Jütrichau l "Die Schwalben sind die Frühlingsboten für uns", erklärt Sigrid Schubert lächelnd. "Man freut sich, wenn sie eintreffen", bestätigt ihr Mann Wolfgang. Wenn die Beiden von ihren gefiederten Mitbewohnern erzählen, strahlen ihre Augen. Schon jahrelang gewähren sie den immer seltener werdenden Insektenjägern im Stallgebäudes ihres Grundstückes in Jütrichau einen Unterschlupf zum Nisten. Und von Jahr zu Jahr werden es mehr Rauchschwalben, die bei ihnen brüten. Darauf weist nun auch die Plakette "Schwalbenfreundliches Haus" an der Fassade ihres Wohnhauses hin.

"Was können die zwitschern."

Wolfgang Schubert

"Als wir hier eingezogen sind, gab es nur ein Nest", erinnert sich Sigrid Schubert. Inzwischen sind es über 40, von denen 2013 auch fast alle belegt waren. Mittlerweile haben einige ihr Sommerdomizil schon verlassen, um zum Überwintern gen Süden zu fliegen. Andere sind derweil noch mit der Aufzucht des Nachwuchses beschäftigt. Beim Blick auf die Küken, die hungrig ihre Schnäbel aufreißen, erzählt Sigrid Schubert von einem abgestürzten Nest. Von den fünf Jungvögeln, die auf den harten Boden fielen, überlebten drei. "Die habe ich in einen kleinen Korb gesetzt", zeigt sie auf eine Nische in der Wand. "Die Alten haben sie weiter gefüttert und später sind sie alle auch ausgeflogen."

Neben solchen Erfolgserlebnissen sind es die Flugkünstler selbst, die das Paar begeistern. "Wenn neue Schwalben ankommen, begrüßen sie die anderen. Was können die zwitschern", erklärt Wolfgang Schubert fasziniert. Schmunzelnd schildert er auch, wie im Frühjahr die erste Rauchschwalbe vorbeischaut und alles zu inspizieren scheint - denn nach und nach folgen die nächsten. Das extra eingebaute Fenster steht da bereits als Einflugschneise weit offen, Gitter und Scheibe entfernt der Hausherr stets, sobald die grazilen Zugvögel wieder auftauchen. Auch die Tür wird dann tagsüber nicht verschlossen.

"Ich habe rührende Gespräche geführt."

Annette Leipelt

So lange sie hier wohnen, bleibt das auch so, betont Wolfgang Schubert wohl wissend, dass das nicht jeder verstehen kann. Vor allem hinsichtlich der auftretenden Verschmutzungen, die die Schwalben verursachen. Ihn und seine Frau stört das nicht. Sobald alle Schwalben weg sind, um nach Afrika zu ziehen, greift er einfach zu Wasserschlauch und Besen und spritzt und fegt den Stallboden sauber. Das Dulden der zierlichen Vögel betrachtet seine Frau als "Dienst an der Natur". Zumal gerade auch die Zahl der Rauchschwalben seit vielen Jahren aufgrund des fortschreitenden Mangels an Nistplätzen und geeignetem Nestbaumaterial zurück- geht.

Um auf die schwindenden Brutmöglichkeiten hinzuweisen und um für Akzeptanz der Glücksboten zu werben, hat der Nabu Sachsen-Anhalt die Aktion "Schwalbenfreundliches Haus" gestartet. Nach dem Testlauf 2012 in einigen Kreisen folgte dieses Jahr die landesweite Ausschreibung - mit unverhofft reger Beteiligung. Seit Mai nahm der Naturschutzbund insgesamt 97 Prämierungen vor. Aus Anhalt-Bitterfeld gingen 17 Bewerbungen ein - sechs aus der Einheitsgemeinde Zerbst und zwar aus Buhlendorf, Mühlsdorf, Güterglück, der Kernstadt selbst und eben Jütrichau.

"Mit dieser Resonanz habe ich nicht gerechnet", gesteht Annette Leipelt vom Nabu-Landesverband. Sie berichtet von netten und auch rührenden Telefongesprächen, die sie mit einzelnen Schwalbenfreunden führte. Sie erfuhr von extra eingerichteten "Schwalbenzimmern" und neu aufgestellten Leitungsmasten. Gerade während der Überschwemmungen im Juni sei das positive Echo "eine schöne Hochwasserkompensationsmaßnahme gewesen". Zugleich ruft Annette Leipelt zum weiteren Mitmachen auf. Denn obwohl der Wegzug der Schwalben begonnen hat, lassen sich die Nester immer noch nachweisen. Und auch 2014 wird die Aktion fortgesetzt, blickt sie voraus. Dabei winken den Teilnehmern nicht nur eine Urkunde nebst Plakette, sie erwarten vor allem tolle Schwalben-Beobachtungen.