Wolmirstedt (cl). Ein kleiner Mann gegen 200 Tonnen Stahlbeton. Wenn Karl-Heinz Bühring die Spitze des riesigen Schornsteins sehen möchte, muss er mit der Hand die Augen gegen die Sonne abschirmen. Heute will er den langen Lulatsch platt machen, wenn alles gut geht…

Seit 30 Jahren ist der Mann aus der Börde im Geschäft. Sein Handwerk hat er in der DDR beim Autobahnbaukombinat gelernt. Doch Routine kennt er bis heute nicht. Jeder Auftrag ist eine neue Herausforderung. In Wolmirstedt sprengte er die Esse eines Kühlhauses, in der einst Lebensmittel der DDR-Staatsreserve lagerten. "Du musst Respekt haben vor den Riesendingern, sonst machst du Fehler." Und Bühring hat Respekt, jedes Mal steigt sein Blutdruck ins Unermessliche – bis kurz vor der Zündung. Herzklopfen und die Befürchtung, dass er bei seinen minutiösen Vorbereitungen etwas vergessen hat, dass ein Nachbargebäude getroffen wird oder dass die Zündung im letzten Moment verreckt.

Seine größten Momente hatte Karl-Heinz Bühring nach der Wende. In den Neunzigern pulverisierte der heute 59-Jährige fast jede Woche ein anderes Industriegebäude. Über 500 Schornsteine hat er fallen lassen. Auf dem riesigen Gelände des ehemaligen Chemiefaserwerks Wolpryla in Premnitz ragen heute keine Essen mehr in die Luft. In dem Vorzeigewerk, in dem Erich Honecker zur Eröffnung einst vor der Kamera posierte, hat Bühring mit aufgeräumt. Sein letzter Auftrag in Premnitz ist ein großer Treppenturm, den er mit chirurgischer Präzision vom Nachbargebäude absprengen muss.

Doch mit den riesigen Anlagen der DDR-Industrie sprengte der Fachmann auch nach und nach seine eigene Arbeit weg. Aber Bühring wäre nicht Bühring, wenn er aufgeben würde. Im Internet recherchiert er nun weltweit nach Aufträgen. In Finnland wartet eine alte Industrieanlage auf seinen Einsatz. Bühring ist sich sicher: Ein erfahrener Sprengmeister wie er wird immer gebraucht.

Der Mitteldeutsche Rundfunk widmet dem Experten heute Abend eine Reportage. Die Sendung "Sachsen-Anhalt-Spezial" läuft zwischen 21.15 und 21.45 Uhr im MDR-Fernsehen.