Motocross ist seit fast zehn Jahren die große Leidenschaft von Michel Friedrich. Ein schlimmer Fahrradunfall hätte nun beinahe das Aus für sein liebstes Hobby bedeutet. Doch der junge Deetzer bewies Kampfgeist. Nach sieben Monaten Pause ging er wieder an den Start und absolvierte eine erfolgreiche Saison 2010.

Deetz. Ein Leben ohne Motocross? Für Michel Friedrich ist das derzeit undenkbar. Bereits mit drei Jahren drehte er seine ersten Runden über den Acker. Inzwischen hat sich der blonde Deetzer in der Deutschen Jugendförderung Motorradsport (DJFM) als feste Größe etabliert. Selbst mit seiner neuen Maschine, einer KTM 85ccm mit 24 PS, fuhr er im vorigen Jahr schnell vorne mit. So lag er auf Platz 4 der DJFM-Wertung und war sogar Zweiter in der Sachsen-Anhalt-Wertung, als inmitten dieser hervorragend verlaufenden Saison ein Unfall beinahe das Aus für sein liebstes Hobby bedeutet hätte.

Jenen schicksalhaften 12. September 2009 wird Michel wohl nicht mehr vergessen. Er freute sich schon auf das Rennen in Neiden bei Torgau. Das Training hatte er erfolgreich absolviert. Danach traf er sich wie so oft mit seinen Kumpels aus dem Fahrerlager. Papa Heiko Marschalek kümmerte sich unterdessen um das Motorrad, reinigte die Maschine, überprüfte die Technik... Da kam plötzlich ein jüngerer Freund seines Sohnes ganz aufgeregt angerannt. "Heiko, der Michel ist gestürzt, komm schnell...", rief er ihm zu. "Typisch Michel, hat sich mal wieder das Knie aufgeschlagen", schoss es Heiko Marschalek durch den Kopf. Doch als er seinen Sprössling dort liegen sah, hätte er ihn fast nicht wiedererkannt.

Michel hatte sich beim Herumkurven über das hügelige Gelände mit dem Fahrrad total überschlagen und übel verletzt. Vor allem sein Gesicht schaute schlimm aus. Selbst der Notarzt vor Ort hatte kein gutes Gefühl. Der sportliche Deetzer kam sofort ins Krankenhaus nach Torgau. Die ersten Untersuchungen zeigten, dass er unwahrscheinliches Glück gehabt hatte. Neben einem gebrochenen Mittelfinger hatte er sich den sechsten bis achten Rückenwirbel angeknackst. Die Diagnose ergab allerdings auch, dass zwei Drittel seines Gesichts schwer verletzt waren

Der enormen Hitze folgt der Dauerregen

Völlig unter Schock flehte Michel den Doktor an: "Machen Sie mich fertig. Morgen will ich noch mein Rennen fahren." Für den Chefarzt stand jedoch fest: "Motocross fährst Du nicht mehr." Für Michel brach in dem Moment eine Welt zusammen. Er konnte sich partout nicht vorstellen, seinen Helm an den Nagel zu hängen. Zu viel Spaß bereitete ihm sein Sport. Der ehrgeizige Junge entschied, sich nicht einfach damit abzufinden und sein Schicksal selbst zu bestimmen. So durfte er bereits nach einer statt der prognostizierten drei Wochen die Klinik wieder verlassen. Bis Jahresende blieb der Zwölfjährige in medizinischer Behandlung. Vor allem der Zerbster Sportarzt Dr. Rommel und die Physiotherapie Wolbring in Deetz trugen zu seiner vollständigen Genesung bei.

Auch das Thema Schule war für Michel nach seinem Unfall nicht leicht. Zumal er gerade erst auf das Gymnasium gewechselt war. Doch er konnte auf die Unterstützung seiner Lehrer und Mitschüler am Zerbster Francisceum zählen. So brachte er trotz alledem am Ende der fünften Klasse ein gutes Zeugnis nach Hause.

Die Saison 2009 schloss der junge Deetzer trotz dieser Unterbrechung mit einem achten Platz in der DJFM-Wertung ab. In der Sachsen-Anhalt-Wertung wurde er Vierter in seiner Altersklasse.

Im Februar 2010 erhielt Michel schließlich "grünes Licht" für die diesjährige Saison. Zwischen März und Oktober ging er - jeweils an den Wochenenden - bei 24 Rennen an den Start. Dabei hatte er nicht nur mit technischen Pannen, sondern ebenfalls mit extremen äußeren Bedingungen zu kämpfen. Neben dem lang anhaltenden Winter und der enormen Hitze im Sommer verwandelte Dauerregen die Strecken nicht selten in Schlammpisten. Michels weiße Cross-Bekleidung, die längst sein Markenzeichen ist, verschwand da oft unter all dem Dreck. Vor allem, wenn er in den spannenden Kämpfen kurz vor dem Ziel noch einen "Ausrutscher" hinlegte. "Ein Waschmittel-Sponsor wär‘ nicht schlecht", schoss es Mama Andrea Friedrich da beim Reinigen der verschmutzten Rennklamotten durch den Kopf.

