Graffiti aus der Schmier- und Schmuddelecke zu holen und Künstlern wie Anfängern Raum zum Experimentieren zu geben - das sind die Hauptziele der Aerosol-Arena im Industriehafen. Am Wochenende lud das Projekt erstmals zum Tag der offenen Tür.

Industriehafen l Jens Besser schüttelt die Spraydose und setzt an. Es zischt - und Sekunden später zieht sich ein gelber Farbstrich über den schwarz-rot grundierten Untergrund. "Das passt", freut sich der Dresdner. Wieder ist ein Detail für einen S-Bahnwagen in Originalgröße auf eine Fabrikhallenwand aufgetragen. "Ein solches Gelände wie dieses hier gibt es in Deutschland kein zweites Mal", sagt der studierte Künstler und sprüht weiter.

Vorurteil der Schmiererei soll abgebaut werden

Im Internet hatte Jens Besser von dem Projekt gehört und war extra nach Magdeburg gekommen, um sich hier auszuprobieren. "Das gibt es nämlich ganz selten, dass auf Industriebrachen legal gesprüht werden kann und die Motive auch erhalten bleiben."

Szenen wie diese spielen sich derzeit auf dem Gelände der ehemaligen Brotfabrik am Klosterkamp 4 im Industriehafen ab - mit beeindruckenden Ergebnissen. Von den Wänden springen den Besucher ausdrucksstarke Graffiti an - und zwar ganz legal. "Graffiti ist für viele leider gleich Schmiererei", sagt Daniela Kreissl vom Verein Freiluft-Atelier, der für Magdeburgs größte Galerie verantwortlich ist. "Wir wollen mithelfen, dieses Vorurteil der Schmiererei zu ändern und stellen deshalb legal Flächen zur Verfügung. Vom illegalen Sprühen distanzieren wir uns ganz deutlich."

Der Verein hat das 30000 Quadratmeter große Gelände gepachtet und mit ihm rund 9000 Quadratmeter Fläche geschaffen, die für Graffiti-Kunst für jedermann genutzt werden kann. Künstler, Anfänger, Experimentierer - alle diese Gruppen will der Verein ansprechen. Doch zuvor ist Öffentlichkeitsarbeit angesagt wie am Sonnabend, um sich vorzustellen. Dutzende Magdeburger nahmen das Angebot an. Sprecherin Daniela ­Kreissl zieht eine positive Bilanz: "Dass zu uns junge Leute kommen, war zu erwarten. Wir sind aber überrascht, wie viele ältere Magdeburger sich hier umgesehen haben, darunter auch viele ehemalige Mitarbeiter der Bäckerei. Wir sind sehr zufrieden mit dem Zuspruch, konnten auch Kontakte knüpfen zu Nachbarn und auch dort Ängste abbauen." Dazu gehören beispielsweise Mitglieder des Museumbahn-Vereins an der Kozlowskistraße, die noch mehr Schmierereien befürchten, wenn in der Arena Veranstaltungen stattfinden. Daniela Kreissl: "Wir haben vereinbart, dass wir bei großen Veranstaltungen Wachpersonal abstellen."

Schulklassen und Vereine sind eingeladen

So will die Arena um Vertrauen und Interessenten werben. Jens Märker vom Freiluft-Verein: "Wir selber bieten zwar keine Kurse an, stellen auf Wunsch aber alles zur Verfügung." Eingeladen sind deshalb Schulklassen, Vereine und Jugendklubs, die sich das Projekt ansehen oder selbst ausprobieren wollen. Noch fehlt zwar die Betriebserlaubnis, Vorgespräche sind aber schon jetzt jederzeit möglich.

Wie finanziert sich ein solches Projekt? Daniela Kreissl erklärt: "Zunächst steckt viel Eigeninitiative und auch eigenes Geld drin. Ziel ist, dass wir über die Vermietung an Künstler, die Flächen suchen, und mit der Werbewirtschaft zusammenarbeiten. Da gibt es viele Möglichkeiten, zum Beispiel als Drehort für Werbefilme mit Graffiti-Kulisse."

Vorerst beschränken sich die Freiluft-Aktivisten auf die Öffentlichkeitsarbeit, um Akzeptanz, Künstler und letztlich Kunden zu finden.

Ein erster Schritt waren die beiden Tage der offenen Tür. Besuch und Besichtigung sind aber dennoch auch spontan vor Ort möglich. Im Oktober soll es dann das erste große Künstlertreffen geben.

www.freiluft-atelier.com

 

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