In der Serie "Neue Fassaden - alte Geschichten" stellt die Harzer Volksstimme historisch interessante Häuser in Wernigerode vor. Mit diesem Thema haben sich auch Heimatforscher wie Dr. Uwe Lagatz und Mitarbeiter der Oskar Kämmer Schule, unterstützt von der KoBa, befasst. Ihre Erforschung fließt in die Beschreibungen mit ein. Der Rundgang führt heute zur Burgstraße 35.

Wernigerode. Die Holländer haben Wernigerode nicht nur als Touristenstadt wieder entdeckt. Sie interessieren sich verstärkt auch für Immobilien. Jüngstes Beispiel ist das Haus Burgstraße 35, das die Brüder Rob van Beem und Hans van Beem erworben haben. Beide sind in Culemborg bei Utrecht zu Hause. Sie waren durch Zufall auf die Stadt aufmerksam geworden – bei einer Versteigerung in Berlin.

Die Brüder reisten in den Harz und kamen mit dem Immobilienmakler eines Ostharzer Geldhauses ins Gespräch, der den beiden das geschichtsträchtige Haus, das nach dem Stadtbrand von 1751 entstanden war, schmackhaft machte. Viel Überzeugungskunst benötigte der Vermittler nicht, denn das Baudenkmal in städtebaulich exponierter Straßen- und Ecklage gegenüber der Liebfrauenkirche, das schon als Brauerei, Wohn- und Wirtschaftsgehöft diente, hatte es den Kaufinteressierten schnell angetan.

Nachdem das Vorgänger-Gebäude, für das sich laut Stadtarchiv seit 1619 ehemalige Bewohner und Nutzer des Hauses nachweisen lassen, dem Feuer zum Opfer gefallen war, wurden zwei Grundstücke zusammengelegt und etwas ganz Neues geschaffen. Der Brauer Georg Martin Heinrich Felber errichtete einen Brauereihof mit dem straßenseitig betonten Hauptbau des Wohn- und Speichergebäudes und hofseitig langgestreckten Flügelbauten für Produktions- und Lagerzwecke sowie Stallungen. 1799 folgte ein David Mathaeus Manegold, danach 1805 Johann Martin Christian Bollmann. 1836 nahm dort Friedrich Bollmann Um- und Anbauten vor, um eine Brennerei einzurichten.

Haupthaus ist erhalten

Bei allen Veränderungen: Der das Straßenbild prägende Hauptbau ist nahezu erhalten als elfjochiger, sehr breit gelagerter und über massiven Werksteinsockel errichteter Fachwerkbau. Allerdings fehlt inzwischen die ursprünglich mittige Durchfahrt. Das dreigeschossige Gebäude mit weit überstehendem Krüppelwalmdach hat ein fensterloses zweites Obergeschoss und ein Dachgeschoss zur Malz- und Getreidespeicherung. Nach 1891 erfolgte unter dem Brennereibesitzer Gustav Spilke der Einbau einer repräsentativen Zimmerflucht (Enfilade) entlang der Straßenseite im ersten Obergeschoss unter Einbeziehung des zweiten Obergeschosses.

Dabei wurden die Zimmer durch Herausnahme des Deckentragwerkes zum darüberliegenden Speichergeschoss erhöht. Interessant auch die Fenstergestaltung als Bildfolge von 14 Szenen in historischer Schwarzlotmalerei nach antiken Motiven in Bleiglasrahmung mit Butzenscheiben.

Im Inneren des Gebäudes gibt es viel Holztäfelung, Schnitzwerk mit Jagdmotiven, Türen mit rundbogigen Subrapporten. Repräsentativ ist auch die Fassadenansicht mit den zwei renaissanceartigen Balkonerkern (Rundbogenbekrönung unter der Traufe) auf geschnitzten Kraghölzern (reiches Schnitzwerk mit Fächern). 1936 waren im Erdgeschoss nachträglich Veränderungen, wohl im Zusammenhang mit der zeitweiligen Kontor- und Magazinnutzung durch die überregionale Kunstanstalt Georgi, erfolgt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Gebäude als Wohn- und Verwaltungshaus. Dort hatte längere Zeit beispielsweise die Konsum-Genossenschaft Verwaltungsräume eingerichtet.

Nun möchten die neuen Besitzer das Haus gemeinsam mit einem künftigen noch nicht vorhandenen Nutzer behutsam sanieren. Es ist ihr Wunsch, dass dort jemand heimisch wird, der die lange Tradition dieses Gebäudekomplexes zu schätzen weiß und ein überzeugendes Konzept besitzt.

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