Prolog: Der Kommissar eilt zum Weihnachtsmarkt.

Hauptkommissar Heinrich betrat das Büro, an dessen Tür sein Name angebracht war, hängte seinen Trenchcoat an den Haken und fuhr den Rechner hoch. Der Kaffee, den er sich am Automaten geholt hatte, dampfte, und Heinrich wusste, dass er ihn trinken musste, solange er heiß war, denn in lauwarmem Zustand würde er nicht mehr genießbar sein. Aber wenn man im schlechtesten Dienstgebäude der deutschen Polizei Dienst tat, konnte man vermutlich auch nicht erwarten, dass der Kaffee schmeckte, dachte Heinrich, als er sein Passwort eingab, um seine Mails zu checken.

Seine Assistentin Claudia betrat das Büro – wie immer pünktlich, aber eben auch keine einzige Minute zu früh. Heinrich hatte keine Ahnung, wie sie das machte, vermutlich schloss sie sich auf der Toilette ein oder drehte noch eine Runde um den Hasselbachplatz, falls sie doch einmal zu zeitig dran war.

"Guten Morgen, Herr Heinrich", flötete sie gut gelaunt. - Heinrich hasste seinen Namen. Es geschah ihm nicht selten, dass Menschen, denen er sich vorstellte, mit der Nennung ihres eigenen Vornamens antworteten, weil sie der Auffassung waren, er habe ihnen gerade das Du angeboten. Also war er fortwährend gezwungen, darauf hinzuweisen, dass dies sein Nachname sei und er gesiezt zu werden wünsche. In einer Stadt, in der alle Otto waren, war man mit dem Du ohnehin schnell bei der Hand, und Heinrich wollte sich gar nicht ausmalen, was auf ihn zugekommen wäre, hätte nicht erst Kaiser Otto der Große, sondern schon dessen Vater Heinrich I. Magdeburg zu seiner Lieblingspfalz erkoren.

"Guten Morgen, Herr Heinrich", insistierte Claudia, da er ihren Gruß nicht erwidert hatte. "Morgen, Claudia", murmelte der Kommissar, ohne sich für seine Unhöflichkeit zu entschuldigen.

Er betrachtete die junge Frau aus den Augenwinkeln. Sie war attraktiv, offenherzig und keineswegs dumm, und er fragte sich, warum sie ausgerechnet bei der Kriminalpolizei gelandet war. Vielleicht hatte sie ja die Flut an Kommissarinnen, die inzwischen die deutsche Fernseh-Landschaft überschwemmte und die in keiner Weise der polizeilichen Realität entsprach, dazu verleitet. Oder sie glaubte … - Das Klingeln des Telefons unterbrach seine müßigen Gedanken. Heinrich hörte konzentriert zu, stellte ein paar kurze Gegenfragen und machte sich eilig Notizen. "Wir kommen", beendete er das Gespräch und erhob sich.

Claudia sah ihn an. "Auf zum Weihnachtsmarkt!", kommandierte der Kommissar und griff nach seinem Mantel.

"Wollen Sie mich zum Glühwein einladen?", versetzte die Assistentin kokett.

"Sobald wir den Täter haben", entgegnete Heinrich. "Kommen Sie."

"Was ist denn geschehen?"

Teil 1: Menschenauflauf am Märchenwald

"Was ist denn geschehen?" fragte Claudia. - "Das erzähle ich Ihnen im Auto", beschied sie der Kommissar und verließ das Büro.

Als sie über den Breiten Weg in Richtung Alter Markt fuhren, berichtete er: "Es hat offenbar ein Tötungsdelikt gegeben, aber offen gestanden bin ich aus dem Anruf nicht ganz schlau geworden.Das Opfer heißt wie eine Märchenfigur, Aschenputtel oder Schneewittchen oder so, es steht auf meinem Zettel." - "Wahrscheinlich ihr Nickname", vermutete die Assistentin. "Neuerdings ist es ganz ratsam, seinen Klarnamen nicht mehr zu verwenden." - "Warten wir es ab", versetzte Heinrich.

Er parkte den Wagen hinter dem Rathaus und eilte in Richtung Märchenwald. An der Weihnachtstanne hatte sich ein Menschenauflauf gebildet, dessen Mittelpunkt ein herzzerreißend weinendes Mädchen bildete, das seine Hände verzweifelt in Richtung des Baumwipfels ausstreckte, von wo ein klägliches Miauen zu vernehmen war. "Ach Gott, ein Kätzchen!", rief Claudia und blieb abrupt stehen. "Dafür haben wir keine Zeit, das ist Sache der Feuerwehr!", entschied Heinrich und eilte weiter, während Claudia zurückblieb.

Weihnachtsmarktchef Adler, der die Beamten gerufen hatte, erwartete ihn bereits. "Heinrich, Kripo Magdeburg", stellte der Kommissar sich vor. "Ich bin der Ted", erwiderte Adler. Heinrich verdrehte die Augen, verzichtete aber diesmal darauf, das Missverständnis aufzuklären. - "Wo ist die Tote?", fragte er. - "Im Schloss", erklärte Adler. - "In welchem Schloss?!" - "Da drüben." Adler wies auf die Dornröschen-Gruppe. "Es fehlt nur der Kopf, den Rest hat er da gelassen." Claudia, die endlich auch eintraf, erklärte, dass sie wegen des Kätzchens die Feuerwehr verständigt habe. "Musste das sein?", fragte Adler. "Gerade jetzt kann ich hier wirklich keine Panik gebrauchen." - "Man hat Dornröschen geköpft", erklärte Heinrich. "Klare Sache: die 13. Fee", versetzte Claudia flapsig, aber Adler blieb ernst.

Tatzeit war wahrscheinlich die Nacht zum Donnerstag, jedenfalls war der Kopf bei der Marktöffnung am Freitag verschwunden. Und heute kam er mit der Post." Adler zeigte den Beamten das geöffnete Paket mit dem Haupt der Prinzessin. "Zusammen mit einem Erpresserschreiben, in dem weitere Schritte angedroht werden." - "Und welche? Will er die Hexe in den Ofen schieben und Rapunzel vom Turm stoßen?", fragte Heinrich lapidar.Aber Adler lachte wiederum nicht. "Es ist derselbe Täter, der im Vorjahr Rudi, den singenden Elch in Brand gesteckt hat." - "Was übrigens das erste Verbrechen war, das ich ausdrücklich begrüßt habe", gestand Heinrich. "Aber das sage ich nur als Privatperson, als Polizist war ich selbstverständlich erschüttert."Adler lachte abermals nicht, während Claudia grinste. Heinrich zückte sein Notizbuch. "Gibt es eine Forderung, Herr Adler? An wen ist sie gerichtet? Und womit droht der Erpresser?"

Teil 2: Glühwein, Grünkohl, Gift

"Womit droht der Erpresser?"
Weihnachtsmarktchef Ted Adler zögerte kurz. "Der Mann ist ein Zyniker", sagte er dann. "Er hat uns eine ganze Liste von möglichen Sabotageakten geschickt und meint, wir sollten ankreuzen, was uns am besten gefällt." – "Und was steht zur Auswahl?", fragte Heinrich, während sich unweit von ihnen die Feuerwehr ihren Weg durch die Menge bahnte, um die Katze aus der Tanne zu retten.

"Er droht damit, giftige Substanzen in den Glühwein oder den Grünkohl zu schütten, so dass die Besucher der jeweiligen Bude sich tagelang übergeben müssen. Oder er will die Ponys dopen, so dass sie die Kinder wie Rodeo-Pferde abwerfen. Er will für einen allgemeinen Stromausfall sorgen. Er will …" – "Schon gut, ich habe verstanden", unterbrach ihn Heinrich. "Also keine konkrete Drohung, sondern eine allgemeine. Das ist natürlich …" – "Haben Sie etwas dagegen, wenn ich bei der Rettung der Katze ein wenig für Ordnung sorge, Herr Heinrich?", wurde er seinerseits von Claudia unterbrochen. - "Ach Heinrich ist Ihr Nachname?", staunte Adler. "Das tut mir leid." – "Und mir erst!", versetzte der Kommissar. "Gut, lassen Sie Ihrer Tierliebe freien Lauf, Claudia; und danach können Sie gleich die Ponys bewachen, damit die keiner zu Wildpferden macht." – "Schon klar", erwiderte Claudia und entfernte sich in Richtung der sensationslüsternen Menge.

