Die starken Regenfälle haben den Bewohnern der Ohrenahen Gebiete schon die Sorgenfalten ins Gesicht gezeichnet. Was die Anlieger am Montag nur befürchten konnten, ist seit Dienstag Realität: Straßen stehen unter Wasser, Keller und Garagen sind überflutet, in ihre Häuser kommen die Besitzer nur, wenn sie eine Anglerhose anziehen. Am Küchenhorn fühlt man sich in dieser Situation von der Stadtverwaltung allein gelassen. "Warum bekommen wir keinen Steg?", fragen sich die neun Eigenheimbesitzer.

Wolmirstedt. Anne Wald zieht sich die Müllbeutel über ihre Jeans und die Gummistiefel, packt die Post unter den Arm und die Einkaufstüten in die Hand. Mit den letzten freien Fingern hält sie die oberen Enden der blauen Säcke fest zusammen und läuft los. Vorbei am Hochwasser-Warnschild in Richtung ihres Wohnhauses.

Das steht in der Straße Am Küchenhorn – und seit Dienstag unter Wasser. Mehr als 50 Zentimeter braune Brühe stauen sich auf Straße und Fußweg. Keller und Garagen sind vollgelaufen. Von der Rückseite der Häuser kommt das Wasser der Ohre angelaufen, von der Straße her das übertretende Grundwasser.

"So schlimm war es hier, glaube ich, noch nie. Na ja, vielleicht 2002, aber seitdem war es noch nie so extrem mit dem Hochwasser", erklärt Daniela Elzeni, die vor dem Warnschild an der Einmündung der Straße und damit im Trockenen steht. Ihre Gummistiefel sind am Morgen schon vollgelaufen, als sie mit Kind und Fahrrad versuchte, das Haus zu verlassen. Ihre Autos haben die Anwohner alle noch in Sicherheit bringen können. Umso unverständlicher für sie, dass andere Bürger mit ihren Wagen durch die überflutete Straße fahren. "Nachbarn sind das nicht. Eher Hundebesitzer, die ins Küchenhorn wollen, obwohl dort auch alles unter Wasser steht", hat Jürgen Bednorz beobachtet.

"Bei der Stadt hieß es, das sei noch kein Katastrophenfall"

Jedes Mal, wenn ein Pkw durch die Straße fährt, spritzt es, schlägt das Wasser Wellen bis auf die Grundstücke. "Neben den ignoranten Autofahrern sind es auch die Schaulustigen, die nerven. Und der Spruch ¿Wer da wohnt, muss mit so etwas rechnen‘, den kann hier keiner mehr hören", ärgert sich Silke Bednorz. Natürlich wissen sie, was es bedeutet, ein Grundstück so nah an der Ohre zu besitzen. Dass am Montag von Seiten der Stadtverwaltung gegenüber der Presse aber geäußert wurde, dass die Lage noch nicht so schlimm sei, empfinden sie aber als Hohn.

"Die müssen doch fast noch eher wissen als wir, wie sich das hier entwickelt", ärgert sich Daniela Elzeni. Was die Anwohner nicht verstehen können, ist, wieso man ihnen keine Fußbrücke zur Verfügung stellt, wie zuletzt beim Hochwasser im Februar 2008. "Auf Nachfragen bei der Stadt hieß es nur, dass sei noch kein Katastrophenfall", erzählt Anne Wald und schüttelt verständnislos den Kopf. Für die Betroffenen ist die aktuelle Lage aber bereits schon viel mehr als das. Jeden Tag müssen sie überlegen, wie sie zur Arbeit oder die Kinder in die Schule kommen. "Ein Nachbar braucht den Pflegedienst. Wie der zu ihm kommen soll, darum macht sich scheinbar keiner einen Kopf", schildert Silke Bednorz nur eines der Probleme der Hausbesitzer Am Küchenhorn.

