Ausleben l Pfingsten in Ottleben ist neuerdings eng mit Theaterspiel verbunden. Und Pfingsten, Ottleben und Theaterspiel sind wiederum eng mit Doris Damke verknüpft, denn die Ausleberin schreibt die Theaterstücke, die an der Trautenburg aufgeführt werden. Von einer Laienspielgruppe. Mit großem Erfolg. Und nicht nur der Applaus und die Treue des Publikums sind ihnen gewiss. "Wir haben schon den Börde-Oscar bekommen", lacht Doris Damke und stellt den Ehrenamtspreis des Landkreises auf den Tisch.

Doris Damke hat schon immer geschrieben, auch schon als Kind. Im Erwachsenenleben hatte diese Leidenschaft wenig Platz. Der Ehemann, zwei Kinder, ein Hof mit Viehzeug und der Beruf als Gebrauchswerberin forderten alles. Mit 60 Jahren ging sie in Rente. Und stieß auf den Schreibwettbewerb einer Frauenzeitschrift. "Meine beste Freundin" hieß das Thema und da hatte Doris Damke eine ganz persönliche Geschichte im Kopf. "Meine Eltern hatten hier im Ort eine Fleischerei", erzählt sie, "nach 1945 wurden bei uns Flüchtlinge aus Pommern einquartiert." Barbara, das kleine Mädchen der Flüchtlingsfamilie, war im Alter von Doris Damke. "Wir wuchsen ein paar Jahre zusammen auf, wurden zusammen eingeschult", erzählt die Ausleberin. Dann zog die Flüchtlingsfamilie weiter. "Nach der Wende bekam ich Post aus London", erzählt Doris Damke. Die Absenderin war Barbara. Sie trafen sich wieder, nach 43 Jahren. "Es war, als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben."

"Ich dachte, guck an, ab 60 geht`s los"

Diese wahre Geschichte schrieb Doris Damke auf und gewann den Schreibwettbewerb. Die Freundinnen bekamen dafür eine gemeinsame Reise geschenkt. "Dann bin ich mutiger geworden.", Doris Damke nahm an Geschichtenwettbewerben der Volksstimme teil und reichte eine plattdeutsche Geschichte beim Wettbewerb der Deuregio Ostfalen ein. "Ich habe auch diesen Wettbewerb zwei Mal gewonnen", freut sie sich noch immer, "ich dachte, guck an, ab 60 geht`s los."

In der Tat ging es Schlag auf Schlag weiter. Die Seniorengruppe, mit der sie regelmäßig bastelte, fragte, ob sie nicht was zum Karneval beitragen könne. "Ich dachte sofort an eine Büttenrede", sagt Doris Damke, "in Platt." Die kam gut an und Doris Damke schrieb und schrieb und schrieb. Immer mit der Hand. "Mit so einem Speuke-Ding kann ich nichts anfangen." Ein Speuke-Ding ist ein Spuk-Ding. Ein Laptop.

Sie schrieb also per Hand und ohne Speuke-Ding Stücke für das Kasperletheater und Geschichten für die Kinder des Kindergartens. Wunderschön illustriert übrigens. "Bu - Der Möll\'ngeist aus Ottleben" ist sogar ein Buch geworden. Selbst gemacht und als Souvenir verkauft. Die Aquarelle darin stammen ebenfalls aus der Feder von Doris Damke.

Doris Damke wagte Größeres. "Ich wollte gerne, dass mehr Kultur ins Dorf kommt", sagt sie, "die einzige Kultur, die wir hatten, ging von Heinz Morgenthal aus." Eine Laienspielgruppe schwebte ihr vor. Und ein Stück, das die Geschichte des Ortes widerspiegelt. Das Stück war nicht das Problem, das schrieb Doris Damke selbst. Schwieriger war es, die Laienspielgruppe zusammenzustellen. "Meine Tochter und mein Schwiegersohn haben dabei sehr geholfen", sagt sie.

Catrin und Frank Peters begeisterten nicht nur Menschen fürs Laienspiel, sondern kümmerten sich auch mit um die Ausstattung, die Kulissen und die Umsetzung des Stückes.

"Pingesten un den freie Nacht" hieß das Debüt. "Es gab tatsächlich den Brauch, dass in der Pfingstnacht erlaubt, was im restlichen Jahr verboten war", sagt Doris Damke, "der Brauch ist völlig vergessen."

Doris Damke hat herausgefunden, dass der Schlossherr Heinrich von der Trautenburg einst ein recht sündhaftes Leben führte. "Das haben wir in dem Stück natürlich ausgeschlachtet." Sechs Wochen dauerten die Proben, eine verdammt kurze Zeit. "Aber vorher hatten wir die Darsteller nicht beisammen."

"Mit einem Speuke-Ding kann ich nichts anfangen."

"Das Publikum war begeistert, aber", erzählt Doris Damke, "die Leute fragten: wollt ihr nicht mal einen sterben lassen?" Also ließ Doris Damke im nächsten Jahr einen sterben. Auf einer wahren Grundlage. "Die Moritat vom steinernen Kreuz" heißt das Stück.

Das Steinkreuz ist ein Sühnekreuz und steht noch heute am Straßenrand. "Mit den Theaterstücken erzählen wir die Geschichte der Region", nennt die Autorin eines ihrer Schreibmotive. "Das Kreuz nimmt heute kaum jemand wahr, weil alle mit dem Auto daran vorbeifahren", sagt sie, "früher sind wir zu Fuß oder mit dem Pferdewagen daran vorbei gekommen und uns wurde immer diese Geschichte erzählt."

Eigentlich wollte Doris Damke nie in Ausleben bleiben. Die weite Welt lockte. Doch die Liebe war stärker. "Mein Mann war mit Leib und Seele Landwirt", sagt sie. "Plötzlich hatten wir viele Tiere, darunter 23 Schweine." Sie wusste nicht, was man mit Schweinen so anfängt, "aber man kann alles lernen." Sie ist also geblieben, immer, und jetzt, als 69-jährige, sagte sie im Rückblick: "Ich habe das Gefühl, ich habe nichts versäumt." Jeden Abend vor dem Schlafengehen schaut sie dankbar auf die Ottleber Mühle.