtswissenschaftler die Aufregung an. Das erste Buch, die erste Lesung und das erste Mal, dass im Oschersleber Amtsgericht eine Lesung stattfand. So viele Premieren muss selbst ein Richter erst einmal verkraften.

Amtsgerichts-Chef ist bekennender Fan des Buches

Eingeladen wurde Robert Glinski von Dietmar Beddies, dem Direktor des Amtsgerichtes in Oschersleben. Er war durch eine Rezension in der Volksstimme auf den Schmöker aufmerksam geworden, hat ihn selbst gelesen und befunden, dass dieses Buch nicht der Öffentlichkeit vorenthalten werden sollte. Dieser Meinung waren dann auch die Zuhörer im Amtsgericht.