Marlies Cassuhn erklärt, dass man bei der Verwaltung durchaus Verständnis für die Sorgen und Nöte der Betroffenen hätte. "Aber um den Katastrophenfall auszurufen, sind wir als Stadtverwaltung die falsche Behörde, das kann nur der Landrat." Man hätte allerdings den betroffenen Anliegern angeboten, bei Problemen – wenn zum Beispiel die Wasser- oder Stromversorgung nicht mehr funktioniert oder Gesundheitsbeeinträchtigungen vorliegen — den Einzelfall zu prüfen und dann eine Evakuierung, also die Unterbringung in einer Pension, zu bezahlen.

Einen Steg soll es für die Straße Am Küchenhorn nicht geben. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das wenig praktikabel ist. Als wir ihn das letzte Mal aufgebaut hatten, war das Wasser danach nur noch am Fallen. Und diese Tendenz ist auch jetzt erkennbar", erklärt die stellvertretende Bürgermeisterin gegen-über der Volksstimme. Die Entscheidung gegen die Errichtung einer Fußbrücke sei so im Amt und auch mit dem Bürgermeister abgestimmt worden. Was man tun konnte und auch getan hat, war, die öffentlichen Wege zu sperren. Bürger sind gebeten, darauf Rücksicht zu nehmen und nicht durch Katastrophentourismus die Lage für die Anwohner noch zu verschlimmern.

Gestern lag der Ohrepegel bei 2,82 Meter (Stand 15.30 Uhr). Am Morgen waren es 2,85 Meter gewesen. Das bedeutet Hochwasserwarnstufe 4. "Diese Pegelstände und die dazugehörigen Warnstufen sind kein Gradmesser für den Katastrophenfall, sondern geben den Behörden Maßnahmen vor, die sie zum Hochwasserschutz ergreifen müssen. Dazu gehört unter anderem die Begehung der Deiche, was am Montag und gestern passiert ist", erklärt Marlies Cassuhn. Im Betriebshof würde man Sandsäcke für den Fall bereithalten, dass öffentliche Gebäude wie Kindergärten, Schulen und medizinische Einrichtungen vom Hochwasser bedroht seien. Teilweise würde man die auch betroffenen Bürgern zur Verfügung stellen.

Dieses Angebot haben in den vergangenen Jahren auch schon die Besitzer der Elbeuer Vordermühle genutzt. Wer aktuell den kleinen Weg in Richtung des Grundstückes der Familien Schmeier und Grau fährt, wird schon ein ganzes Stück vorher durch das Wasser aufgehalten. Ein Schild bittet darum, zu hupen, wenn man zu den Anwohnern will. Lebensmittel, Hundefutter, Sandsäcke – alles, was die Familien derzeit brauchen, wird mit dem Boot ins Haus gebracht.

"Die Häufigkeit des Hochwassers ist außergewöhnlich"

Das ist zum Glück noch trocken. Aber die Zufahrt zum Grundstück, alle angrenzenden Länderein, der Weg zum Backhaus und der untere Bereich der Mühle stehen komplett unter Wasser. Ebenso wie viele der Kleingärten in der Nachbarschaft. Alle Tiere der Familie, die sich sonst um diese Jahreszeit noch draußen tummeln, mussten in die Stallungen gebracht werden, die etwas höher liegen. Was im Inneren der Gebäude vom Hochwasser hätte bedroht sein können, wurde hochgeräumt. "Die ganze Familie packt mit an", erzählt Karl-Josef Grau.

Was den Elbeuer wundert, ist die Stärke des Regens zu dieser Jahreszeit. "Auch die Häufigkeit des Hochwassers in diesem Jahr ist schon außergewöhnlich." Zuletzt mussten die Familien im Mai das Mühlenfest absagen, weil das Gelände in den Pfingsttagen ebenfalls unter Wasser stand – wenn auch nicht so schlimm wie derzeit.

Die genauen Pegelstände interessieren Karl-Josef Grau nicht. Eher die Nachwirkungen des Hochwassers. Denn das ganze Ausmaß des Schadens, zum Beispiel an den Gebäudefassaden, das wird sich erst zeigen, wenn das Wasser wieder gesunken oder ganz verschwunden ist. Dass das bald passiert, darauf hoffen nicht nur die Elbeuer, sondern auch alle anderen vom Hochwasser Betroffenen.

Bilder