Aus fast allem lässt sich eigentlich ein Fahrrad bauen, glaubt Enrico Fasel. Der 32-jährige kaufmännische Sachbearbeiter hat bereits als Kind an Rädern herumgebastelt. 2008 hat er sich dann spezialisiert: auf Cruiser. Cruiser, das sind jene lässig wirkenden Räder, die mit großen Lenkern, breiten Reifen und fantasievollen Verzierungen ausgestattet sind. Mal heißen sie Low-Rider oder Stretch-Bikes. Ihr Erscheinungsbild ist vielfältig, nur gewöhnlich, das sind sie nicht.

In den 70er Jahren schwappte eine Welle der Cruiser-Begeisterung aus den USA nach Deutschland über. Sie galten als Symbol für Freiheit und Individualität. Zwischendurch gerieten sie aber wieder in Vergessenheit. Doch seit einiger Zeit gibt es eine neue Cruiser-Anhängerschaft, speziell unter Jugendlichen, die immer weiter wächst. Enrico ist einer von ihnen und würde niemals auf die Idee kommen, sich solch ein Fahrrad zu kaufen. Stattdessen baut er es lieber selbst und zwar nach seinen eigenen Vorstellungen.

"Angefangen hat alles bei mir, als ich das alte Diamant-Rad meines Vaters im Keller entdeckte. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, es wegzuschmeißen. Also habe ich mir daraus ein neues gebaut."

Zehn Cruiser sind es mittlerweile, die der junge Mann selbst in seiner Werkstatt angefertigt hat. Eines davon entstand aus einem Kinderrad, das jemand anderes wegwerfen wollte. "Wenn ich irgendwo ein altes Rad auf dem Sperrmüll sehe, muss ich es mitnehmen", erzählt Enrico. "Dann habe ich sofort ganz viele Ideen, wie ich das Fahrrad gestalten könnte." Ein Cruiser ohne Chrom, das gibt es eigentlich nicht. "Ein richtiges Fahrrad muss glänzen", findet er.

Neues zu schaffen aus dem, was andere Leute wegschmeißen, das gibt Enrico ein gutes Gefühl. Aber da ist noch mehr: "Fahrräder erzählen immer eine Geschichte. Und die Räder, die ich vom Müll hole, haben einmal einen Menschen glücklich gemacht. So wie das alte Rad meines Vaters meinen Vater glücklich gemacht hat." Und diese Geschichten nimmt er dann mit in seine Werkstatt und erzählt auf seine Art weiter, indem er dem Rad ein neues Gesicht gibt.

"Es ist ein unbeschreibliches Gefühl hinterher, zu wissen, dass etwas, das vorher so noch nicht da war, dein neuer Begleiter ist." Nur das alte Rad seines Vaters, das darf niemals richtig fertig werden. Vier Jahre bastelt er schon dran rum. Es soll sein Für-immer-Projekt bleiben, gerade weil dieses Rad ihm so viel bedeutet.

Nicht nur Enrico baut seine Räder selbst. In Magdeburg hat sich eine eigene kleine Cruiser-Szene etabliert. "Es gibt sogar Typen, die kommen mit einem Rad zu mir und erzählen, es wäre zwei Tage zuvor noch eine Hollywoodschaukel gewesen." Auffallen, sich von der Masse abheben, das ist den Cruiser-Fans wichtig. Deshalb organisiert Enrico Fasel gemeinsam mit dem gemeinnützigen Verein "5 Elemente" jährlich den Magdeburger Loco Cruise - eine Tour für ausgefallene Räder. Die letzte ist nur wenige Wochen her und hatte mehr als 120 Teilnehmer. (fo)

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