"Wie viele Buden gibt es insgesamt?", erkundigte sich der Kommissar. – "Wir haben 128 Buden, 12 Fahrgeschäfte und …" – "Ich kann unmöglich für jede Bude einen Beamten abstellen. Nach all den Polizeireformen wäre ich froh, wenn ich zehn bekäme", fiel ihm Heinrich ins Wort. - "Ich will auch keine 128 Uniformierten auf dem Weihnachtsmarkt", entgegnete Adler. "Wie sieht denn das aus! Die Ermittlungen müssen möglichst diskret ablaufen." – "Das müssen Sie schon mir überlassen. Wenn ich meine, dass ich das SEK, drei Hubschrauber und eine Reiterstaffel brauche, dann werde ich sie anfordern." – "Ich denke, die Reiterstaffel ist vom Tisch?" – "Ich habe nur bildlich gesprochen. Und keine Sorge, ich habe auch kein Interesse daran, hier für eine Massenpanik zu sorgen. Aber wir müssen damit rechnen, dass der Kerl nicht nur ein Witzbold ist." – "Vielleicht ist es nur ein Anwohner, dem die Weihnachtslieder auf den Geist gehen", vermutete Adler. - "Vielleicht. Aber vielleicht geht sein Hass auch tiefer oder es geht um ganz andere Dinge. Denn was Sie mir immer noch nicht gesagt haben, Herr Adler: Was verlangt der Erpresser?"

Teil 3: Der Kopf der Prinzessin muss warten

"Was verlangt der Erpresser?" Weihnachtsmarktchef Ted Adler zögerte abermals. "Geld", sagte er dann. "Was sonst?" – "Und wie viel?" – "100 000." Heinrich fuhr zusammen. "Sagten Sie 100 000?" Adler nickte. "Und keinen Euro weniger." – "Das ist ein Witz, oder?" – "Sagen Sie es mir." – "Um dazu etwas sagen zu können, weiß ich noch zu wenig", versetzte der Kommissar. "Und ich habe das
Gefühl, das liegt auch daran, dass Sie mir noch immer nicht alles gesagt haben, was Sie wissen."

Claudia kehrte in die Märchengasse zurück. "Momo ist gerettet und die Ponys machen einen friedfertigen Eindruck", berichtete sie. Und an Adler gewandt, dessen Nervosität ihr nicht entging: "Momo ist das Kätzchen." – "Wir brauchen die Spurensicherung", wies Heinrich sie an, ohne die erfolgreiche Tierrettung gebührend zu würdigen. "Und der Kopf soll im Labor auf Fingerabdrücke untersucht werden."

"Es wäre mir lieber, wenn die Spuren möglichst schnell beseitigt werden würden", entfuhr es Adler. "Oder wie lange soll ich den Kindern noch eine Prinzessin ohne Kopf zumuten?" – "Genau so lange, wie unsere Kriminaltechniker brauchen, um den Kopf zu untersuchen", stellte Heinrich klar. – "Und wie lange wird das dauern?" – "Das kann Tage dauern. Ich sagte es ja schon: Personalmangel." – "Haben Sie ein Problem damit, wenn ich dann eben mal im Puppentheater anrufe und mich um einen neuen Kopf bemühe?" – "Sobald ich die Befragung beendet habe, können Sie das gern tun." – "Aber machen Sie sich keine Hoffnung, dass das viel schneller geht", schaltete Claudia sich ein. "Die Kollegen dort sind vollkommen überarbeitet. Dasselbe wie bei uns: Personalmangel." Die beiden Männer betrachteten sie verblüfft. "Ich bin im Förder­verein", erklärte Claudia. "Und daher weiß ich auch, dass …" – "Sie können in Ihrer Freizeit natürlich tun, was Sie wollen, aber jetzt sind Sie im Dienst. – Gibt es hier Überwachungskameras?", wandte er sich an Adler.

"Nur eine, direkt am Rathaus. Aber die dürfte Ihnen kaum weiterhelfen." – "Vielleicht war er ja unvorsichtig genug, am Rathaus entlangzugehen", sagte Heinrich mit wenig Überzeugung. "Lassen Sie sich das Band geben und sehen Sie es sich an, Claudia." – "Kann ich mich dann endlich um einen neuen Kopf kümmern?", fragte Adler. "Das muss warten, denn wir zwei sind noch nicht fertig", entschied Heinrich.

Claudia begab sich ins Rathaus. Würde auf dem Band jemand zu sehen sein? Und wenn ja, wer?

Teil 4: Wer löschte das Videoband in der Tatnacht?

Claudia begab sich ins Rathaus, während Heinrich die Vernehmung fortsetzte. "Jetzt mal Klartext, Herr Adler: Ihre Nummer mit dem genervten Anwohner war doch nur ein Ablenkungsmanöver. Sie haben einen ganz anderen Verdacht, habe ich recht?" – "Ich will niemand grundlos verdächtigen, akzeptieren Sie das bitte." – "Gut, dann werde ich eben ein paar Verdächtige benennen, das ist schließlich mein Beruf. Wie sieht es mit Konkurrenten aus?" – "Wir haben keine Konkurrenz", entgegnete Adler knapp. – "Aber es gibt doch zum Beispiel jede Menge Stadtteil-Weihnachtsmärkte", wandte Heinrich ein. –"Achtzehn", präzisierte Adler. "Aber die sind keine Konkurrenz, sondern eine willkommene Ergänzung. Ich halte es für ausgeschlossen, dass einer von denen hinter der Sache steckt."

Heinrich fragte weiter. Er nannte die Weihnachtsmarktbetreiber benachbarter Städte, er nannte die Investoren der sogenannten "Grünen Wiesen", die es vielleicht auf eine Schwächung des Innenstadthandels abgesehen hätten, er brachte terroristische Hintergründe ins Spiel - aber Adler hob fortwährend die Schultern und bestätigte keinen einzigen Verdacht. Schließlich klappte der Kommissar resigniert sein Notizbuch zu. "Ich habe fast den Eindruck, als wollten Sie zwar, dass ich den Täter fasse, aber möglichst keinen Tathintergrund ermittle", konstatierte er. – "Ich will kein Aufsehen", räumte Adler ein. "Können Sie das denn nicht nachvollziehen?" – "Aber dann geben Sie nicht uns die Schuld, wenn es länger dauert als nötig und inzwischen jemand die Tanne fällt oder den Weihnachtsmann entführt", belehrte ihn Heinrich. " Sie können sich jetzt um einen neuen Kopf für ihr Dornröschen kümmern, aber Sie halten sich bitte zu unserer Verfügung." – "Selbstverständlich", sagte Adler knapp und entfernte sich telefonierend.

Heinrich folgte Claudia ins Rathaus. Als er den Goldenen Reiter passiert hatte und eben um das Kettenkarussell herumlief, eilte ihm seine Assistentin bereits aufgeregt entgegen. "Das Band ist gelöscht worden!", berichtete sie.

"Was sagen Sie da?" – "Und zwar nicht etwa zufällig, sondern auf Weisung eines Beigeordneten. Außerdem ist hier alles in heller Aufregung, weil angeblich damit gedroht worden sein soll, den OB zu entführen. Stimmt das?" – "Soviel ich weiß, war nur die Rede vom Weihnachtsmann", korrigierte Heinrich. "Und jetzt noch einmal der Reihe nach, Claudia: Welcher Beigeordnete hat die Anweisung gegeben, das Band der Tatnacht zu löschen? Und warum?"

Teil 5: Wer zum Teufel hat die Medien informiert?

"Welcher Beigeordnete hat die Anweisung dazu gegeben?" wollte Heinrich wissen. "Dr. Becker, der Kulturbeigeordnete", erklärte Claudia. – "Haben Sie ihn schon befragt?" – "Wir sollen ihn in einer halben Stunde in seinem Büro aufsuchen, im Moment hat er eine dringende Sitzung. Der Mann sitzt ja in gefühlten 30 Vorständen, Betriebsausschüssen und Verwaltungsräten. Ich weiß das, weil ich selber im Förderverein des Puppentheaters bin und …" – "Jetzt lassen Sie mich doch endlich mit Ihrem Puppentheater in Ruhe!", entfuhr es Heinrich.

"Trinken wir einen Kaffee", setzte er etwas freundlicher hinzu. "Man merkt sofort, dass man zwar im Dienst, aber nicht im Präsidium ist", lobte Heinrich, als er den ersten Schluck genommen hatte. "Fassen wir mal zusammen: Die Sache ist entweder völlig harmlos oder sehr ernst." – "Woraus schließen Sie das?" – "Aus der Höhe der Forderung. Eine solche Summe verlangt man nur, wenn man entweder ein anderes Motiv vertuschen will, oder tatsächlich glaubt, dass jemand so viel Schutzgeld bezahlt." – "Schutzgeld?" – "Wie nennen Sie es denn, wenn man durch die Zahlung einer hohen Summe verhindert, dass es zu signifikanten Störungen des Geschäftsbetriebes kommt?" – "Die Definition ist korrekt", räumte Claudia ein. "Ich habe aber auch ein komisches Gefühl, was diesen Adler betrifft. Er zögert mir oft zu lange mit seinen Antworten. Meinen Sie nicht, dass er seinen Weihnachtsmarkt vielleicht nur ins Gespräch bringen will? Any press is good press." – "Eine geköpfte Prinzessin ist nun wirklich keine gute Presse", wandte Heinrich ein.

