Wernigerode. Tausende Einwohner im Harzkreis sind auf ihrem Müll sitzengeblieben. Mitarbeiter der Harzer Abfall- und Entsorgungsfirmen haben am Dienstag gestreikt. Sie fordern mehr Lohn. Am 8. Mai wird wieder verhandelt.

Der Streik bei der Müllabfuhr hat alle Betroffenen kalt erwischt. Auftraggeber, Firmenleitung sowie die Bürger sind am Dienstag vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Volle Mülltonnen, Gelbe Säcke, Papiercontainer und Sperrmüll blieben am Straßenrand stehen. Kein Fahrzeug verließ den Hof der Abfallwirtschaft Nordharz in Reddeber.

Vor dem Werkstor in dem Wernigeröder Ortsteil waren über 80 Beschäftigte der Abfallwirtschaft und der Nordharz Entsorgungs GmbH versammelt, um zu signalisieren, dass ihre Forderungen ernst gemeint sind.

"Es geht um den Abschluss eines Haustarifvertrages, der sich an Basisverträge orientiert", sagte Gewerkschaftssekretärin Dagmar Huhn und nannte 9,53 Euro als "Untergrenze" für den Stundenlohn. Seit dem 1. März liege dieser bei 8,68 Euro, davor seien es 8,02 Euro gewesen. Außerdem gebe es keine Erschwerniszulage und keine Sonderzahlung wie Weihnachtsgeld. Auch werde kein Unterschied bei der Beschäftigungsdauer gemacht. "Alle bekommen das Gleiche", so Dagmar Huhn. Gemeinsam mit ver.di-Verhandlungsführer Johannes Stiehler betreute sie die Streikenden, die im Gespräch mit der Volksstimme ihren Unmut äußerten.

"Viele denken doch, wir sind gutverdienende Sechstklässler und im öffentlichen Dienst tätig", sagte einer der Fahrer. "Schön wär\'s, dann würden wir ja zwischen 11 und 14 Euro pro Stunde verdienen", so sein Kollege. Im Durchschnitt gehen sie aber mit knapp über 1000 Euro im Monat nach Hause, "was vorn und hinten nicht reicht". Einige berichteten von ihrem Zweitjob, um sich die monatliche Kindergartenbetreuung, den Sprit für die Fahrt zur Arbeit oder einen Pkw überhaupt leisten zu können. "Wir wollen nicht dem Geld hinterherziehen, sondern hier bei unseren Familien leben und arbeiten."

Ein anderer Mitarbeiter betonte: "Es geht uns um unsere Würde. Wir arbeiten gern und wollen auch die Firma nicht kaputt machen."

Bis zum "Feierabend" gegen 16 Uhr dauerte der Warnstreik an, für die Gewerkschaft mit erfolgreichem Ausgang. Verhandlungsführer Johannes Stiehler begründete: "Die Arbeitgeberseite will mit uns am 8. Mai ein Sondierungsgespräch fortsetzen."

Von dem Streik betroffen waren laut Auskunft der Entsorgungswirtschaft des Harzkreises (enwi) bis zu 20 000 Haushalte in den Altkreisen Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode, also bis zu 40 000 Einwohner. Einer von ihnen war Hans-Joachim Zabel. Er räumte die Gelben Säcke wieder vom Straßenrand weg und zeigte für die Forderungen der Müllfahrer Verständnis. "Wenn\'s ums Geld geht, kann ich das schon verstehen. Die Arbeit ist ja nicht gerade die beste, und toll bezahlt wohl auch nicht", so der Derenburger. Umso mehr lobte er die Pünktlichkeit der Müllmänner. Gelbe Säcke sind meist gegen 7.15 Uhr abgeholt, der Hausmüll spätestens um 13 Uhr - außer an diesem Dienstag.

Für Willy Nitschke "ein äußerst ungünstiger Tag". Seit Monaten sei endlich mal wieder etwas los in Schierke, der Ort wegen der Walpurgisfeier voll mit Touristen und leider auch mit Abfallbehältern. Die Betreiberin des Campingplatzes habe zwar Verständnis für die Streikenden, "doch gern wäre ich unseren Müll losgeworden, zumal unser Campingplatz fast ausgebucht ist". Der Ausfall der Abfuhr hinterlasse bei den Gästen keinen guten Eindruck.

Für die Arbeitgeber sei der Streiktermin ebenfalls ein "sehr ungünstiger", so Dirk Hirschfeld. Erst am Dienstagmorgen habe der Geschäftsführer der Abfallwirtschaft Nordharz vom Streik erfahren. Da sich vor einem Feiertag wie dem 1. Mai der reguläre Abfuhrplan um einen Tag verschiebt und der Sonnabend integriert werden muss, fällt der 4. Mai als Ersatz aus. Gleiches in der kommenden Woche wegen Himmelfahrt. Für Dirk Hischfeld eine "verzwickte Situation". Hinzu kommt, dass nach dem langen Winter die Nachfrage zur Sperrmüllabfuhr "explodiert ist". 75 Abfuhrtermine seien mit Kunden für den 30. April vereinbart worden. "Sie müssen sich nun gedulden, sollten den Hausrat aber am Straßenrand liegen lassen", so der 50-Jährige. Die bisherigen Forderungen der Gewerkschaft bezeichnete Hirschfeld als "überzogen". Der Leistungsvertrag seines Unternehmens mit dem Auftraggeber enwi lasse "nicht ansatzweise Luft" für die geforderte Lohnerhöhung um einem "zweistelligen Prozentwert". Er hoffe, dass am 8. Mai ein Konsens gefunden wird.

Noch am Dienstag wurde über die Lösung der "komplizierten Folgewirkung des Streiks", wie Michael Dietze sagte, beraten. Der Geschäftsführer der enwi gehe davon aus, dass die 60- bis 240-Liter-Hausmülltonnen erst wieder am nächsten regulären Entsorgungstag, 14. Mai, geleert werden. "Betroffene sollten alternativ unsere Abfallsäcke nutzen", sagte Dietze. Die 1100-Liter-Container für Müll und Altpapier sollen in den nächsten sieben Tagen geleert, der Sperrmüll bis zum 6. Mai abgeholt werden. Blaue Tonnen würden in Ditfurt heute, in Danstedt am Freitag und in Wedderstedt am Sonnabend geleert. Die Entsorgung der Gelben Säcke sei Sache der Nordharz Entsorgung GmbH, Telefon: 08 00-1 22 32 55.

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