Gut 60 Zuhörer entführte Jürgen Krebs am Freitagabend auf eine bebilderte Reise mit der Kanonenbahn. Mittels historischer Fotos und Dokumente stellte ihnen der Diplom-Ingenieur aus Barby die Strecke zwischen Berlin und Sangerhausen vor.

Güterglück l Längst wächst Gras über den Gleisen der einst so bedeutsamen Strecke, über die Udo Lindenberg 2003 medienwirksam mit dem "Sonderzug aus Pankow" rollte. "Es wäre eigentlich noch heute die kürzeste Verbindung durch Deutschland", sagt Jürgen Krebs. Er betont das "eigentlich", denn längst ist die Kanonenbahn stillgelegt, auf der der persische Schah 1902 durch Güterglück rauschte. Auch die erste Diesellok der Welt fuhr 1917 hier entlang, zwischen 1993 und 1995 sogar der ICE. Doch das ist Geschichte, eine durchaus spannende, wie der Diplom-Ingenieur aus Barby findet. Schon als Junge interessiert er sich für die Bahnstrecke, die durch seinen Heimatort führt. "Der Virus steckt seit Kindesbeinen drin", erklärt Jürgen Krebs lächelnd. Schließlich macht er seine Leidenschaft zum Beruf, ist heute Lehrkraft für Eisenbahnbetrieb und engagiert sich in Vereinen und Interessensgemeinschaften für seine gelebte Passion.

Zu seinen Steckenpferden gehört die Kanonenbahn, über die der 56-Jährige bereits ein Buch geschrieben hat. Seine gesammelten Erkenntnisse stellt er am Freitagabend in Güterglück vor. In der passenden Kulisse des "Lokschuppens" referiert Jürgen Krebs über den mitteldeutschen Abschnitt der insgesamt 805 Kilometer langen Strecke, die Bestandteil der ersten preußischen Staatsverbindung zwischen Frankreich und Russland gewesen ist. Gut 60 Zuhörer lauschen seinem Vortrag. Viele Bahnfreunde aus Zerbst befinden sich darunter, wie Dr. Jürgen Baumgart erfreut feststellt. Als Vorsitzender begrüßt er die Anwesenden zur ersten Veranstaltung des Heimatvereins in diesem Jahr. Zugleich erinnert er daran, wie Jürgen Krebs im Oktober bereits bei der Aufstellung des restaurierten Wasserkrans am Dorfteich von der Entwicklung Güterglücks zum Eisenbahnknotenpunkt berichtet hatte.

Zu Beginn seiner Ausführungen reist er nun mit den Anwesenden gedanklich zunächst von Berlin bis nach Königsberg. Das Publikum folgt damit der Spur der von 1848 bis 1873 in Teilabschnitten gebauten, rund 590 Kilometer langen preußischen Ost-Bahn, die Jürgen Krebs als "Mutter der Kanonenbahn" bezeichnet. Mittels zahlreicher auf Leinwand projizierter historischer Dokumente, Fotos und Karten sowie eingestreuter Anekdoten bringt der Verkehrsingenieur den Anwesenden die Geschichte der Kanonenbahn näher. Er erzählt, wie sie ihren Ursprung in dem militärischen Wunsch nach einer "Aufmarschbahn gegen den Erbfeind" Frankreich hatte. Zwischen 1878 und 1880 flossen 71 Millionen Taler (das entspricht etwa 3,3 Milliarden Euro) in die Errichtung der Strecke. Die Finanzierung erfolgte mit Geldern der Reparationszahlungen, die Frankreich nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 ans Deutsche Reich zahlen musste.

Bei seinen sehr faktenreichen Erläuterungen konzentriert sich Jürgen Krebs auf den Abschnitt Berlin-Sangerhausen. Er schildert, wie der Kaiser unter reger Anteilnahme der Bevölkerung in Nedlitz ausstieg, um den Manövern im Fläming beizuwohnen. Über Deetz führt die imaginäre Reise die Zuhörer nach Lindau, wo 1941 eine Lok ins Bahnhofsgebäude raste. Ein weiterer Stopp folgt in Güterglück, mit dem der 56-Jährige die Frage verbindet, wann genau das Empfangsgebäude erweitert wurde. Technisch selten seien die Gepäckaufzüge, bei denen es sich um so genannte "Spindelaufzüge" handelt. "Hoffentlich bleiben sie noch lange erhalten", bemerkte der Bahn-Kenner, bevor er sich vorbei an der Blockstelle Flötz näher der Elbbrücke Barby widmet, dem größten Bauwerk auf der Strecke der Kanonenbahn. Nicht unerwähnt lässt er, dass diese als Versuchsstrecke diente und auch der West-West-Transitverkehr durch die DDR über ihre Gleise führte. Eine Menge weiß Jürgen Krebs zu berichten. Während einzelnen Zuhörern der letztlich über zweieinhalb Stunden dauernde Vortrag da schon etwas ausufert,ergänzt manch ehemaliger Bahner hier und da ein Detail.