"Demselben Trugschluss sind schon die Befürworter der Frühaufsteher-Kampagne erlegen." – "Ja, nicht jeder, der bekannt ist, ist auch beliebt", gab Claudia zu. "Und welches andere Motiv, das nur vertuscht werden soll, vermuten Sie?" – "Einen Lausbubenstreich wegen einer Mutprobe oder tatsächlich der genervte Anwohner oder etwas in der Art." – "Und das gelöschte Band?" – "Muss nicht zwingend etwas mit der Enthauptung der Prinzessin zu tun haben. Vielleicht sind wir ja gleich klüger. Kommen Sie, fahren wir zu Dr. Becker."

Als sie im Wagen saßen und der Kommissar den Motor anließ, schaltete sich auch das Radio ein. Der Moderator eines Regionalsenders bat bei der Suche nach dem Saboteur oder Randalierer, jedenfalls dem "Henker Dornröschens", wie er flapsig sagte, um Hinweise aus der Bevölkerung.

"Verdammt!", rief Heinrich und schlug mit der Faust auf das Armaturenbrett. "Wer zum Teufel hat die Medien informiert?!"

Teil 6: Beigeordnter lässt die Köpfe rollen
"Rufen Sie sofort Ted Adler an und finden Sie heraus, ob er hinter der Sache steckt!" befahl Heinrich, während er den Wagen in Richtung Julius-Bremer-Straße lenkte. Die Ampel am Breiten Weg zeigte wie immer Rot und Heinrich stellte den Motor ab. "Was sagt er?" fragte er Claudia, die das Telefonat inzwischen beendet hatte. – "Adler schwört, dass er nichts damit zu tun hat." – "Und glauben Sie ihm?" – "Ja. Er hat mich daran erinnert, dass er kein Aufsehen wollte, und dieser Auffassung waren Sie ja auch, oder?" – "Stimmt", gab Heinrich zu. "Wir kümmern uns später darum. Jetzt wollen wir erstmal hören, was Dr. Becker zu sagen hat."

Kurz darauf parkte er den Wagen neben der Hofeinfahrt des Opernhauses, wo sich Dr. Beckers Büro befand. Der Kulturbeigeordnete erwartete sie bereits und machte einen unbefangenen Eindruck. Einen zu unbefangenen, wie Heinrich fand.

"Was kann ich für Sie tun?" fragte Becker. – "Sie können uns sagen, weshalb Sie die Anweisung gegeben haben, das Band der Rathaus-Kamera vom Freitag zu löschen." – "Weshalb interessiert Sie das?" – "Das ist mein Beruf", entgegnete der Kommissar. – "Es ist doch nicht Sache der Kripo, die Vollständigkeit der Videobänder der Stadtverwaltung zu kontrollieren", wich Becker aus. – "Wenn es in Zusammenhang mit einer Straftat steht, schon." – "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die Löschung des Bandes in keiner Weise mit irgendeiner Straftat in Verbindung steht!" sagte der Beigeordnete pathetisch.

Plötzlich klingelte das Telefon des Kommissars. "Verzeihung, das ist das Präsidium, da muss ich rangehen", sagte er und ging in den Nebenraum.

"Man hat in der Märchengasse Dornröschen geköpft", erklärte Claudia. - "Das ist ja unerhört!" entfuhr es Becker. "Dann verstehe ich Ihre Aufregung. So eine Puppe ist ja mehr als nur Holz oder was auch immer und Stoff, so eine Figur hat eine Seele! Sie ist mit der Phantasie der Kinder aufgeladen und mit den Traditionslinien der deutschen Kultur verknüpft." – "Ich weiß", sagte Claudia. "Ich bin im Förderverein des Puppentheaters." – "Großartig", lobte Dr. Becker. "Wir brauchen Menschen, die sich im Ehrenamt kulturell engagieren. Das bringt unsere Stadt voran und …"

Heinrich kehrte ins Zimmer zurück und unterbrach die Lobhudelei. "Ist es richtig, dass Sie am Freitag in der Beigeordnetenrunde gefordert haben, dass Köpfe rollen müssten, Herr Dr. Becker?" – "Woher wissen Sie das?!" – "Das spielt keine Rolle. Ich will nur wissen, was oder vielmehr: wen Sie damit gemeint haben!"

Teil 7: So viel Heimlichkeit um eine Peinlichkeit

"Was oder vielmehr wen haben Sie damit gemeint?", bohrte Heinrich nach. – "Das sind Interna", erwiderte Dr. Becker. "Und ich versichere Ihnen nochmals, dass es nichts mit der Straftat in der Märchengasse zu tun hat. Übrigens verurteile ich solchen Vandalismus ganz entschieden und bin bereit, mich sofort für eine Reparatur der Prinzessin einzusetzen." – "Das können Sie gern tun", konzedierte Heinrich. "Sobald Sie meine Frage beantwortet haben." – "Aber das habe ich doch." – "Nicht zu meiner Zufriedenheit."

Das Telefon des Kommissars klingelte erneut, aber diesmal drückte er den Anrufer weg. - "Reparatur ist ein unpassender Ausdruck, da werden Sie mir als Fördervereinsmitglied des Puppentheaters recht geben", wandte sich Becker an Claudia. "Sagen wir: Wiederherstellung. Noch besser: Wiederbelebung." – "Schweifen Sie nicht ab", wurde er von Heinrich ermahnt. "Wessen Kopf oder auch Köpfe wollten Sie rollen sehen?" Diesmal war es Claudias Handy, das klingelte. "Verzeihung", murmelte sie und verließ den Raum.

"Ich bin bereit, Ihnen ein Stück weit entgegenzukommen, aber Sie müssen mir im Gegenzug versprechen, dass die Sache unter uns bleibt", verlangte der Beigeordnete. – "Wenn es unseren Fall nicht tangiert, lässt sich das machen. Ich höre." – "Also gut, Herr …?" – "Heinrich." – "Ich bin der Rudolf." – "Hauptkommissar Heinrich!" – "Ach so, entschuldigen Sie. Also die Sache ist die: Auf dem Band ist zwar keine Straftat zu sehen, aber eine Peinlichkeit. Eine enorme Peinlichkeit. Wäre das ruchbar geworden, hätte sich die Bewerbung um die Kulturhauptstadt schon in diesem frühen Stadium erledigt. Darum habe ich dieses Band löschen lassen." - "Wie darf ich mir das vorstellen? Wie den Auftritt der Generalintendantin vor drei, vier Jahren?" – "Ja, damit kann man es vergleichen. Aber diesmal wurde keiner Ihrer Kollegen beschimpft, sondern die betreffende Person hat sich nur selbst Schaden zugefügt - denn sie wird für ihr Verhalten die Konsequenzen tragen müssen." – "Sie wird also entlassen werden?" – "Ihr Kopf wird rollen", bestätigte Dr. Becker. – "Das genügt mir", entschied Heinrich und erhob sich.

Claudia kehrte ins Büro zurück. "Auf dem Weihnachtsmarkt geht es drunter und drüber", berichtete sie. – "Dann fangen Sie mit drunter an." – Die Assistentin blickte ihren Chef ratlos an. - "Erzählen Sie mir erst das, was unter die Gürtellinie, und dann das, was über die Hutschnur geht", erläuterte Heinrich. – "Der Lokführer der Märcheneisenbahn ist spurlos verschwunden!", teilte Claudia mit. – "Was bedeutet das denn nun wieder?!"


Teil 8: Ein neuer Drohbrief

"Hat denn die Märcheneisenbahn überhaupt einen Lokführer?" fragte Heinrich. "Sitzt da nicht immer irgendein Kind vorne drin?" – "Keine Ahnung, ich fahre nicht so oft Märcheneisenbahn", gestand Claudia. "Aber das war auch noch nicht alles. Es soll außerdem ein zweites Erpresserschreiben eingegangen sein." – "Also gut, dann fahren wir zum Markt zurück", entschied Heinrich. "Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Dr. Becker." – "Und an dem neuen Kopf für Dornröschen bleibe ich dran", versprach der Kulturbeigeordnete, als er die Ermittler hinaus begleitete.

Weihnachtsmarktchef Ted Adler erwartete sie bereits und wirkte noch nervöser als Stunden zuvor. "Die Meldung von dem verschwundenen Lokführer war natürlich Unsinn, ich muss um Verzeihung bitten. Es handelt sich um ein Kind, das seit der Eröffnung des Marktes täglich mehrmals mit der Bahn gefahren ist und sich immer den Platz ganz vorn in der Lok gesichert hat. Außerdem trug er eine entsprechende Mütze, daher haben die Mitarbeiter des Fahrgeschäftes ihn den ‚Lokführer’ getauft. Als ich Sie anrief, sagte mir der Betreiber, dass der ‚Lokführer’ heute noch gar nicht da gewesen sei, und das habe ich dann gedankenlos nachgeplappert. Entschuldigen Sie diese Überreaktion." – "Wir sind ja zum Glück nicht nur deswegen gekommen. Es ist ein zweites Schreiben des Erpressers eingegangen, sagen Sie?" – "Ja, es wurde mir von einem Fahrradkurier gebracht, zwei Minuten bevor ich Sie anrief. Bitte sehr."

