Einmal im Jahr wird im Gymnasium turnusgemäß ein Feueralarm geprobt. Diesmal waren auch Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst einbezogen. Die gestrige Übung offenbarte zwei gravierende Schwachstellen.

Wolmirstedt l Es qualmt im zweiten Obergeschoss des Südflügels des Gymnasiums. Lehrer Holger Sell drückt den Alarmknopf. Die Sirene beginnt zu heulen, die Rauchschutztüren schließen sich selbst. Schulleiterin Brunhilde Herfurth drückt einen Knopf, der soll die Wach- und Schließgesellschaft erreichen, die dann ihrerseits die Feuerwehr alarmieren soll. Etwa 800 Schüler verlassen die Klassenräume, strömen geordnet ins Freie. Sie stellen sich mit ihren Lehrern vor der Schule und auf den Schulhöfen auf. Es gibt keine Panik, aber auch keine Feuerwehr. Ein Rettungswagen kommt, die Polizei auch, ansonsten ist alles ruhig. Schulleiterin Brunhilde Herfurth hingegen kein bisschen. "Gefühlt dauert das viel zu lange", wundert sich auch Elke Witzel, die Amtsleiterin für Gebäudewirtschaft im Landratsamt. Dem Landkreis gehört die Schule, er ist für die Brandmeldeanlagen verantwortlich. Elke Witzel will sehen, wie die Übung abläuft. Doch das Geschehen bleibt stecken. Die Schule ist leer, nur die Sirene heult monoton durch die Flure, immer und immer wieder.

Eine Viertelstunde, nachdem der Brand gemeldet worden war, reißt der Geduldsfaden. Bisher haben alle abgewartet, wollten sehen, wie die Rettungskette abläuft. Doch der Verdacht, dass sie klemmt, erhärtet sich. Jemand ruft den Notruf direkt an, wählt ganz klassisch die 112. Um 9.45 Uhr. Eine Viertelstunde nachdem der Alarm über die Brandmeldeanlage ausgelöst wurde.

Die Gymnasiasten stehen indes in der Kälte, das Thermometer zeigt zwei Grad über Null. Schüler, die im Sportunterricht von der Übung überrascht wurden, tragen kurze Hosen und verlassen das Schulgelände Richtung Gutenberg-Schule. "Das ist im Katastrophenfall unser Ausweichquartier", erklärt Brunhilde Herfurth. Immer mehr Klassen folgen den Sport-Kindern ins Warme, andere dürfen in die Sporthalle hinein. Dann endlich ertönen die Martinshörner der Feuerwehrautos. Da ist es bereits 9.55 Uhr, 25 Minuten, nachdem der Brand bemerkt worden war. Neun Fahrzeuge rücken an, kommen aus Wolmirstedt, Mose, Farsleben und Glindenberg. Dirk Bischoff ist der Einsatzleiter und teilt die 31 Kameraden in zwei Gruppen ein. Eine Gruppe kümmert sich um die Menschenrettung von außen, die zweite um den Innenangriff, das heißt, die Kameraden gehen mit Atemschutzmasken in das Gebäude hinein.

Die Fahrzeuge, die zum ersten Abschnitt gehören, fahren um die Schule herum, damit sie direkt an den "brennenden" Südflügel gelangen. Hier zeigte sich die zweite Schwachstelle des Einsatzes. Das Tor ist viel zu eng. Das Drehleiterfahrzeug kann nicht hindurch fahren, alle anderen Fahrzeuge auch nicht. Die Kameraden tragen die Schiebeleitern per Hand auf das Gelände, wuchten die ausgefahrene Leiter mit Seilen bis ins zweite Obergeschoss. "Eigentlich war geplant, dass dort 80 Schüler im ¿Qualm\' eingesperrt sind", sagt Dirk Bischoff. Die Schüler sind allerdings nicht, wie geplant, dort oben geblieben, sondern mit den anderen durch den Rauch ins Freie geströmt. Dirk Bischoff weiß nicht, ob er ärgerlich oder erleichtert sein soll. "80 Schüler mit der Leiter zu retten, dauert ohnehin viel zu lange", sagt er. "Man muss sich unbedingt um die Zufahrten kümmern."

Elke Witzel sieht inzwischen die Unterlagen durch, sucht, warum der erste Alarm nicht bei der Feuerwehr ankam. "Die Brandmeldeanlage ist gerade erst geprüft worden, am 29. November", stellt sie fest. Beanstandungen gab es nicht. Sie hat ja auch funktioniert, sonst hätten weder die Sirene noch die Brandschutztüren reagiert. Warum wurde dennoch nicht die Feuerwehr alarmiert? Bei der kam nämlich nur der direkte Notruf 112 an. "Wir vermuten, dass die Telefonanlage im Sekretariat nicht ausreichend funktioniert hat", mutmaßt Elke Witzel. So konnten womöglich weder die Wach- und Schließgesellschaft und also auch nicht die Feuerwehr auf diesem Weg informiert werden. Genauere Untersuchungen folgen.

Im Ernstfall wäre vieles anders gelaufen. Das machen sowohl Schulleiterin Brunhilde Herfurth als auch Elke Witzel klar. Wäre die Feuerwehr nicht gleich gekommen, hätte jemand mit seinem Handy angerufen, denn alle wissen, dass die Kameraden nur wenige Minuten brauchen, um einsatzfähig zu sein und vom Bauernweg in die Schwimmbadstraße zu kommen. Das hat bei ihnen vom Notruf 112 bis zum Eintreffen am Gymnasium tatsächlich nur zehn Minuten gedauert. "Im Ernstfall hätten sie auch den Zaun umgefahren", sagt Elke Witzel, "und die Fensterscheiben hätten sie kurzerhand eingeschlagen. Die Schüler wären gerettet worden." Dennoch, gerade diese Übung zeigte, wie wichtig solche Aktionen sind. "Schwachstellen können erkannt und beseitigt werden", fasst Elke Witzel zusammen, "damit alles reibungslos funktioniert, wenn es wirklich einmal brennt."

Gut anderthalb Stunden nach Alarmauslösung kehrten die Schüler in die Schule zurück.

Bilder