Wernigerode l Für Christian Juranek sind Museen wie Zeitmaschinen. Das von ihm geleitete auf Schloss Wernigerode hat sich gerade in das Jahr 1885 zurückbewegt. Genauer gesagt der Festsaal mit seiner sieben Meter langen und 2,5 Meter breiten Tafel.

Der Geschäftsführer steht an diesem Vormittag im April sichtlich stolz auf dem Parkett. Er präsentiert das I-Tüpfelchen der inklusive aller Vorarbeiten gut 14 Jahre währenden Restaurierung. Seit Kurzem zieren Vorhänge die lange Zeit unverhüllten drei großen Fenster. Für Juranek bedeutet das ein wichtiges Detail. "Die Reaktionen der Besucher bestätigen uns das", sagt der Schlossherr. Es ist ein Stilmittel, um die Wohnkultur des 19. Jahrhunderts erleb- und fassbar werden zu lassen.

Zu verdanken sind die 5,20 Meter langen und 1,40 Meter breiten Bahnen aus Samt Bernd Fraaß. Juranek: "Er hat sie nicht nur angebracht, sondern sogar selbst genäht." Fraaß ist seit 25 Jahren als Techniker auf dem Agnesberg beschäftigt. Für sein Werk hat der Derenburger auf Gemälden verewigte Vorhänge studiert und davon Pappschablonen gefertigt, um dem rotbraunen Stoff den richtigen Faltenwurf zu verleihen. Die goldenen Borten sind identisch mit der Farbe der Rankenbegleitmalerei.

Die lange verdeckt war. Um 1959/1960 wurde der Ornamentschmuck weiß überstrichen. Zu Anfang der 1990er Jahre begann die Erkundung der Wände. Ein erstes Musterfenster wurde in das Mauerwerk geschnitten, um Aufschlüsse über den tatsächlichen Umfang der Bauschäden zu erhalten. Dazu bedurfte es noch einer ganzen Reihe von Bohrkernen. Schnell musste damals die Hoffnung begraben werden, die originale Ausmalerei komplett retten zu können. So war zum Beispiel die Wand an der Fensterseite "total versalzen" und von den englischen Teerosen als Muster fehlte deshalb jegliche Spur. Der Geschäftsführer: "Als der Putz ab war, fanden wir Backstein drunter. Was so auch keiner wusste." Zwei Jahre lang war die Fläche eine offene Wunde, ehe sie mit einem nach historischer Rezeptur in Hundisburg hergestellten Kalk geschlossen werden konnte.

"Plötzlich hatten wir einen Wasserschaden."

Christian Juranek, Geschäftsführer

Es blieb nicht die einzige unliebsame Überraschung, die den Fortgang der Arbeiten behinderte. "Plötzlich hatten wir einen Wasserschaden", sagt Juranek. Das Nass sammelte sich unter dem Schiefer und sprengte die Lötnähte des darunter liegenden Kupferdaches. Es floss über die Längswand und zog auch die beiden großen Gemälde in Mitleidenschaft.

Andere Probleme stehen für die Ewigkeit. Die Seite des Raumes, an der das großflächige, zwischen 1883 und 1885 von Conrad Beckmann geschaffene Wandgemälde "Erbhuldigung der Stadt Wernigerode an Botho den II. 1417", hängt, birgt ein solches. Das Mauerwerk ist an dieser Stelle nur 40 Zentimeter dick und der Temperaturunterschied dadurch erheblich, erläutert Christian Juranek. Bereits zu DDR-Zeiten musste das Bild deshalb mehrfach ausgebessert, zuletzt 2006 erneut von Rissen befreit werden.

Ein Quadratmeter restaurierter Fläche entspricht etwa 100 bis 120 Arbeitsstunden, berichtet der Geschäftsführer. Insgesamt hat die Wiederherstellung des Festsaales weit über 200 000 Euro gekostet. Die Eigenleistungen der hauseigenen Techniker nicht eingerechnet.

Dass das Werk nach so vielen Jahren vollendet werden kann, das hat die Schloß Wernigerode GmbH neben ihrem eigenen Kapital zahlreichen Gönnern zu verdanken. Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die damalige Kreissparkasse Wernigerode haben mit als erste Geld zur Verfügung gestellt, ebenso wie später die heutige Harzsparkasse. Die Stiftung für das Wahrzeichen der bunten Stadt am Harz und dessen etwa 60 Mitglieder zählende Gesellschaft der Freunde gehören zu den Sponsoren. Aber auch die Stiftung der Stadtwerke Wernigerode und einzelne Persönlichkeiten wie Wernigerodes Ex-Sparkassenchef Klaus Kirchner haben sich engagiert. Dieser hatte zu seinem 60. Geburtstag statt Geschenke Geld für die Rekonstruktion des Festsaales erbeten, erinnert sich Christian Juranek.

"Wir sind leider kein Unesco-Weltkulturerbe und müssen uns deshalb aus anderen Töpfen Geld besorgen", sagt Peter Gaffert, Wernigerodes Oberbürgermeister (parteilos). Er betont die Bedeutung des Denkmals als eines der wichtigsten touristischen Ziele des Landes. Außerdem ist das Museum mit rund 180 000 Gästen jährlich mit Abstand das besucherstärkste in Sachsen-Anhalt.

Von 1862 bis 1885 hatte der von Carl Frühling (1839-1912) geleitete große Schlossumbau gedauert. Die Einrichtung des repräsentativen Festsaals durch den gebürtigen Blankenburger bildete damals den Schlusspunkt. Die Erhaltung ist eine dauerhafte Aufgabe. Alle acht bis neun Jahre müssen die Restauratoren der Potsdamer Firma Gramann und Schwieger für Reparaturen zurückkehren, sagt Christian Juranek. Er selbst will demnächst mit einer Ausstellung an die 14-jährigen Mühen erinnern: "Es kann sich keiner vorstellen, wie viel Kraft und Energie hier aufgewendet worden sind".

 

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