Heinrich überflog das Schreiben und runzelte die Stirn. "Der Mann scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein", sagte er zu Claudia. "Er selbst war es, der die Medien eingeschaltet hat, um Hinweise auf sich und seine Tat zu erhalten. Anscheinend ist er davon überzeugt, dass es weder Augenzeugen noch Spuren gibt." – "Dafür wird es jede Menge Verdächtigungen geben", vermutete Claudia. "Das kennt man ja." – "Sie gucken zu viele Krimis", befand der Kommissar. - "Und Sie zu wenige", versetzte Claudia schnippisch. - "Woher wollen Sie das wissen?" erkundigte sich Heinrich. – "Bauchgefühl", erwiderte Claudia knapp. – "Könnten Sie die Diskussion um Ihre Sehgewohnheiten verschieben und sich wieder um mein Problem kümmern?" unterbrach sie Adler. - "Natürlich", lenkte Heinrich ein. - "Gibt es neue Drohungen?", wollte die Assistentin wissen. – "Er verlangt, dass ich mich entweder für einen der Sabotageakte entscheide oder aber das Geld übergebe", berichtete Adler. "Wie und wo soll es denn übergeben werden?" fragte Claudia.

Teil 9: Treffpunkt hinter dem "O"

"Wie und wo soll das Geld übergeben werden?", fragte Claudia. "Das ist vollkommen egal, denn so viel Geld habe ich nicht!" rief Adler aus. – "Darum kümmern wir uns, daran wird es nicht scheitern", beruhigte ihn Heinrich. "Können Sie irgendwelche Angaben zu dem Fahrradkurier machen? Er wäre ein wichtiger Zeuge." – "Er hat mir den Brief im Vorbeifahren zugeworfen und war innerhalb von drei Sekunden verschwunden. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen und ansonsten sah er aus, wie Fahrradkuriere eben aussehen." – "Konnten Sie ihn denn nicht aufhalten?" wollte Claudia wissen. – "Konnten Ihre Kollegen nicht dafür sorgen, dass er sein Rad schiebt?", fragte Adler gegen. "Auf dem Weihnachtsmarkt ist Fahrradfahren nämlich verboten." – "Halten Sie das für eine der vordringlichsten Aufgaben der Polizei?" – "Das bringt uns doch jetzt nicht weiter", beendete der Kommissar den Disput. "Ich habe das dumpfe Gefühl, dass es nicht ein Zeuge war, der da gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen hat, sondern der Täter selbst." – "Möglich", räumte Claudia ein. "Also suchen wir einen sehr sportlichen Erpresser." – "Und gründen die Soko Täve", fügte Heinrich hinzu – und wie so oft konnte Claudia nicht ausmachen, ob er es ernst meinte oder ob er scherzte.

"Der Eindruck, dass der Mann sich sehr sicher fühlt, verdichtet sich immer mehr", konstatierte Heinrich. "Er will, dass sich Herr Adler gegen 19 Uhr mit dem Geld auf die Hubbrücke begibt, sich hinter dem zweiten O des flussaufwärts angebrachten Schriftzuges postiert und sich für weitere Anweisungen bereithält." – "Und den nächsten Brief bringt dann ein Kampfschwimmer, oder wie?" – "Vielleicht. Aber wie Sie bemerkt haben, ist Herr Adler auch im Besitz eines Mobiltelefons, Claudia." – "Was Sie nicht sagen!" - "Woher hat der Mann meine Nummer?!", fragte Adler entsetzt. – "Wir wissen ja noch gar nicht, ob er sie hat. Vielleicht erreicht Sie die nächste Anweisung ja tatsächlich auf ganz andere Weise. Neuerdings sind für so etwas ja auch Drohnen im Gespräch", relativierte Heinrich, als sein eigenes Telefon klingelte. "Die Spurensicherung ist in der Märchengasse fertig", berichtete er, nachdem er aufgelegt hatte. – "Haben sie etwas gefunden?"


Teil 10: Der Fahrradkurier

"Die Spurensicherung ist in der Märchengasse fertig", teilte Heinrich mit. – "Haben sie etwas gefunden?", erkundigte sich Claudia. – "Das werden wir gleich wissen." – "Halt! Warten Sie!", rief plötzlich die Verkäuferin der Glühweinhütte, vor der sie mit Adler standen. "Sie sprachen doch gerade von diesem Fahrradkurier. Ich habe ihn auch gesehen." – "Haben Sie uns belauscht?" – "Das ließ sich nicht vermeiden." – "Also gut. Heinrich, Kripo Magdeburg. Sie …" – "Ich bin die Jeannette. Ich verkaufe hier nur aushilfsweise, denn eigentlich …" – "Sind Sie verdeckte Ermittlerin." – "Nein, ich habe an einem Casting für den Weihnachtsengel teilgenommen und …" - "Wir stehen sehr unter Zeitdruck, Fräulein Jeannette, also kurz: Was haben Sie gesehen?" – "Er trug eine Sturmhaube. Deshalb konnte Herr Adler ihn nicht erkennen." – "Ist das alles?" – "Auf der Sturmhaube war ein FCM-Aufnäher angebracht." – "Kein Zweifel?" – "Ich werde ja wohl noch das FCM-Logo erkennen!", empörte sich die junge Frau. "Mein Freund arbeitet bei diesem Verein." – "Schon gut. Sie haben uns sehr geholfen. Wenn wir noch mehr wissen wollen, melden wir uns bei Ihnen. Und bei Ihnen melden wir uns, sobald das Geld bereitgestellt worden ist", beschied Heinrich den Weihnachtsmarktchef und begab sich mit Claudia in die Märchengasse.

"Sie hätten etwas freundlicher zu ihr sein können", fand Claudia. "Dieser Hinweis war doch sehr hilfreich, oder nicht?" – "Wir wissen ja noch gar nicht, ob der Kurier auch wirklich der Erpresser ist. Im Moment ist das nur eine vage Ahnung. Und bevor wir nicht …" – "Um Himmels willen!", rief Claudia. – "Was ist denn?" – "Schneewittchen hat bloß noch zwei Zwerge! Er hat wieder zugeschlagen." - Heinrich betrachtete das Märchenensemble, auf das Claudia wies. "Werden Sie nicht hysterisch", sagte er dann. "Die anderen fünf sind auf die Wand gemalt." – "Sie haben recht. Vermutlich eine weitere Sparmaßnahme." – "Wir sind ja hier auch nicht im Puppentheater." - "Machen Sie sich bitte nicht über mein Ehrenamt lustig", bat Claudia. – "Das lag nicht in meiner Absicht", erklärte Heinrich. – "Bei Ihnen weiß man ja nie", versetzte die Assistentin. "Schauen wir, was die Spusi für uns hat." – "Ich hasse diese Abkürzung! Ich hasse nahezu alle Abkürzungen. So viel Zeit, das Wort Spurensicherung komplett auszusprechen, muss sein, völlig unabhängig vom Stand der Ermittlungen." - "Als sie am Dornröschenbild eintrafen, trat der leitende Kriminaltechniker auf die beiden Ermittler zu. "Hier bringe ich euch den Kopf zurück", sagte er. "Ich habe ihn auf Fingerabdrücke und DNS-Spuren untersucht." – "Mit welchem Ergebnis?"


Teil 11: Drei Köpfe für die Prinzessin

"Ich habe den Kopf auf Fingerabdrücke und DNS-Spuren untersucht", erklärte der Kriminaltechniker. – "Bitte sag Desoxyribonukleinsäure-Spuren", ermahnte ihn Claudia. "Der Herr Hauptkommissar hasst Abkürzungen." - "Und das Ergebnis?", erkundigte sich Heinrich ungerührt. – "Ich habe zwar eine Spur extrahieren können, aber es gibt dazu keinen Treffer in der Datei. Ihr müsst mir also einen Verdächtigen bringen." – "Wir arbeiten dran. – Und wie sieht es bei euch aus?", fragte Heinrich in Richtung der Spurensicherung. – "Nichts von Belang", erwiderte der Leiter des Teams. "Wir haben zwar eine Spur, aber das wird wohl die gleiche sein. Wir checken das gleich im Labor." – "Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid. Ach, und könntet ihr der Prinzessin eben den Kopf wieder anleimen?" – "Muss das sein?" – "Es freut die Kinder und ärgert den Täter", erläuterte Heinrich. "Und es freut Claudia." – "Das ist richtig", bestätigte diese. – "Dann tun wir das natürlich gern", sagte der Teamleiter, der keine Gelegenheit ausließ, mit ihr zu flirten. – "Wer sind und was wollen Sie denn?", herrschte Heinrich einen jungen Mann an, der mit einem Sack in der Hand auf ihn zutrat. – "Erding, Atelierleiter Puppentheater. Ich bringe den neuen Kopf für Dornröschen." – "Dornröschen hat schon wieder einen Kopf", entgegnete Heinrich. "Jedenfalls gleich." – "Moment noch", rief Claudia, als der Atelierleiter sich entfernen wollte. "Zeigen Sie mal."

