Magdeburg l "Im Alltag macht sich der Verlust meines Mannes darin bemerkbar, dass er nicht mehr der Gesprächspartner ist, der er einmal war. Das war hart, dies zu begreifen", sagt Brigitte Richter. Binnen weniger Wochen haben sich vor vier Jahren die Symptome der schweren Demenz bei Edgar Richter u. a. in Wahrnehmungsverlusten gezeigt. "Er hat mich weggestoßen und nicht mehr erkannt", nennt die 66-Jährige Beispiele.

Als ihr Mann aus der Geriatrie nach Hause entlassen wurde, "war ich völlig überfordert damit, wie ich mich verhalten kann". Schließlich stieß sie auf die Alzheimer-Gesellschaft. Doch es dauerte noch einige Zeit, ehe sie den Mut fasste, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele Tränen begleiteten Brigitte Richter in dieser Zeit. "Vieles wie Symptome und Verlauf der Krankheit musste ich mir erst anlesen und Leistungen bei der Krankenkasse einfordern. Ich bin nun allein für uns zwei verantwortlich", sagt sie.

Edgar Richter leidet an einer frontotemporalen Demenz, auch Pick-Krankheit genannt, die bei 3 bis 4 Prozent der Erkrankten auftritt. Bei ihr findet der Abbau von Nervenzellen zunächst im Stirn- und Schläfenbereich (Fronto-Temporal-Lappen) des Gehirns statt. Bei ihrem Ehemann äußere sich dies durch eine gewisse Überdrehtheit, beschreibt Brigitte Richter: "Ich nenne es kurzgefasst Verhaltensdemenz. Er ist nicht aggressiv, sondern krille." Ein schlechtes Gewissen, den Partner womöglich abzuschieben, wenn er die Tagespflege in Diesdorf besucht, brauche sie nicht mehr zu haben. "Die Atmosphäre ist sehr familiär, er fühlt sich sehr wohl hier, weil in dem alten Haus Erinnerungen an früher, an seine Jugend wiederkehren", so Brigitte Richter. Für sie ergibt sich dann die Zeit, die für den Haushalt, Einkauf "oder eine ganz persönliche Auszeit zur Verfügung steht".

Pflegende Angehörige wie Brigitte Richter würden aufgrund der gestiegenen Verantwortung oft an ihre Grenzen stoßen und eine mentale Betreuung benötigen, berichtet Birgit Opitz, Leiterin der Alzheimer-Gesellschaft. "Für sie bricht in der Regel mit der Diagnose eine Welt zusammen. Es gilt ihnen zu zeigen, dass das Leben weitergeht." Um den Übergang von der heimischen Wohnung zum Tagesaufenthalt in Diesdorf so angenehm wie möglich zu machen, ist das Haus und auch der Tagesablauf so gestaltet worden, "als wären wir eine große Familie, die sich gemeinsam beschäftigt und den Tag miteinander verbringt", so Mitarbeiterin Diana Bamme.

Dies ist kein pathetischer Spruch, wie sich beim Blick in die Einrichtung am Denkmal zeigt. Die Dementen sind im Alltag integriert. Sie übernehmen je nach Leistungsvermögen und Stadium ihrer Erkrankung Aufgaben wie Tischdecken. Küche und Gemeinschaftszimmer wirken wohnlich und sind gemütlich mit Couch und Sesseln eingerichtet. 15 bis 22 Demente im Alter von 60 bis 90 Jahren besuchen täglich die kleine Villa, die von Montag bis Freitag geöffnet ist.

Die Anzahl der an Demenz Erkrankten in Magdeburg sei unklar, so Birgit Opitz. Etwa 1,3 Millionen Deutsche sind von der Krankheit betroffen. Es gebe eine große Dunkelziffer. "Leider ist es so, dass man sich mit der Krankheit abfinden muss, wenn die Diagnose steht. Es gibt keine Besserung des Gesundheitszustandes. Betroffene und Angehörige müssen lernen, damit umzugehen und zu leben. Nichts wird einmal wieder so wie es einmal war", macht sie deutlich. Angehörige würden nicht verstehen, wenn der erkrankte Partner "in seiner Welt angekommen ist". Opitz: "Er bleibt trotz allem eine Persönlichkeit." Und als diese sei er auch zu behandeln. Solange sie Aufgaben zum Beispiel im Haushalt und im Garten übernehmen können, "sollen Erkrankte diese auch weiter ausführen, damit sie sich nicht als Kranke behandelt fühlen", so die Leiterin. Man handele nach dem Prinzip "Fördern und fordern".

Umfeld einweihen

Gefördert werden auch Angehörige. Etwa beim Ablegen der Scham, dass der Partner an Demenz leidet. "Der Gedanke `Das darf niemand wissen` begegnet uns bei Gesprächen oft. Daher der Rat, das Umfeld und Familienangehörige einzuweihen und auf die neuen Lebensumstände hinzuweisen, um auch die eigene psychische Belastung zu minimieren", macht Birgit Opitz deutlich. Genauso gelte es, die Dementen nicht zu unterschätzen, "denn sie sind nicht 24 Stunden dement, sie haben durchaus ihre `hellen Momente`, wie man sagt", verweist sie.

Die Alzheimer-Gesellschaft mit Sitz in Diesdorf ist eine von verschiedenen Anlaufmöglichkeiten für Betroffene und Angehörige in der Stadt. Der Verein werde in verschiedenen Bereichen wie der Betreuung der Tagesgäste und innerhalb eines Fahrdienstes von Ehrenamtlichen unterstützt. "Unterstützung etwa durch die Leseraktion der Volksstimme und die Winterzaubergala helfen unserem kleinen Verein immens weiter", so Birgit Opitz.