Ob mit vielen Unbekannten auf der Tanzfläche oder im Familienkreis: Heute Nacht feiern die Wernigeröder ins neue Jahr. Die Harzer Volksstimme hat einen Mann getroffen, der die Silvesternacht in seinem Zimmer im Obdachlosenheim verbringen wird.

Wernigerode l Während vielerorts ausgelassen gefeiert wird, geht es zu Silvester im Obdachlosenheim Wernigerode beschaulich zu. Fünf Männer leben derzeit in der Unterkunft, unter ihnen der Obdachlose Werner Brandt* (* Name wurde von der Redaktion geändert). Jeder werde für sich auf seinem Zimmer das neue Jahr beginnen. An eine Party sei nicht zu denken, sagt der hagere Mann auf seinem Bett sitzend.

Seit November lebt Werner Brandt im Obdachlosenheim Wernigerode. Bereits zum dritten Mal nennt er die Unterkunft für Menschen ohne festen Wohnsitz sein Zuhause. Auch den heutigen Tag wird er dort verbringen und mit ihm vier weitere Männer aus Wernigerode. Silvester ist für Werner Brandt ein Tag wie jeder andere. "Ich werde nicht feiern und es wird kein besonderes Essen geben. Vielleicht mache ich mir Brot mit Wurst oder eine Hühnerbrühe."

Werner Brandt wird am letzten Tag dieses Jahres nicht von großem Partytrubel umgeben sein. Jeder der Obdachlosen wird allein auf seinem Zimmer sitzen, wenn das neue Jahr überall anders mit Klamauk, großem Feuerwerk und prächtigen Feiern begonnen wird. Dennoch sagt er: "Ich bin nicht unzufrieden." Schon hat er einen nächsten Spaß auf den Lippen.

"Mir wurde gesagt, ich sei nicht vermittelbar."

Der gelernte Bäckershelfer hat bis kurz nach der Wende in einem Backwarenkombinat in Quedlinburg im Schichtdienst gearbeitet. "Das hat mir viel Spaß gemacht. Ich sehne mich danach zurück." Nach der Abwicklung des Betriebes Anfang der 1990er-Jahre wurde er arbeitslos. Der frühere Sonderschüler hatte keine Chance auf dem gesamtdeutschen Arbeitsmarkt. "Mir wurde gesagt, ich sei nicht vermittelbar", sagt der Mann kopfschüttelnd. Ein tragischer Verkehrsunfall seiner Eltern zog dem heute 49-Jährigen komplett den Boden unter den Füßen weg. Nach dem Tod der geliebten Eltern fehlte ihm jeglicher Halt. Dann folgte die Zwangsräumung seiner Wohnung. Letzter Ausweg war im November erneut das Wernigeröder Obdachlosenheim.

Über seine Zukunft hat der Arbeitslose aufgehört nachzudenken. "Das ist ungewiss", so der Obdachlose. Dennoch hat auch er Wünsche für das neue Jahr. 2012 will er endlich wieder eine Arbeitsstelle finden, und gesund möchte er bleiben.

Zudem wäre es ihm ein lang ersehnter Wunsch, endlich seinen Bruder wiederzufinden, zu dem er den Kontakt verloren hat.