Mit dem Jahreswechsel vor 50 Jahren begann für Dr. Ernst Riemann ein neues Leben. Am 2. Januar 1961 trat er seine erste Stelle im Wolmirstedter Krankenhaus an, mit 23 Jahren. Seitdem hörte er nicht auf zu praktizieren und feiert somit am 2. Januar 2011 sein 50-jähriges Dienstjubiläum. Ein Jubiläum, das nur derjenige erreicht, der weit über das Rentenalter hinaus arbeitet. Dr. Riemann ist ein Hausarzt, wie man ihn fast nur noch aus dem Fernsehen kennt. "Die Arbeit macht immer noch Spaß", bekennt er, "in unserer Gemeinschaftspraxis herrscht ein sehr gutes Arbeitsklima."

Wolmirstedt. Dr. Riemann wohnt mit seiner Familie im ehemaligen Elbeuer Pfarrhaus, zu dem ein großer Garten gehört. "In meinem zweiten Beruf bin ich Gärtner und Hausmeister", sagt der Doktor. Der Großvater war Elbeuer Pfarrer, die enge Beziehung zur kleinen Kirche pflegen auch die nachfolgenden Generationen. Dr. Riemann wacht als guter Geist über das Gemäuer, spielte als Schüler die Orgel. Klassische Musik ist noch immer sein großes Glück, dafür reist er weit zu Konzerten. Besonders gern sitzt er mit seiner Frau im Wintergarten und schaut den Vögeln zu, die erst aufstieben, wenn der Sperber kommt. "Wir haben in diesem Winter schon säckeweise Körner verfüttert", sagt Dr. Ernst Riemann. So wie um die Vögel sorgt er sich auch um seine Patienten. "Viele habe ich schon als Kinder betreut, kenne von Familien ganze Generationen", sagt er. Die Jahre binden. So fest, dass er immer noch Hausbesuche macht, auch wenn die von den Kassen nur noch zum Teil bezahlt werden. "Sind Patienten 80 oder 90 Jahre alt und das ganze Leben gekommen, dann fühle ich mich ihnen gegenüber verpflichtet", sagt er und kann es sich leisten, die Menschlichkeit über die Bürokratie zu stellen, "denn ich arbeite nicht mehr für den Broterwerb."

Das war damals vor 50 Jahren anders, wie das Medizinwesen überhaupt ein ganz anderes war. "Als ich im Wolmirstedter Krankenhaus anfing", erinnert sich Dr. Riemann, "gab es große Säle mit 25 Betten. Darüber hingen Tafeln, auf denen die Diagnose stand." An Facharztpraxen war nicht zu denken, der Allgemeinmediziner kannte sich überall aus. "Ich mag das Aufspüren der Diagnose, da muss man so etwas wie ein Kriminalist sein", erklärt der Doktor. Erfahrung zählt und ständige Weiterbildung. Allgemein-Ärzte arbeiteten als Urologen, Chirurgen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, in der Kinderheilkunde und der Geburtshilfe. "Nur die schweren Fälle überwiesen wir zu Spezialisten", sagt Riemann. Als Allgemeinmediziner hielt er unter anderem Mütterberatungen in vielen Orten ab, wurde zu Hausentbindungen gerufen, behandelte Splitterverletzungen aus Kriegszeiten. "Die schwierigsten Patienten sind Säuglinge, die sagen nicht, wo es weh tut."

Seine Frau Erika widmete sich gerade diesen Patienten, ist Kinderärztin. Beide kennen sich schon aus der Schule. Beide wollten Ärzte werden, schon immer. Er studierte in Leipzig Medizin, sie in Halle, später beide in Magdeburg. Die Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner dauerte für Dr. Ernst Riemann neben dem Beruf noch einmal fünf Jahre. "Ich war einer der ersten, die diese spezielle Prüfung ablegten", erinnert er sich. Das Paar bekam zwei Mädchen. Oma Riemann lebte mit im Haus, hielt dem Ärzte-Paar den Rücken frei. "Meine Frau und ich haben uns zu Hause viel über den Beruf unterhalten", sagt Dr. Riemann, "und empfanden diesen Austausch immer als außergewöhnliches Glück." Das Verständnis für Nacht- und Wochenenddienste war da. Beider Leben war nah beieinander.

Als in Zielitz das Kaliwerk aufgebaut wurde, war Dr. Riemann neben seiner Arbeit in Wolmirstedt auch dort Betriebsarzt, stellte seine Arbeit mit einer Facharztausbildung für Arbeitsmedizin auf eine stabile Grundlage.

Mit dem Aufbau des Werkes wurde auch Wolmirstedt größer. Die Ärzte reichten nicht mehr. Das Ehepaar Riemann warb im Kollegenkreis für Wolmirstedt. "Viele kamen gern hierher, weil sie wussten, hier werden sie nicht politisch gegängelt." Die Poliklinik wuchs, Praxen verteilten sich in der ganzen Stadt. Dr. Riemann hatte den Hut auf. Als ihm auch noch die Leitung des Zielitzer Betriebsambulatoriums angetragen wurde, wägte er ab. Die Bindung an die Wolmirstedter Patienten war enger. Also wurde er 1972 Ärztlicher Direktor der neugegründeten Kreispoliklinik, die zur Wende aus 17 Fachabteilungen mit über 30 Ärzten bestand. Daneben widmete er sich weiter der Patientenversorgung in der Allgemein-Medizinischen Praxis.

Zwanzig Jahre lang widmete er sich auch dem Gebiet der Rehabilitation, half Behinderten und Menschen nach Unfällen und Krankheiten ins Leben zurück, baute die geschützten Werkstätten mit auf. "Da war richtig satt zu tun."

Nach der Wende wurde die Arbeit in der Gemeinschaftspraxis fortgeführt. Tochter Elke trat in die Fußstapfen des Vaters. Als sie in die Gemeinschaftspraxis ihres Vaters und Dr. Bettina Strümpf einstieg, sollte es eine Entlastung geben. Dieser Plan allerdings ging nicht auf. "Plötzlich hatten wir doppelt so viele Patienten." Also macht er weiter noch immer. "An drei Tagen der Woche bin ich in der Praxis voll da." Ans Aufhören denkt er noch nicht.