Also dieser hier ist viel schöner", befand sie, nachdem sie beide Köpfe verglichen hatte. – "Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!", rief Heinrich. "Soll das jetzt hier ein Casting werden, oder wie?" – "Guten Tag, mein Name ist Jahn, ich bin der Theaterplastiker", stellte sich ein weiterer Mann mittleren Alters vor. "Ich soll im Auftrag von Dr. Becker diesen Kopf hier abgeben." – "Der ist auch sehr schön", urteilte Claudia. "Obwohl mir der zweite doch etwas besser gefällt. Was sagen Sie?" – "Ich sage, dass die Spurensicherung entscheiden soll, welchen Kopf der Torso bekommt. Meinetwegen können sie auch alle drei anbringen, wenn sie sich nicht entscheiden können. – Und Sie halten sich raus, Claudia, und befragen noch einmal diese Jeannette und dann den Verkäufer der FCM-Bude hier um die Ecke. Vielleicht hat jemand bei ihm eine Sturmhaube oder einen Aufnäher gekauft." – "Und was tun Sie?" – "Ich nehme Kontakt zu den szenekundigen Beamten auf, die im Fan-Umfeld agieren. Vielleicht wissen die ja etwas."


Teil 12: Auf dem Weg ins Studio

Während Claudia sich auf den Weg zurück zur Glühweinverkäuferin machte, gab sie dem Leiter der Spurensicherung mit zwei Fingern ein Zeichen, um noch einmal zu verdeutlichen, welchen der drei Dornröschenköpfe sie favorisierte. Ihr Verehrer lächelte verschwörerisch und zeigte ihr, dass er den Kopf längst in der Hand hielt.

Die Befragung der Augenzeugin förderte keine weiteren Erkenntnisse zutage, und so begab sich die Assistentin schließlich weisungsgemäß zur Verkaufshütte des FCM. "Heiko Herzog", erwiderte der Verkäufer, nachdem Claudia sich vorgestellt hatte. "Aber du kannst mich einfach Kiwi nennen, das machen alle." – "Wie die Frucht?" – "Um Himmels willen! Wie das Getränk, Süße." – "Solche Vertraulichkeiten muss ich mir verbitten! Haben Sie gestern oder heute zufällig eine Sturmhaube mit FCM-Logo verkauft?" – "Sturmhauben, Böller und Bengalos habe ich nicht im Sortiment. Damit könnte ich zwar jede Menge Umsatz machen, aber das wäre illegal – und illegale Ware kommt mir nicht in die Hütte." – "Und wie sieht es mit einzelnen Vereinslogos aus?" – "Habe ich als Aufkleber, als Magnet, zum Aufbügeln, zum …" – "Haben Sie einen verkauft, will ich wissen?" – "Sie meinen heute?" – "Heute oder gestern." – "Ich sehe kurz nach." Herzog blätterte. "Insgesamt 285", sagte er dann. "Aber wenn es um eine Sturmhaube geht, kommen nur Aufnäher infrage, davon waren es 74." – "Vielen Dank für Ihre Mühe", versetzte Claudia und wandte sich zum Gehen. "Bleib doch noch ein wenig", rief Kiwi. "Ich kann dir alle 74 Käufer beschreiben. Wir können 74 Phantombilder zeichnen lassen. Es ist so einsam hier in der Bude …" - Claudia winkte ihm über die Schulter zu, ohne sich umzudrehen und rief Heinrich an. Sie berichtete, dass beide Befragungen ins Nichts geführt hätten und bat um weitere Anweisungen.

Der Kommissar erklärte, dass er gerade mit den szenekundigen Beamten zusammensäße und bat sie, ins Studio des Regionalsenders zu fahren, um in Erfahrung zu bringen, welche Hinweise die Hörer hatten geben können. Claudia verabredete sich mit Programmdirektor Wiese, der von zwei Dutzend Anrufern sprach, die etwas gesehen oder gehört haben wollten. Die Assistentin nahm ein Taxi und fuhr zum Hansapark. Würde unter den Hinweisen der Hörer ein sachdienlicher sein?



Teil 13: Die Anrufe der Hörer

Claudia betrat Wieses Büro und nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz. "Wollen Sie einen Kaffee?", fragte der Programmdirektor. - "Gern." – "Ich habe die Anrufe mitschneiden und Ihnen eine CD brennen lassen. Aber unter uns gesagt: All das wird Sie kaum weiterbringen. Substanzloser Klatsch und haltlose Verdächtigungen." - "Ich bin nicht hier, damit Sie mir das Konzept Ihres Senders erläutern." – "1:0 für Sie", lächelte Wiese, ohne beleidigt zu wirken. – "Mich interessiert vor allem, wie Sie an diese Information gelangt sind", erklärte Claudia. – "Ich denke, das Konzept unseres Senders interessiert Sie nicht?" konterte Wiese. – "Ausgleich", räumte Claudia ein. "Nach unseren Informationen hat der Täter selbst Sie informiert. Davon haben Sie nicht zufällig einen Mitschnitt?" – "Wir schneiden alle Höreranrufe mit. Das gehört zum Konzept unseres Senders." – "Das ich immer interessanter finde", versetzte Claudia lächelnd. "Und befindet er sich auch auf dieser CD?" – "Take one", sagte Wiese. "Wie ist der Kaffee?" – "Hervorragend", lobte Claudia. – "Tja, guter Kaffee gehört ebenfalls zu unserem Konzept." – "Er ist so gut, dass ich Sie fragen möchte, ob ich mir die CD gleich hier und jetzt anhören kann. Ich bin nämlich nicht mit dem Dienstwagen, sondern im Taxi gekommen." – "My office is your office", sagte Wiese mit ironischem Pathos und erhob sich. "Wenn Sie etwas brauchen – ich bin im Vorzimmer." - "Bei einer so attraktiven Sekretärin wundert mich das nicht." – "Attraktive Sekretärinnen …", hob Wiese an. – "Ich weiß schon: gehören zum Konzept des Senders." – "Wir verstehen uns", sagte Wiese und verließ das Büro.

Claudia legte die CD ein und hörte sich zuerst den Anruf des Erpressers an. Es war eine Allerweltsstimme ohne signifikante Auffälligkeiten. Der Täter sprach akzentfrei, knapp und unaufgeregt, und er machte keine grammatikalischen Fehler.
Dann hörte sie sich die übrigen Mitschnitte an. Wiese hatte recht: Die meisten Anrufer verdächtigten ohne konkreten Anhaltspunkt Nachbarn oder flüchtige Bekannte, denen sie so etwas "auf jeden Fall zutrauen" würden, und von denen sie wussten oder glaubten, dass sie an diesem Tag auf den Weihnachtsmarkt hatten gehen wollen. Der konkreteste Hinweis war noch der auf einen homosexuellen Friseur, der einen Salon im Breiten Weg betrieb und allgemein als Weihnachtshasser bekannt war. Aber niemand war in der Tatnacht tatsächlich auf dem Alten Markt gewesen und hatte etwas gesehen. Resigniert verließ Claudia das Büro. - Würde Heinrichs Gespräch mit den szenekundigen Beamten erfolgreicher gewesen sein?

Teil 14: Der Stand der Ermittlungen

Heinrich fuhr mit dem Dienstwagen zum Hansapark, um seine erfolglose Assistentin abzuholen. "Es ist ernüchternd", sagte diese, nachdem sie sich angeschnallt hatte. "Ich habe in der letzten Stunde drei vielversprechende Spuren verfolgt – und sie sind alle im Sande verlaufen." – "Gewöhnen Sie sich dran", erwiderte der Kommissar. "Permanente Ermittlungsfortschritte gibt es nur im Fernsehen. In der Realität bohren wir oft wochenlang, ohne auf Öl zu stoßen." – "War denn wenigstens Ihr Gespräch ergiebig?" wollte Claudia wissen. – "Ich habe schon ergiebigere Gespräche geführt", knurrte Heinrich. "Vor allem Selbstgespräche." – "Keinerlei Ansatz?" - "Ich frage mich, ob diese szenekundigen Beamten ihren Namen zu Recht führen. Ihre Kenntnis dieser Szene scheint darin zu bestehen, dass sie alles für möglich halten, aber nichts genau wissen, weil jeder Fan sie kennt, was wiederum dazu führt, dass kein einziger mit ihnen redet. Sie könnten sich vorstellen, dass die Fans mit dieser Erpressung Geld für ihren Verein besorgen wollen, um neue Spieler für die Rückrunde mit der ersehnten Aufholjagd zu finanzieren, oder um die von den Fans verursachten Geldstrafen bezahlen zu können. Mutmaßungen kann ich auch alleine anstellen!", schloss Heinrich ungehalten. "Diese Szene scheint übrigens viel größer zu sein, als ich dachte", räumte Claudia ein. "Kiwi, der Budenverkäufer, hat allein von gestern bis heute 74 Aufnäher verkauft." – "Wir waren mal EC-Sieger", erklärte Heinrich. "Und ich glaube auch nicht, dass diese blau-weiße Spur uns weiterbringt. Es ist leicht, sich so eine Mütze aufzusetzen und damit den Verdacht auf Fans zu lenken, die ja sowieso immer verdächtig sind. Ich denke, das war ein Ablenkungsmanöver."