Michel kümmerte das nicht wirklich. Er konzentrierte sich auf die vor ihm liegenden Strecken und Gegner. So nahm eine erfolgreiche Saison ihren Verlauf. Bis am 10. Oktober in Wurzen dann etwas geschah, womit niemand gerechnet hatte. Wieder stellte das Schicksal den Zwölfjährigen auf die Probe. Michel hatte gerade ein tolles erstes Rennen hinter sich gebracht, als Vater Heiko einen sehr schweren Herzinfarkt erlitt. Für Augenblicke stand sein Herz still, und er musste von dem Notarztteam vor Ort wiederbelebt werden. Danach wurde der 40-Jährige sofort in eine Spezialklinik nach Leipzig gebracht. Trotz des dramatischen Geschehens ging Michel am Nachmittag nach kurzem Zögern erneut an den Start. Er fuhr dieses zweite Rennen nur für seinen Papa, der sich mittlerweile wieder auf dem Weg der Besserung befindet.

Die diesjährige Saison klang für Michel letztlich mit einem beachtlichen sechsten Platz aus, den er sich unter den 30 Fahrern seiner Altersklasse erkämpft hatte. Zu dem hervorragenden Saisonabschluss gratulierte ihm auch Bernd Schumann. Er ist Geschäftsführer der Zerbster Stadtwerke. Das Unternehmen sponserte den talentierten Deetzer 2010 das zweite Jahr in Folge und will das Engagement 2011 fortsetzen. Für diese Unterstützung sind Michel und seine Eltern sehr dankbar. Aber auch all den kleinen Sponsoren und seiner Familie gilt der Dank des jungen Rennsportlers, der für das Team "Bräuer Motorradsport" aus Hildesheim fährt.

Wechsel auf größere Maschine steht bevor

Im kommenden Jahr wird Michel noch mit seiner 85er KTM antreten. Dann gehört er mit seinen 13 Jahren bereits zu den "Senioren" seiner Klasse. Das bedeutet ebenfalls, dass Ende 2011 eine größere Maschine her muss. Auf die Umstellung freut sich der Sechstklässler wahnsinnig. Schon jetzt schaut er sich immer die Tricks der älteren Fahrer ab. Sein Vorbild ist übrigens der 16-jährige Ken Roczen, der 2007 Junioren-Weltmeister wurde.

Wer weiß, vielleicht tritt Michel irgendwann in seine Fußstapfen. Zunächst jedoch plant der blonde Deetzer die kommende Saison. Dann will er die Anzahl der Rennen auf 15 runterdrosseln und dafür bei verschiedenen Meisterschaften an den Start gehen. Zudem möchte er mal Rennluft bei den Landesmeisterschaften der anderen ostdeutschen Bundesländer schnuppern. Andere Strecken und neuen Konkurrenten kennenlernen, lautet das Motto für 2011.

Dann kann Michel sein zehnjähriges Jubiläum auf Crossmaschinen feiern. Viele glänzende Pokale sind in der Zeit bereits zusammengekommen. Preisgeld zahlen die Veranstalter allerdings nicht. Was nicht heißt, dass der Sechstklässler völlig leer ausgeht. Jedes gut gefahrene Rennen prämieren seine Großeltern mit einem Taschengeld-Zuschuss. Etwas Spritgeld erhält Michel ab und zu auch von seiner 91-jährigen Uroma Anny, die genauso stolz auf seine Leistungen ist.

Kein Geld, dafür ein Erlebnis der beeindruckenden Art bot sich dem Zwölfjährigen im August, als er Gelegenheit erhielt, einmal live bei einem Stockcar-Rennen dabei zu sein. Und nicht nur das. Er durfte sogar einige Runden als Beifahrer mit auf die Strecke gehen, was Michel äußerst cool fand. Für den ungewöhnlichen Motorrennsport, bei dem Drängeln und Kollisionen ausdrücklich erlaubt sind, könnte sich der unerschrockene Deetzer ebenfalls begeistern. Momentan fehlt ihm dazu aber noch der Führerschein. Den brauchte es für das Funcross-Rennen in Bernburg nicht, bei dem Michel antrat. Gekonnt ließ er selbst den älteren Hobbyfahrern keine Chance und heimste den Siegespokal ein.

Zwischen Modelwelt und Computerbranche

Zu einem Abenteuer der völlig anderen Art gehörte der "Modelauftritt" im vergangenen Jahr. Kurz vor seinem Unfall hatte Michel ein Fotoshooting bei einem der größten Schulranzenhersteller gewonnen. In kompletter Ausrüstung reiste er mit seinen Eltern nach Stuttgart. Dort posierte der Nachwuchs-Rennfahrer in einer professionellen Werbeagentur für die Taschen-Kollektion, die extra für ihn entworfen worden war. Für die einmalige Erfahrung bekam er sogar schulfrei.

Doch das ist wirklich die Ausnahme. Andrea Friedrich und Heiko Marschalek achten darauf, dass die Schule nicht zu kurz kommt. Und auch Michel hat da ein klares Ziel vor Augen. Er möchte das Abitur schaffen. Zugleich träumt er noch immer davon, Chef zu werden. Die IT-Branche könnte seine Richtung sein. Mit Computern kennt sich der Zwölfjährige bereits bestens aus. Wissbegierig verschlingt er Fachzeitschriften und hilft bei Software-Problemen gern aus.

Vielfältige Erfahrungen hat der Sechstklässler mittlerweile mit den Medien gesammelt. Ob Presse, Radio oder Fernsehen – er hat schon mit vielem Bekanntschaft gemacht. Schließlich gehört die Vermarktung neben den Fahrkünsten genauso zum Rennsport dazu. Und den wird Michel nicht so schnell aufgeben.

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