Zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen sorgt das Salbker Lesezeichen für Negativ-Schlagzeilen. Nach wiederholtem Vandalismus an der Freiluftbibliothek steht nun die Bücherausleihe im benachbarten Ladengeschäft des Bürgervereins Salbke auf dem Spiel. Nach dem Verkauf des Hauses setzt der neue Eigentümer den Verein auf die Straße.

Salbke. Die Adresse Alt-Salbke 75 ist so etwas wie ein kulturelles Refugium in Salbke. Dort, wo sich leer stehendes Geschäft an leer stehendes Geschäft reiht, macht diese Hausnummer im Salbker Engpass eine wohltuende Ausnahme. Statt zugeklebter Fensterläden sieht der Passant durch die Panoramascheiben geschäftiges Treiben zwischen Dutzenden von Bücherregalen. Doch wie lange noch?

Gestern Morgen jedenfalls war die Kündigung durch den neuen Eigentümer unter ehrenamtlichen Beschäftigten und den Bücherfreunden das Gesprächsthema: "Was? Unsere Bibliothek soll hier raus? Das finde ich ungeheuerlich", sagt Lesefreundin Gisela Erhard, als sie einen Korb voller Bücher zur Bibliothek bringt. Sie ist eine Stammkundin in der Bibliothek und war schon zu Zeiten dabei, als die Bücherausleihe noch schräg gegenüber im "Miele"-Laden beheimatet war. Als dann dort die Regale vor lauter Bücherspenden zu brechen drohten, sprang die Wobau der Bibliothek beiseite und gab dem Bürgerverein Salbke-Westerhüsen-Fermersleben in dem Eckhaus die unterste Etage als Heimstätte. 128 Quadratmeter misst seitdem die Salbker Kulturinsel, die noch mehr ist als nur Ausleihe. Sie ist auch Heimstätte für Singekreis, Sprachkurse, Malzirkel oder einfach nur zum Klönen.

Umso unverständlicher ist nun die Kündigung. "Wir sollen die Räume bis zum 30. September verlassen", sagte gestern ein sichtlich enttäuschter Rainer Mann, zweiter Vorsitzender des Bürgervereins Salbke. Am Montag gab es deswegen eine Krisensitzung, am Dienstag eine zweite zur Frage der Öffentlichkeitsarbeit - allein eine Lösung ist noch nicht in Sicht.

Hintergrund der Kündigung ist der Umstand, dass vor vier Jahren die Wohnungsbaugesellschaft Wobau die Räume in einem Haus zur Verfügung stellte, das schon damals zum Verkauf stand. Dieser über Jahre angestrebte Eigentümerwechsel ist nun über die Bühne gegangen - und damit auch die Kündigung. Ein Wobau-Sprecher beeilte sich denn auch mitzuteilen: "Nicht die Wobau, sondern der neue Eigentümer hat gekündigt." Nach seinen Angaben handelte es sich bei dem Gebäude Alt Salbke 75 um das einzige Objekt, das der Wobau in diesem Stadtteil gehörte und dem Verein vier Jahre lang für eine symbolische Miete und sehr gern zur Verfügung gestellt worden sei. Allerdings stehe das Haus auch ebenso lange zum Verkauf - das sei auch nie ein Geheimnis gewesen. Die Wobau sei gern bereit, den Verein weiterhin zu unterstützen. Allerdings könne sie das nur in anderen Stadtteilen tun.

Zurück bleibt nun ein Verein, der vorerst ratlos ist und schon mal als erste Konsequenz das Salbker Stadtteilfest im September absagte. "Da werden wir wohl anderes zu tun haben als zu feiern", so Rainer Mann Der Verein hofft nun, dass sich doch noch eine Lösung auftut, die das Überleben des in Magdeburg wohl einzigartigen Projektes sichert.

Dafür wären aber adäquate Räume im nahen Umkreis des jetzigen Standortes notwendig, denn das Freiluft- und das Laden-Lesezeichen gehören zusammen. Schlimmstenfalls, so Rainer Mann, müsse man auf die Variante B zurückgreifen, die da heiße: Einlagerung der Bücher. Doch davor hat Mann wie seine Mitstreiter Angst: "Wenn erst einmal etwas tot ist, wird es schwer, es wieder zum Leben zu erwecken."