"Also haben wir im Prinzip gar nichts", fasste Claudia zusammen. "Wir stehen wieder am Anfang." - "So würde ich das nicht sagen", widersprach Heinrich. "Am Anfang hatten wir ein kopfloses Dornröschen. Jetzt hat Ihre Hoheit wieder einen Kopf – und der ist sogar schöner als der, den sie vorher hatte. Jedenfalls Ihrer Meinung nach." – "Ach, das haben Sie bemerkt?" – "Ich bin Polizist, Claudia. Außerdem haben wir eine Geldforderung, einen Übergabeort und einen Zeitpunkt. Und wir wissen, dass der Täter, dessen DNS wir haben, sich sicher fühlt und seine Spielchen mit uns treibt. Kurz und gut: Wir haben ihn fast." – "Haben Sie tatsächlich eine Idee, wer es sein könnte?"

Teil 15: Noch drei Stunden bis zur Geldübergabe

"Ich habe eine ganze Reihe von Ideen, wer der Täter sein könnte", erklärte Heinrich. "Aber es gibt keine wirklichen Anhaltspunkte, geschweige denn ernstzunehmende Indizien oder gar Beweise." – "Für mich kommt immer noch Ted Adler in Frage", äußerte Claudia ihren Verdacht. "Diese Jeannette könnte mit ihm unter einer Decke stecken." – "Weil er als Weihnachtsmarktchef zugleich der Pate der Glühwein-Mafia ist?" – "Ist er das denn nicht?" – "Und er erpresst sich selbst, um seine ungeheuren Gewinne am Fiskus vorbeizuschleusen?" – "Ist doch möglich." – "Ich sage es ja: Sie gucken zu viele Krimis." – "Tun Sie doch nicht immer so, als würden wir hier in Niederndodeleben ermitteln!", versetzte Claudia trotzig. "Wir sind eine Großstadt, also gibt es hier auch organisierte Kriminalität." – "Und die äußert sich in geköpften Märchenfiguren und Glühweinverkäuferinnen, die Falschaussagen machen?", höhnte Heinrich. "Außerdem haben Sie doch die Stimme des Erpressers gehört. Klang der wie Adler?" – "Nein", gab Claudia zu. "Aber vielleicht ist er ein geschickter Stimmen-Imitator. Immerhin kommt er eigentlich aus dem Show-Business. Oder er war es gar nicht selbst, sondern hat einen Dritten für sich anrufen lassen." – "Vermutlich einen Schmalzkuchenbäcker, denn deren Pate ist er ja auch."

Claudia schwieg beleidigt. "Es sind noch knapp drei Stunden bis zur Geldübergabe", stellte Heinrich fest. "Und man darf auch in einer Sackgasse nicht resignieren. Da es im Moment keine anderen Ermittlungsansätze gibt, schlage ich vor, dass Sie sich Ihren Verehrer von der Spurensicherung schnappen und mit ihm den Übergabeort untersuchen." – "Ich weiß nicht, wen Sie meinen", sagte Claudia errötend. – "Und ob Sie das wissen! Ich setze Sie im Präsidium ab." – "Und fahren dann wohin?" – "Ich fahre zum Weihnachtsmarkt und rede mit Ihrem Hauptverdächtigen." – "Also doch!", triumphierte die Assistentin. – "Ich will nur von ihm wissen, wer zuerst bemerkt hat, dass die Prinzessin so kopflos war."

Sie hielten hinter dem Präsidium und Claudia stieg aus. "Es war das zweite ,O‘, richtig?" – "Flussaufwärts", präzisierte der Kommissar. "Es muss einen Grund dafür geben, dass es gerade dieser Buchstabe ist." –

Claudia machte sich auf den Weg zu ihrem Verehrer. Würde es am Übergabeort tatsächlich irgendwelche Hinweise geben?

Teil 16: Die Glühweinverkäuferin

Während Claudia im Wagen der Spurensicherung mit ihrem Verehrer zum vermutlichen Übergabeort auf der Hubbrücke fuhr, um nach möglichen Hinweisen auf den Täter zu suchen, begab sich Heinrich erneut auf den Weihnachtsmarkt, um noch einmal Ted Adler zu befragen.

Der Weihnachtsmarktchef erwartete ihn am Tatort, dem Schloss von Dornröschen, und ruderte aufgeregt mit den Armen, als er den Kommissar in der hereinbrechenden Dämmerung in der Menge wahrnahm.

"Die Köpfe sind verschwunden!" rief er aufgebracht, als Heinrich in Rufweite war. "Jedenfalls zwei davon. Dahinter steckt doch der Erpresser, oder?" -"Wohl kaum, denn da sie ja zumindest einen Kopf hat, wäre das kein besonders wirksamer Sabotageakt", beruhigte ihn der Kommissar. Wer will denn eine Prinzessin mit drei Köpfen sehen?!" – "Es gibt sehr viele kranke Menschen", gab Adler zu bedenken. – "Aber es dürfte kaum das Ziel des Täters sein, Perverse durch den Anblick einer Prinzessin zu schockieren, die nur einen einzigen Kopf hat", wandte Heinrich ein. "Jedenfalls glaube ich das nicht. Ich bin eigentlich gekommen, um …" – "Herr Adler, da sind Sie ja!", rief Jeannette, die beim Weihnachtsengel-Casting gescheiterte Glühweinverkäuferin, die mittags den verdächtigen Fahrradkurier beobachtet hatte, und plötzlich atemlos vor ihnen stand. "Vor unserer Hütte wird mit einem Dornröschenkopf Fußball gespielt!" – "Na, sehen Sie", versetzte Heinrich gelassen. "Das Schicksal des ersten Kopfes ist geklärt. Und den anderen hat der Theaterplastiker vermutlich wieder mitgenommen." – "Wollen Sie denn nicht eingreifen?", fragte die junge Frau erstaunt. – "Nein", sagte Heinrich. "Das ist Sache des Ordnungsdienstes." – "Ich werde mich sofort darum kümmern", rief Adler. "Wir sind doch hier nicht auf einem Dorffest!" – "Oder auf dem Fußballplatz", sprang Jeannette ihm bei. – "Das haben wir gleich!", verkündete Adler entschlossen. - "Einen Moment noch", bremste ihn der Kommissar. "Sie sagten, der fehlende Kopf wurde bei der Marktöffnung bemerkt." –"Wenn Sie wissen, was ich gesagt habe, warum fragen Sie dann noch mal?" – "Haben Sie selbst das festgestellt?" – "Nein." – "Wer war es dann?" – Adler zögerte und blickte Jeannette an. – "Nun reden Sie schon!", befahl Heinrich.

Teil 17: Liebeserklärung auf der Hubbrücke

"Nun reden Sie schon!", rief Heinrich. "Wer hat zuerst bemerkt, dass die Prinzessin kopflos ist?" – "Also gut, das war mein Lebensgefährte", sagte Glühweinverkäuferin Jeannette zögernd. "Jedenfalls sagt das Herr Adler." – "Könnten Sie etwas genauer werden?" – "Mein Freund hat mich heute früh zur Arbeit gefahren, weil die Busanbindung in unserer Gegend so … " – "So genau nun auch wieder nicht", korrigierte Heinrich. – "Jedenfalls kam er ein paar Minuten später zu mir", ergänzte Adler, "und meinte, ich solle mir mal das Dornröschen-Bild ansehen. Und dann war er ganz schnell wieder verschwunden." -"Und wie bewerten Sie dieses plötzliche Verschwinden? Hat es auf Sie verdächtig gewirkt?" – "Ich bewerte gar nichts, ich berichte nur." – "Er verschwindet immer sehr schnell", versicherte Jeannette. "Und sehr oft." – "Haben Sie seitdem noch einmal Kontakt mit ihm gehabt?" – "Nein." – "Also gut, Frau …" – "Rose." – "Sie sagten, er würde beim FCM arbeiten. In welcher Funktion?" – "Er ist Zeugwart." – "Sein Name?" – "Hummel. Uwe Hummel." – "Und wo finde ich ihn jetzt?" – "Im Stadion." – "Danke."

Während Heinrich sich auf den Weg in die MDCC-Arena machte, langten Claudia und ihr Verehrer auf der Hubbrücke an und begaben sich zu jenem Buchstaben des Nannucci-Schriftzuges, an dem sich Ted Adler knapp drei Stunden später mit 100000 Euro bereithalten sollte.

