Lieselotte Drohberg ist sprachlos. Vom Urnengrab ihres im April verstorbenen Mannes haben Friedhofsmitarbeiter in Oschersleben ein überzähliges Gesteck entfernt. Der Grund: Die Friedhofssatzung schreibe dies so vor.

Oschersleben l Seit einiger Zeit gibt es für Urnen neben klassischen Gräbern und der anonymen "Grünen Wiese" den "Stern" auf dem Oschersleber Friedhof. Das Besondere: Nicht die Angehörigen, sondern das städtische Friedhofspersonal kümmert sich um die Pflege der Grabstelle.

Deshalb hat sich auch Lieselotte Drohberg für den "Stern" entschieden, als ihr Mann Ende April gestorben war. Ihre drei Kinder leben schon lange nicht mehr in Oschersleben. Da sie selbst eine Gehbehinderung plagt, fehlt ihr die Energie, sich regelmäßig um die aufwändige Pflege eines individuellen Urnengrabes zu kümmern.

Doch bereits am Tag der Beisetzung muss Lieselotte Drohberg feststellen, dass die mit 80 mal 80 Zentimetern relativ kleinbemessene letzte Ruhestätte ihres Mannes auch Nachteile hat. "Wir hatten eine Vase mit Rosen auf dem Grab gehabt", erinnert sie sich. "Meine Schwägerin, die aus Rostock stammt, stellte ebenfalls einen Rosenstrauß bei ihrem Bruder hin."

Was die Schwägerin nicht ahnt: Die am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getretene Oschersleber Friedhofssatzung schreibt vor, dass entweder ein Grabstrauß oder ein Gesteck hingestellt werden darf. Die Mitarbeiter auf dem Friedhof sind deshalb angewiesen, alles einzusammeln, was dieses Maß übersteigt. "Nach zwei Stunden waren meine Kinder nochmals am Grab ihres Vaters und stellten fest, dass bereits eine Vase samt Blumen entsorgt worden war", erzählt sie entrüstet. "Pietätloser geht es nicht."

Die einkassierten Gestecke und Sträuße sammelt das Friedhofspersonal am Wirtschaftshäuschen, wo sie abgeholt werden können. Damit ihre Blumengrüße nicht noch einmal dort landen, spricht sich Lieselotte Drohberg fortan mit ihren Kindern ab. "Bis zum 3. Dezember klappte das wunderbar. Aber an dem Tag haben wir es nicht fertig gebracht, ein kleines Mooskreuz meiner Tochter zu entfernen. Wir legten ein neues Gesteck dazu und hofften auf Verständnis."

Wenig später ist das neue Gesteck weg. "Auf meine Aufforderung, es wieder aufs Grab zu legen, wurde mir geantwortet, dass man nicht mehr wisse, welches unseres sei und ich auf den Friedhof kommen solle, um selbst nachzuschauen." Dort angekommen, verschlägt es ihr die Sprache. "Hinter dem Wirtschaftsgebäude lagen mehr als 30 Gestecke ineinander, übereinander und im Dreck", sagt sie. Mittlerweile wurde hier für Ordnung gesorgt, nachdem sich Lieselotte Drohberg bei Bürgermeister Dieter Klenke beschwerte.

"Ich erwarte hier mehr Sensibilität, Verständnis und Behutsamkeit im Umgang mit Toten und Hinterbliebenen", fordert die Rentnerin, die auch im Stadtrat sitzt und selbst für die neue Friedhofssatzung gestimmt hatte.

Die Abteilungsleiterin Friedhof, Astrid Ertmer, besteht derweil auf ihre Vorschriften. "Wenn wir feststellen, dass zu viel auf dem Grab steht, wird das entfernt, damit die Pflanzen Luft bekommen", erklärt sie auf Volksstimme-Nachfrage. "Irgendwo ist da eine Grenze. Wenn man sich für diese Art der Grabstelle entscheidet, erklärt man sich auch schriftlich bereit, die Friedhofssatzung zu akzeptieren." Zu viele Gestecke erschweren die Pflege, erläutert sie. "Wir nehmen das Laub herunter, beschneiden die Pflanzen. Wenn wir da nachgeben, stellt der nächste einen doppelt so großen Stein auf", ist ihre Befürchtung.

"Eine Satzung ist auch Auslegungssache", kontert hier Lieselotte Drohberg. "Wie soll ich meinen Kindern denn an Feiertagen erklären: ¿Du darfst ein Gesteck aufstellen, Du aber nicht\'?!"

Übrigens droht bald noch mehr Ärger auf dem Friedhof. Denn bald sollen die Metalleinfassungen an den Gräbern entfernt werden.

 

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