Im Kampf mit den Bauvorschriften droht für das Marionettentheater "Arcanum" noch vor der Premiere der letzte Vorhang zu fallen. Die Betreiber sehen sich vom Amt im Stich gelassen. Das pocht jedoch auf Sicherheit.

Stadtfeld-West l "Ich stehe mit dem Rücken zur Wand", sagt Jens Thermann geknickt. Wie man die Puppen über die Bühne tanzen lassen kann, weiß er. Doch für die unzähligen Bauvorschriften für ein eigenes Theater muss er sich selbst als Marionette in fremde Hände begeben.

Seit 2008 fährt er mit seinen Märchenfiguren und Tieren von Fest zu Fest und unterhält Kinder mit spannenden Geschichten. "Wir hatten keine Werkstatt, kein Lager, keine Bühne. Irgendwann dachten wir, wir riskieren es", erinnert er sich. Im Mai 2011 stieß er mit Betriebsberater Andreas Otto, der Existenzgründer auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet, auf das Objekt am Westring. Früher gab es dort Herrenmode von Schreiber und Sundermann, nach der Wende kochte man bis 1996 chinesisch. Seitdem standen die Räume leer, bis Jens Thermann mit seinen Marionetten kam.

Im August vergangenen Jahres wurde er im Bauordnungsamt vorstellig und zeigte seine großen Pläne für ein kleines Theater. Doch Ernüchterung: Ein Bauantrag sei nötig, da es sich um eine Nutzungsänderung handele. Neben einem kleinen Schankbetrieb will er für maximal 40 Besucher, vorrangig Kinder, seine Stücke aufführen.

Thermann suchte sich einen Bausachverständigen, der für ihn die Unterlagen zusammenstellte. Ende 2011 bekam er mit Hilfe Andreas Ottos ein Gründerdarlehen von der Bank, um die nötigen Umbauarbeiten, z.B. Feuerschutzdecke und Behindertentoilette, vorzunehmen. Im April dieses Jahres berichtete die Volksstimme über einen bevorstehenden Tag der offenen Tür im neuen Theater. Daraufhin meldete sich verwundert das Bauordnungsamt und verlangte den Bauantrag. "Da haben wir geschlafen, das war ein Fehler", gibt Jens Thermann zu. Direkt danach reichte er die Unterlagen ein.

Dann begannen - "scheibchenweise", wie Andreas Otto sagt - die Nachforderungen, u.a. sollte die Deckenbelastung für die 40 Plätze berechnet werden. Ein Statiker kam sofort am nächsten Tag und gab ohne Federlesen sein O.K. Nun soll es sich plötzlich um einen Sonderbau handeln. Folge für Thermann: mehr teure Umbauten. Die frühzeitige Beratung der Bauexperten vom Amt habe ihm gefehlt, sagt er. Jetzt läuft ihm die Zeit davon. Die Bank will nach sechs Monaten Ergebnisse sehen, demnächst endet die Unterstützung des Jobcenters für seinen Angestellten Henry Hennig, den Thermann dann entlassen muss.

Stadtpressesprecher Michael Reif erklärt die Amtssicht: "Die Sicherheit hat stets Vorrang vor anderen Interessen, hier insbesondere auch wegen der Kinder, die als Besucher erwartet werden. Der Betrieb ist ohne die dafür erforderliche Baugenehmigung also nicht möglich. Das Bauordnungsamt hat gegenüber den Antragstellern auch keine willkürlichen Forderungen erhoben." Einen kleinen Lichtblick hat er dennoch parat: "Aller Voraussicht nach kann eine Baugenehmigung erteilt werden." Somit bleibt die Hoffnung, dass das Amt doch noch die Puppen tanzen lässt, bevor der Vorhang für das "Arcanum" vorzeitig fällt.