Die Buchstaben leuchteten in der Abenddämmerung und der Leiter der Spurensicherung streifte wie zufällig Claudias Arm. "Von hier aus noch viel weiter", flüsterte er. "Was fällt Ihnen dazu ein, Claudia?" – "Das zweite O ist das O in noch", stellte Claudia fest, ohne auf die Frage einzugehen. "Das ist ziemlich genau die Mitte." – "Ich liebe dich", sagte der Kriminaltechniker. - "Wie bitte?!" – "Das steht auf der Bohle bei diesem Buchstaben. - "Genauer gesagt steht hier: Röschen, ich liebe dich. Dein Dickerchen." – "Wir sind nicht hier, um uns die Bohlen-Botschaften durchzulesen, sondern um nach Spuren oder Hinweisen zu suchen", versetzte Claudia. – "Diese Liebeserklärung kann doch ein solcher Hinweis sein." – "Und worauf weist sie uns hin? Ich kann aus der Tatsache, dass ein Dickerchen ein Röschen liebt, keinerlei Erkenntnisgewinn ziehen, der uns in diesem Fall weiterbringt." – Die meisten Verbrechen werden aus Liebe begangen", dozierte ihr verliebter Kollege. "Und meinen Sie wirklich, dass die Ähnlichkeit zwischen Röschen und Dornröschen Zufall ist?"

Teil 18: Im Kabuff des Zeugwarts

"Sie haben recht", räumte Claudia ein, "es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet neben dem zweiten O, an dem Dornröschens Henker das Geld entgegennehmen will, von Röschen die Rede ist. Unser Dickerchen hat sich gerade zum Hauptverdächtigen gemausert." – "Ich hätte auch eine Bohle für Sie gravieren lassen, Claudia", erklärte der Leiter der Spurensicherung. – "Und warum haben Sie es nicht getan?" – "Als Sie in mein Leben traten, gab es keine mehr", behauptete er. "Ich hole das nach, wenn es an der Tauben Elbe weitergeht." – "Ich werde Sie daran erinnern", kündigte Claudia an. "Ich muss Heinrich informieren. Und dann müssen wir Kontakt zu diesem Verein zum Erhalt der Hubbrücke aufnehmen."

Heinrich erhielt den Anruf seiner Assistentin, als er über den Heinz-Krügel-Platz durch den Haupteingang des Stadions fuhr. Er parkte vor dem Funktionsgebäude. "Interessant", stellte er fest, als Claudia ihm das Ergebnis ihrer Ermittlungen mitgeteilt hatte. "Und es wird noch interessanter, wenn ich Ihnen sage, dass unsere Glühweinverkäuferin, die den Fahrradkurier gesehen, aber nicht erkannt haben will, Rose heißt. Finden Sie heraus, wer die Bohle in Auftrag gegeben hat. Ich melde mich wieder."

Heinrich legte auf und ging auf einen schlaksigen Mann in den 50ern zu, der ihn unverhohlen musterte und sich mit offenem Mund und vor der Brust verschränkten Armen zu fragen schien, was er hier wolle. "Heinrich, Kripo Magdeburg." – "Erwin, FCM", erwiderte der Angesprochene. – "Hauptkommissar Heinrich! Ich bin auf der Suche nach Zeugwart Hummel." – "Der ist in seinem Kabuff, hörst du das nicht?" Der Kommissar sah ihn fragend an. "Da unten links, Mensch."

An der Wand neben dem Seiteneingang lehnte ein Mountainbike. Heinrich nahm nun in der Tat die Musik wahr, die aus dem bezeichneten Raum drang. Es war eine der Vereinshymnen, und jemand sang sie aus voller Kehle mit. Als sich auf sein Klopfen niemand meldete, öffnete der Kommissar die Tür. Der Raum war bis auf Berge von verschwitzter Trainingskleidung leer. Der vermeintliche Live-Gesang dröhnte gemeinsam mit der Aufnahme aus den Lautsprechern.

Teil 19: Die DNS des Hauptverdächtigen

Heinrich stoppte die CD, auf der die Studioaufnahme der Vereinshymne und der vermeintliche Live-Gesang des Zeugwarts übereinander gelegt worden waren, und verstaute sie in seiner Manteltasche. Dann eilte er zurück auf den Vorplatz, wo der schlaksige Mitarbeiter namens Erwin noch immer herumstand und die weitere Entwicklung der Dinge in Ermangelung einer anderen Aufgabe abzuwarten schien.

"Ich habe noch ein paar Fragen", rief Heinrich. "Schieß los", entgegnete Erwin. – "Zunächst einmal möchte ich, dass Sie mir Ihren vollen Namen sowie Ihre Funktion nennen, und dann muss ich Sie bitten, mich zu siezen." – "Wir sind hier nicht bei euch auf der Wache, sondern bei mir im Stadion." – "Es ist mir egal, ob sich hier sonst alle duzen. Ich kann Sie auch dann noch bitten, mich zu siezen, wenn wir gemeinsam Schweine hüten." – "Kein Bedarf. Ich heiße Erwin Naumann und bin der Platzwart." – "Wann haben Sie Herrn Hummel zuletzt gesehen, Herr Naumann?" – "Ist er denn nicht in seinem Kabuff?" – "Nein, da war nur seine Stimme, die sich jetzt gemeinsam mit seiner DNS in meiner Manteltasche befindet. Also wann?" – "Nach dem Vormittagstraining. Er sagte, er habe noch ein paar Stunden zu tun, und ich solle ihn heute mal nicht nerven." – "Ich brauche eine Zeitangabe, Herr Naumann." – "Kurz nach eins." – "Und wann ist er zum Dienst erschienen?" – "Kurz vor zehn." – "Und war er die gesamte Zeit über hier?" – "Keine Ahnung, ich hab schließlich selber mein Tun." – "Wem gehört dieses Fahrrad?" – "Das ist seins. Damit fährt er immer von der Kabine zum Trainingsplatz, die faule Sau." – "Ich habe eher den Eindruck, dass er heute sehr fleißig war. Sie haben mir sehr geholfen, Herr Naumann."

Als er in den Wagen gestiegen war, klingelte das Handy des Kommissars. "Ich habe interessante Neuigkeiten", meldete sich Claudia. – "Ich auch", entgegnete Heinrich. "Und ich weiß sogar, welche Sie haben. Der Name des Stifters der Hubbrücken-Bohle für das geliebte Röschen lautet Uwe Hummel, richtig?" – "Falsch", sagte Claudia. – "Dann sind wir doch nicht so weit, wie ich dachte. Wir treffen uns in zehn Minuten an der Glühweinhütte, in der Frau Rose arbeitet."

Es waren keine zwei Stunden mehr bis zum Zeitpunkt der Geldübergabe. Würde es Ihnen gelingen, den Täter noch vorher zu fassen?

Teil 20: Wer ist der anonyme Spender?

Als Heinrich an der Glühweinhütte, in der Jeannette Rose arbeitete, eintraf, wurde er von seiner Assistentin bereits erwartet. "Und ich war so sicher, dass wir jetzt den versprochenen Glühwein trinken würden", gestand er. "Der Freund unserer Zeugin hat sich im Stadion selbst ein Alibi zu organisieren versucht und wäre vermutlich sogar damit durchgekommen, wenn ich nicht nach ihm gesucht hätte. Ich habe die CD, mit der er alle täuschen wollte, auf der ist mit Sicherheit seine DNS. Und es spricht alles dafür, dass er auch der Fahrradkurier war." – "Ich denke, er hat seine Freundin mit dem Auto zur Arbeit gefahren?" – "Er hat im Stadion ein Fahrrad. Und er konnte durchaus unbemerkt für eine halbe Stunde verschwinden. Alles hätte zusammen gepasst, wenn auch die Bohle auf der Hubbrücke von ihm gestammt hätte." – "Tut sie aber nicht. Der Verein, der die Bohlen verkauft hat, versichert hoch und heilig, dass der Spender dieser Bohle nicht Hummel heißt." "Und wie heißt er stattdessen?" – "Das wollen sie uns nicht sagen." – "Wo kommen wir denn da hin?! Das sind doch keine Anwälte oder Journalisten, die sich auf Mandanten- oder Informantenschutz berufen können!" – "Sie bitten uns um Verständnis. Es gibt wohl eine ganze Reihe von Spendern, die anonym bleiben wollten. Dieses Versprechen möchten sie gern halten." – "Da sehen Sie mal, wohin das schlechte Beispiel von Altkanzlern führen kann, Claudia." – "Mir wurde heute auch eine solche Bohle versprochen", berichtete Claudia. – "Schön für Sie." – "Von einem verheirateten Mann." – "Der Leiter der Spurensicherung ist verheiratet?" – "Allerdings." – "Davon hatte ich keine Ahnung. Er ist noch auf jedem Betriebsfest allein aufgetaucht." – "Er wird seine Gründe haben. Aber worauf ich hinaus will: könnte es in diesem Fall nicht ähnlich sein?" – "Sie meinen, es ist zwar sehr wohl Fräulein Rose gemeint, aber das Dickerchen ist gar nicht ihr Freund, sondern ihr Liebhaber?" – "Etwas in der Art."

Teil 21: Der prompte Fahndungserfolg

"Lassen Sie sie sofort zur Fahndung ausschreiben! Alle beide!" wies Heinrich Claudia an und schlug mit der flachen Hand auf die Glühweintheke. - "Immer schön ruhig, Meister!" rief der Hüttenwirt. Der Kommissar verlor die Beherrschung. "O nein!" rief er. "Ich bleibe ruhig, wenn ich es für richtig halte! Und ich bin kein Meister, sondern Kriminalhauptkommissar! Und wenn Sie mich nicht sofort siezen, lasse ich das Gesundheitsamt kommen und bei Ihnen mal nach dem Rechten sehen!" – "Woher sollte ich denn wissen, dass Sie ein Bulle sind, Kommissar? Da ist Meister natürlich eine üble Degradierung. Und die Hygiene-Fritzen können ruhig kommen, bei mir ist alles in Ordnung." – "Die Fahndung ist raus, Herr Heinrich", schaltete sich Claudia ein. – "Darf ich wenigstens dich duzen, Süße?" wandte der Wirt sich an diese. – "Nein!" riefen der Kommissar und seine Assistentin wie aus einem Munde. – "Das bedeutet ein weiteres Jahr Zusammenarbeit", konstatierte Heinrich. – "Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen", versetzte sie; und diesmal war er es, der nicht sicher war, ob sie scherzte oder es ernst meinte. – "Lassen Sie uns woanders hingehen", unterbrach er das ein wenig peinliche Schweigen. "Sonst bringt mich dieser Typ noch dazu, einen Anlass für meine Suspendierung zu liefern."

Als sie unter dem Goldenen Reiter entlang liefen, meldete sich Claudias Handy. Während seine Assistentin telefonierte, winkte der Kommissar Ted Adler herbei, den er in der Nähe entdeckt hatte. –"Das ging ja fix!" rief Claudia, nachdem sie aufgelegt hatte. "Eine Zivilstreife, die das Vereinshaus einer Motorradgang observiert, hat unsere Freundin dingfest gemacht, als sie den Club gerade betreten wollte. Sie bringen sie her." – "Interessant", versetzte Heinrich, während Adler, der inzwischen herbeigeeilt war und Claudias Bericht mit angehört hatte, erbleichte.

Final: Alles wegen der Liebe

Letzte Folge, gespielt auf dem Weihnachtsmarkt:
(Claudia und Heinrich treten mit Glühwein auf.)
Claudia: Den haben wir uns jetzt aber verdient!
Heinrich: Moment noch, Claudia. Wenn wir den Täter haben, sagte ich.
Claudia: Aber die Zivilstreife bringt ihn uns doch gerade.
Heinrich: Aber noch ist er nicht hier.

Claudia: Aber jetzt. (Die Streife führt Uwe Hummel zu.)
Heinrich: Warten wir noch das Geständnis ab.
Hummel: Ich gestehe hier gar nichts.
Heinrich: Das ist auch gar nicht nötig, es genügt vollkommen, wenn Sie uns eine Speichelprobe geben.
Hummel: Nicht ohne richterliche Verfügung.
Heinrich: Ziehen Sie doch die Sache nicht unnötig in die Länge. Die bekommen wir jederzeit.
Claudia: Und wir wissen ohnehin schon alles.
Hummel: Sie wissen gar nichts!
Heinrich: Herr Adler war auf einmal sehr gesprächig.
Claudia: Und Ihre Freundin ebenfalls.
Hummel: Die wissen nichts von mir! Nichts!
Heinrich: Die wissen vielleicht nicht, wie Ihnen zumute ist, aber jeder normale Mensch hat zumindest eine Ahnung davon.
Claudia: Man hat Ihren Kopf doch durch die Sturmhaube förmlich glühen sehen vor Zorn.

Hummel: Welche Sturmhaube?
Heinrich: Die mit dem FCM-Emblem, die sie als Fahrradkurier trugen.
Hummel: Das kann schon mal nicht sein. Mit FCM-Zeug sehen Sie mich nur im Dienst, nicht in der Freizeit. Ich arbeite zwar bei diesem Verein, aber ich bin eigentlich Bayern-Fan. Bitte sehr. (Er zeigt sein Bayern-Tattoo.)
Claudia: Umso geschickter die Tarnung.

Heinrich: Wenn Sie solche Gedächtnislücken haben, dann erzählen wir Ihnen, was passiert ist. Sie hatten vermutlich schon lange den Verdacht, dass Ihre Freundin ein Verhältnis hat.
Claudia: Und eines Tages hatten Sie Gewissheit. Und Sie fanden außerdem heraus, mit wem.
Heinrich: Sie unterdrückten mit viel Mühe Ihre Wut und schmiedeten stattdessen einen Plan, wie Sie sich an allen beiden rächen konnten.
Claudia: Nämlich an Jeanette Rose alias Röschen alias Dornröschen - sowie an Ted Adler alias Dickerchen.
Heinrich: Zunächst rissen Sie Donröschen stellvertretend für Frau Rose den Kopf ab und stießen Ihren Rivalen mit der Nase darauf, ehe Sie ihm den Kopf mitsamt Ihren Drohungen zuschickten.
Claudia: Und damit das alles einen Sinn ergab und niemand auf die Idee kam, dass dahinter nur Eifersucht steckte, forderten Sie Geld von Adler.
Heinrich: In Wahrheit ging es Ihnen gar nicht um das Geld, sondern Sie wollten ihn nur in Angst und Schrecken versetzen.
Claudia: Was Ihnen übrigens gelungen ist. Der Mann war völlig durch den Wind.
Hummel: Wenigstens was.

Heinrich: Ihre Freundin hat Sie in dem Fahrradkurier trotz der Sturmhaube natürlich erkannt – und hat ganz bewusst eine Beschreibung geliefert, die uns nicht weiterbrachte.
Claudia: Und nun war natürlich auch sie völlig aufgelöst. Und Ted Adler ahnte ebenfalls längst, was da lief, wollte aber nicht, dass seine Liaison öffentlich wurde, während er natürlich gleichzeitig daran interessiert war, dass wir Sie stoppten, also benahm er sich etwas rätselhaft.
Heinrich: Und damit er am Ende aber auf jeden Fall begriff, dass sie über die Affäre Bescheid wussten, und sich noch mehr ängstigte, schickten Sie ihn exakt zu jener Bohle, die er Jeanette anonym gestiftet hatte.
Hummel: Das dumme Schwein!

Claudia: Was Sie nicht wissen konnten, Herr Hummel: die Affäre zwischen den beiden war längst zu Ende.
Hummel: Was?!
Heinrich: Röschen hat sich mit Dickerchen nur deshalb eingelassen, weil sie mit seiner Hilfe das Weihnachtsengel-Casting gewinnen wollte.
Hummel: Dieses verdammte Flittchen!
Claudia: Doch Adler ist zwar mächtig, aber nicht bestechlich.
Heinrich: Als er sich weigerte, für sie hinter den Kulissen Strippen zu ziehen, hat sie sich sofort von ihm getrennt.
Hummel: Verdammt!
Claudia: Aber nicht nur Ted, sondern auch Jeanette war anständiger, als Sie dachten: sie wollte Sie schützen und Sie aufhalten, ehe Sie sich noch tiefer ins Unglück stürzten.

Heinrich: Denn als ich zum Stadion fuhr, wusste sie, dass wir Ihnen auf der Spur waren, und hat das Schlimmste zu verhindern versucht.
Hummel: Und das sollte was sein?
Claudia: Sie waren bei einer Motorrad-Gang, der Sie nahe stehen, dort haben unsere Kollegen Sie ja schließlich auch festgenommen.
Hummel: Da war ich nur, weil wir uns nahe stehen, wie Sie schon sagten.
Heinrich: Und beinahe hätten Sie dafür ein wasserdichtes Alibi gehabt. Und müssten jetzt hier nicht so verzweifelt lügen.
Claudia: Ihre Freunde haben Sie längst fallen lassen und hübsch gesungen.
Hummel: Das glaube ich Ihnen nicht! Niemals!
Heinrich: Ihre tätowierten Kumpanen sollten dem Mann, der um 19 Uhr auf der Hubbrücke am zweiten "O" steht, einen Denkzettel verpassen – die Belohnung habe er bei sich.
Claudia: Ein ziemlich guter Preis für ein paar Faustschläge.
Heinrich: Fast wie bei Robert Stieglitz.
Hummel: Das habe ich doch nicht ernst gemeint, ich wollte doch nur …
Heinrich und Claudia zugleich: Abführen!
Hummel: (während er abgeführt wird) Ich liebe diese Frau!!!

Claudia: Der Leiter der Spurensicherung hatte recht: die meisten Verbrechen werden aus Liebe begangen.
Heinrich: Selbst der Ehebruch.
Claudia: Und wir haben schon wieder im selben Moment dasselbe gesagt.
Heinrich: Das bedeutet ein weiteres Jahr an meiner Seite.
Claudia: Dann wird es Zeit, dass wir anstoßen.
Heinrich: Auf dich, Claudia.
Claudia: Auf dich … wie heißt du eigentlich mit Vornamen?
Heinrich: Das möchte ich lieber nicht laut sagen. (Er flüstert ihr ins Ohr.)
Claudia: Verstehe. – Prost!
Beide: Prost!

 

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